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"Caritas in Veritate" Benedict XVI Offers Commentary on Encyclical

 

"Evangelii-Gaudium" "Lumen Fedei" "Caritas in Veritate" "Deaus Caritas est"

INHALT
Die Freude des Evangeliums [1]
I. Freude, die sich erneuert und sich mitteilt [2-8]

II. Die innige und tröstliche Freude der Ver­kündigung des Evangeliums [9-10]

Eine ewige Neuheit [11-13]
III. Die neue Evangelisierung für die Weiter­gabe des Glaubens [14-15]

Anliegen und Grenzen dieses Schreibens [16-18] 17
ERSTES KAPITEL
DIE MISSIONARISCHE UMGESTALTUNG DER KIRCHE [19]
I. Eine Kirche „im Aufbruch“ [20-23]

Die Initiative ergreifen, sich einbringen, beglei­ten, Frucht bringen und feiern [24]
II. Seelsorge in Neuausrichtung [25-26]

Eine unaufschiebbare kirchliche Erneuerung [27-33]
III. Aus dem Herzen des Evangeliums [34-39]

IV. Die Mission, die in den menschlichen Be­grenzungen Gestalt annimmt [40-45]

V. Eine Mutter mit offenem Herzen [46-49]

ZWEITES KAPITEL
IN DER KRISE DES GEMEINSCHAFT-
LICHEN ENGAGEMENTS [50-51]
I. Einige Herausforderungen der Welt von heute [52]

Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung [53-54]
Nein zur neuen Vergötterung des Geldes [55-56]
Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu die­nen [57-58]
Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt [59-60]
Einige kulturelle Herausforderungen [61-66] 58
Herausforderungen der Inkulturation des Glaubens [67-70]
Herausforderungen der Stadtkulturen [71-75]
II. Versuchungen der in der Seelsorge Täti­gen [76-77]

Ja zur Herausforderung einer missionarischen Spiritualität [78-80]
Nein zur egoistischen Trägheit [81-83]
Nein zum sterilen Pessimismus [84-86]
Ja zu den neuen, von Jesus Christus gebildeten Beziehungen [87-92]
Nein zur spirituellen Weltlichkeit [93-97] .
Nein zum Krieg unter uns [98-101]
Weitere kirchliche Herausforderungen [102-109]
DRITTES KAPITEL
DIE VERKÜNDIGUNG
DES EVANGELIUMS [110]
I. Das ganze Volk Gottes verkündet das Evangelium [111]

Ein Volk für alle [112-114]
Ein Volk der vielen Gesichter [115-118] .
Alle sind wir missionarische Jünger [119-121]
Die evangelisierende Kraft der Volksfrömmig­keit [122-126]
Von Mensch zu Mensch [127-129]
Charismen im Dienst der evangelisierenden Gemeinschaft [130-131]
Die Welt der Kultur, des Denkens und der Erziehung [123-134]
II. Die Homilie [135-136]

Der liturgische Kontext [137-138]
Das Gespräch einer Mutter [139-141]
Worte, die die Herzen entfachen [142-144]
III. Die Vorbereitung auf die Predigt [145] .

Der Dienst der Wahrheit [146-148]
Der persönliche Umgang mit dem Wort [149-151]
Die geistliche Lesung [152-153]
Ein Ohr beim Volk [154-155]
Pädagogische Mittel [156-159]
IV. Eine Evangelisierung zur Vertiefung des Kerygmas [160-162]

Eine kerygmatische und mystagogische Kate­chese [163-168]
Die persönliche Begleitung der Wachstumspro­zesse [169-173]
Am Wort Gottes orientiert [174-175]
VIERTES KAPITEL
DIE SOZIALE DIMENSION
DER EVANGELISIERUNG [176]
I. Die gemeinschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kerygmas [177]

Bekenntnis des Glaubens und soziale Ver­pflichtung [178-179]
Das Reich, das uns ruft [180-181] . . . 163
Die Lehre der Kirche zu den sozialen Fragen [182-185]
II. Die gesellschaftliche Eingliederung der Armen [186]
Gemeinsam mit Gott hören wir einen Schrei [187-193]
Treue zum Evangelium, um nicht vergeblich zu laufen [194-196]
Der bevorzugte Platz der Armen im Volk Gottes [107-201]
Wirtschaft und Verteilung der Einkünfte [202-208]
Sich der Schwachen annehmen [209-216] . 187
III. Das Gemeingut und der soziale Frieden [217-221]

Die Zeit ist mehr wert als der Raum [222-225]
Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt [226-230]
Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee [231-233]
Das Ganze ist dem Teil übergeordnet [234-237]
IV. Der soziale Dialog als Beitrag zum Frie­den [238-241]

Der Dialog zwischen Glaube, Vernunft und den Wissenschaften [242-243]
Der ökumenische Dialog [244-246]
Die Beziehungen zum Judentum [247-249]
Der interreligiöse Dialog [250-254]
Der soziale Dialog in einem Kontext religiöser Freiheit [255-258]
FÜNFTES KAPITEL
EVANGELISIERENDE MIT GEIST [259-261]
I. Motivationen für einen neuen missionari­schen Schwung [262-263]

Die persönliche Begegnung mit der rettenden Liebe Jesu [264-267]
Das geistliche Wohlgefallen, Volk zu sein [268-274]
Das geheimnisvolle Wirken des Auferstande­nen und seines Geistes [275-280]
Die missionarische Kraft des Fürbittgebets [281-283]
II. Maria, die Mutter der Evangelisierung [284]

Ein Geschenk Jesu an sein Volk [285-286]
Der Stern der neuen Evangelisierung [287-288]

 


 

Evangelii-Gaudium
APOSTOLISCHES SCHREIBEN
DES HEILIGEN VATERS PAPST FRANZISKUS

AN DIE BISCHÖFE AN DIE PRIESTER UND DIAKONE AN DIE PERSONEN GEWEIHTEN LEBENS UND AN DIE CHRISTGLÄUBIGEN LAIEN ÜBER DIE VERKÜNDIGUNG DES EVANGELIUMS IN DER WELT VON HEUTE
. Vatican





1.
Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm ret­ten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt im­mer – und immer wieder – die Freude. In diesem Schreiben möchte ich mich an die Christgläubi­gen wenden, um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von dieser Freu­de geprägt ist, und um Wege für den Lauf der Kirche in den kommenden Jahren aufzuzeigen.

I.
Freude, die sich erneuert und sich mitteilt

2.
Die große Gefahr der Welt von heute mit ih­rem vielfältigen und erdrückenden Konsumange­bot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervor­geht, aus der krankhaften Suche nach oberfläch­lichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die inni­ge Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Be­geisterung, das Gute zu tun. Auch die Gläubigen laufen nachweislich und fortwährend diese Ge­fahr. Viele erliegen ihr und werden zu gereizten, unzufriedenen, empfindungslosen Menschen. Das ist nicht die Wahl eines würdigen und erfüll­ten Lebens, das ist nicht Gottes Wille für uns, das ist nicht das Leben im Geist, das aus dem Herzen des auferstandenen Christus hervorsprudelt.

3.
Ich lade jeden Christen ein, gleich an wel­chem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn »niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt«.1 Wer etwas wagt, den enttäuscht der Herr nicht, und wenn jemand ei­nen kleinen Schritt auf Jesus zu macht, entdeckt er, dass dieser bereits mit offenen Armen auf sein Kommen wartete. Das ist der Augenblick, um zu Jesus Christus zu sagen: „Herr, ich habe mich täuschen lassen, auf tausenderlei Weise bin ich vor deiner Liebe geflohen, doch hier bin ich wieder, um meinen Bund mit dir zu erneu­ern. Ich brauche dich. Kaufe mich wieder frei, nimm mich noch einmal auf in deine erlösenden Arme.“ Es tut uns so gut, zu ihm zurückzukeh­ren, wenn wir uns verloren haben! Ich beharre

1 Paul VI., Apostolisches Schreiben Gaudete in Domino (9. Mai 1975), 22: AAS 67 (1975), 297.
noch einmal darauf: Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten. Der uns aufgefordert hat, »siebenundsiebzigmal« zu vergeben (Mt 18,22), ist uns ein Vorbild: Er vergibt siebenundsiebzig­mal. Ein ums andere Mal lädt er uns wieder auf seine Schultern. Niemand kann uns die Würde nehmen, die diese unendliche und unerschütter­liche Liebe uns verleiht. Mit einem Feingefühl, das uns niemals enttäuscht und uns immer die Freude zurückgeben kann, erlaubt er uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen. Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu, geben wir uns niemals geschlagen, was auch immer gesche­hen mag. Nichts soll stärker sein als sein Leben, das uns vorantreibt!
4.
Die Bücher des Alten Testaments hatten die Freude des Heils angekündigt, die es dann in den messianischen Zeiten im Überfluss geben sollte. Der Prophet Jesaja wendet sich an den erwarte­ten Messias und begrüßt ihn voll Freude: »Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freu­de. Man freut sich in deiner Nähe…« (9,2). Und er ermuntert die Bewohner von Zion, ihn mit Gesängen zu empfangen: »Jauchzt und jubelt!« (12,6). Den, der ihn schon am Horizont gese­hen hat, lädt der Prophet ein, zu einem Boten für die anderen zu werden: »Steig auf einen ho-hen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb dei­ne Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude!« (40,9). Die ganze Schöpfung nimmt an dieser Freude des Heils teil: »Jubelt, ihr Himmel, jauchze, o Erde, freut euch, ihr Berge! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Ar­men erbarmt« (49,13).

Sacharja sieht den Tag des Herrn und for­dert dazu auf, den König hochleben zu lassen, der »demütig« kommt und »auf einem Esel rei­tet«: »Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft« (9,9).
Aber die am stärksten mitreißende Auffor­derung ist wohl die des Propheten Zefanja, der uns Gott selbst wie einen leuchtenden Mittel­punkt des Festes und der Fröhlichkeit vor Augen führt, der seinem Volk diese heilbringende Freu­de vermittelt. Es ergreift mich, wenn ich diesen Text wieder lese: »Der Herr, dein Gott, ist in dei­ner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt« (3,17).
Es ist die Freude, die man in den kleinen Dingen des Alltags erlebt, als Antwort auf die lie­bevolle Einladung Gottes, unseres Vaters: »Mein Sohn, wenn du imstande bist, pflege dich selbst […] Versag dir nicht das Glück des heutigen Ta­ges« (Sir 14,11.14). Wie viel zärtliche Vaterliebe ist in diesen Worten zu spüren!
5.
Das Evangelium, in dem das Kreuz Chris-ti „glorreich“ erstrahlt, lädt mit Nachdruck zur Freude ein. Nur einige Beispiele: »Chaire – freue dich« ist der Gruß des Engels an Maria (Lk 1,28). Der Besuch Marias bei Elisabet lässt Jo­hannes im Mutterschoß vor Freude hüpfen (vgl. Lk 1,41). In ihrem Lobgesang bekundet Maria: »Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter« (Lk 1,47). Als Jesus sein öffentliches Wirken beginnt, ruft Johannes aus: »Nun ist diese mei­ne Freude vollkommen« (Joh 3,29). Jesus selber »rief […] vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freu­de aus…« (Lk 10,21). Seine Botschaft ist Quelle der Freude: »Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird« (Joh 15,11). Unsere christliche Freude entspringt der Quelle seines überfließen­den Herzens. Er verheißt seinen Jüngern: »Ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln« (Joh 16,20), und be­harrt darauf: »Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude« (Joh 16,22). Als sie ihn später als Auferstandenen sahen, »freuten« sie sich (Joh 20,20). Die Apostelgeschichte erzählt von der ersten Gemeinde: Sie »hielten miteinander Mahl in Freude« (2,46). Wo die Jünger vorbeikamen, »herrschte große Freude« (8,8), und sie selber waren mitten in der Verfolgung »voll Freude« (13,52). Ein äthiopischer Hofbeamter zog, nach­dem er die Taufe empfangen hatte, »voll Freude« weiter (8,39), und der Gefängniswärter »war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war« (16,34). Wa­rum wollen nicht auch wir in diesen Strom der Freude eintreten?

6.
Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint. Doch ich gebe zu, dass man die Freude nicht in allen Lebens­abschnitten und -umständen, die manchmal sehr hart sind, in gleicher Weise erlebt. Sie passt sich an und verwandelt sich, und bleibt immer wenig­stens wie ein Lichtstrahl, der aus der persönli­chen Gewissheit hervorgeht, jenseits von allem grenzenlos geliebt zu sein. Ich verstehe die Men­schen, die wegen der schweren Nöte, unter de­nen sie zu leiden haben, zur Traurigkeit neigen, doch nach und nach muss man zulassen, dass die Glaubensfreude zu erwachen beginnt, wie eine geheime, aber feste Zuversicht, auch mitten in den schlimmsten Ängsten: »Du hast mich aus dem Frieden hinausgestoßen; ich habe verges­sen, was Glück ist […] Das will ich mir zu Her­zen nehmen, darauf darf ich harren: Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; groß ist deine Treue […] Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn« (Klgl 3,17.21-13.26).

7.
Die Versuchung erscheint häufig in Form von Entschuldigungen und Beanstandungen, als müssten unzählige Bedingungen erfüllt sein, da­mit Freude möglich ist. Denn »es ist der tech­nologischen Gesellschaft gelungen, die Vergnü­gungsangebote zu vervielfachen, doch es fällt ihr sehr schwer, Freude zu erzeugen«.2 Ich kann wohl sagen, dass die schönsten und spontansten

2 Ebd., 8: AAS 67 (1975), 292.
Freuden, die ich im Laufe meines Lebens gese­hen habe, die ganz armer Leute waren, die we­nig haben, an das sie sich klammern können. Ich erinnere mich auch an die unverfälschte Freude derer, die es verstanden haben, sogar inmitten bedeutender beruflicher Verpflichtungen ein gläubiges, großzügiges und einfaches Herz zu bewahren. Auf verschiedene Weise schöpfen diese Freuden aus der Quelle der stets größeren Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus kundge­tan hat. Ich werde nicht müde, jene Worte Be­nedikts XVI. zu wiederholen, die uns zum Zen­trum des Evangeliums führen: »Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unse­rem Leben einen neuen Horizont und damit sei­ne entscheidende Richtung gibt.«3
8.
Allein dank dieser Begegnung – oder Wie­derbegegnung – mit der Liebe Gottes, die zu ei­ner glücklichen Freundschaft wird, werden wir von unserer abgeschotteten Geisteshaltung und aus unserer Selbstbezogenheit erlöst. Unser vol­les Menschsein erreichen wir, wenn wir mehr als nur menschlich sind, wenn wir Gott erlauben, uns über uns selbst hinaus zu führen, damit wir zu unserem eigentlicheren Sein gelangen. Dort liegt die Quelle der Evangelisierung. Wenn näm­

3 Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), 1: AAS 98 (2006), 217.
lich jemand diese Liebe angenommen hat, die ihm den Sinn des Lebens zurückgibt, wie kann er dann den Wunsch zurückhalten, sie den anderen mitzuteilen?
II.
Die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums

9.
Das Gute neigt immer dazu, sich mitzu­teilen. Jede echte Erfahrung von Wahrheit und Schönheit sucht von sich aus, sich zu verbrei­ten, und jeder Mensch, der eine tiefe Befreiung erfährt, erwirbt eine größere Sensibilität für die Bedürfnisse der anderen. Wenn man das Gute mitteilt, fasst es Fuß und entwickelt sich. Darum gibt es für jeden, der ein würdiges und erfülltes Leben zu führen wünscht, keinen anderen Weg, als den anderen anzuerkennen und sein Wohl zu suchen. So dürften uns also einige Worte des hei­ligen Paulus nicht verwundern: »Die Liebe Chris-ti drängt uns« (2 Kor 5,14); »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16).

10.
Der Vorschlag lautet, auf einer höheren Ebene zu leben, jedoch nicht weniger intensiv: »Das Leben wird reicher, wenn man es hingibt; es verkümmert, wenn man sich isoliert und es sich bequem macht. In der Tat, die größte Freude am Leben erfahren jene, die sich nicht um jeden Preis absichern, sondern sich vielmehr leiden­schaftlich dazu gesandt wissen, anderen Leben zu geben.«4 Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, tut sie nichts anderes, als den Christen die wahre Dynamik der Selbstver­wirklichung aufzuzeigen: »Hier entdecken wir ein weiteres Grundgesetz der Wirklichkeit: Das Leben wird reifer und reicher, je mehr man es hingibt, um anderen Leben zu geben. Darin be­steht letztendlich die Mission.«5 Folglich dürfte ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben. Gewin­nen wir den Eifer zurück, mehren wir ihn und mit ihm »die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn wir unter Tränen säen sollten […] Die Welt von heu­te, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkün­der hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, de­ren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben.«6

Eine ewige Neuheit
11.
Eine erneuerte Verkündigung schenkt den Gläubigen – auch den lauen oder nicht praktizie­renden – eine neue Freude im Glauben und eine

4 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 360.
5 Ebd.
6 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 80: AAS 68 (1976), 75.
missionarische Fruchtbarkeit. In Wirklichkeit ist das Zentrum und das Wesen des Glaubens immer dasselbe: der Gott, der seine unermessliche Lie­be im gestorbenen und auferstandenen Christus offenbart hat. Er lässt seine Gläubigen immer neu sein, wie alt sie auch sein mögen; sie »schöp­fen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt« (Jes 40,31). Christus ist das »ewige Evangelium« (Offb 14,6), und er ist »der­selbe gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8), aber sein Reichtum und seine Schönheit sind un­erschöpflich. Er ist immer jung und eine ständige Quelle von Neuem. Die Kirche hört nicht auf zu staunen über die »Tiefe des Reichtums, der Weis­heit und der Erkenntnis Gottes« (Röm 11,33). Der heilige Johannes vom Kreuz sagte: »Dieses Dickicht von Gottes Weisheit und Wissen ist so tief und unendlich, dass ein Mensch, auch wenn er noch so viel davon weiß, immer noch tiefer eindringen kann.«7 Oder mit den Worten des heiligen Irenäus: »[Christus] hat jede Neuheit ge­bracht, indem er sich selber brachte.«8 Er kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und un­sere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie. Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns an­
7 Geistlicher Gesang, 36, 10.
8 Adversus haereses, IV, Kap. 34, Nr. 1: PG 7, 1083: »Omnem novitatem attulit, semetipsum afferens.«
maßen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität. Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zu­rückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksfor­men, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer „neu“.
12.
Obwohl dieser Auftrag uns einen großher­zigen Einsatz abverlangt, wäre es ein Irrtum, ihn als heldenhafte persönliche Aufgabe anzusehen, da es vor allem sein Werk ist, jenseits von dem, was wir herausfinden und verstehen können. Jesus ist »der allererste und größte Künder des Evangeliums«.9 In jeglicher Form von Evangeli­sierung liegt der Vorrang immer bei Gott, der uns zur Mitarbeit mit ihm gerufen und uns mit der Kraft seines Geistes angespornt hat. Die wahre Neuheit ist die, welche Gott selber geheimnisvoll hervorbringen will, die er eingibt, die er erweckt, die er auf tausenderlei Weise lenkt und begleitet. Im ganzen Leben der Kirche muss man immer deutlich machen, dass die Initiative bei Gott liegt, dass »er uns zuerst geliebt« hat (1 Joh 4,19) und dass es »nur Gott [ist], der wachsen lässt« (1 Kor 3,7). Diese Überzeugung erlaubt uns, inmitten einer so anspruchsvollen und herausfordernden

9 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 7: AAS 68 (1976), 9.
Aufgabe, die unser Leben ganz und gar verein­nahmt, die Freude zu bewahren. Sie verlangt von uns alles, aber zugleich bietet sie uns alles.
13.
Wir dürfen die Neuheit dieses Auftrags auch nicht wie eine Entwurzelung verstehen, wie ein Vergessen der lebendigen Geschichte, die uns aufnimmt und uns vorantreibt. Das Gedächtnis ist eine Dimension unseres Glaubens, die wir „deuteronomisch“ nennen könnten, in Analogie zum Gedächtnis Israels. Jesus hinterlässt uns die Eucharistie als tägliches Gedächtnis der Kirche, das uns immer mehr in das Paschageheimnis ein­führt (vgl. Lk 22,19). Die Freude der Verkündi­gung erstrahlt immer auf dem Hintergrund der dankbaren Erinnerung: Es ist eine Gnade, die wir erbitten müssen. Die Apostel haben nie den Mo­ment vergessen, in dem Jesus ihr Herz anrührte: »Es war um die zehnte Stunde« (Joh 1,39). Ge­meinsam mit Jesus vergegenwärtigt uns das Ge­dächtnis eine wahre »Wolke von Zeugen« (Hebr 12,1). Unter ihnen heben sich einige Personen hervor, die besonders prägend dazu beigetragen haben, dass unsere Glaubensfreude aufkeimte: »Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben« (Hebr 13,7). Manchmal handelt es sich um einfache Menschen in unserer Nähe, die uns in das Glaubensleben eingeführt haben: »Ich denke an deinen aufrichtigen Glau­ben, der schon in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunike lebendig war« (2 Tim 1,5). Der Gläubige ist grundsätzlich ein „Erinne­rungsmensch“.

III.
Die neue Evangelisierung für die Weiter­gabe des Glaubens

14.
Im Hören auf den Geist, der uns hilft, ge­meinschaftlich die Zeichen der Zeit zu erken­nen, wurde vom 7. bis zum 28. Oktober 2012 die XIII. Ordentliche Vollversammlung der Bi­schofssynode unter dem Thema Die neue Evan­gelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens abgehalten. Dort wurde daran erinnert, dass die neue Evangelisierung alle aufruft und dass sie sich grundsätzlich in drei Bereichen abspielt.10 An erster Stelle erwähnen wir den Bereich der ge­wöhnlichen Seelsorge, »die mehr vom Feuer des Hei­ligen Geistes belebt sein muss, um die Herzen der Gläubigen zu entzünden, die sich regelmä­ßig in der Gemeinde zusammenfinden und sich am Tag des Herrn versammeln, um sich vom Wort Gottes und vom Brot ewigen Lebens zu ernähren«.11 In diesen Bereich sind ebenso die Gläubigen einzubeziehen, die einen festen und ehrlichen katholischen Glauben bewahren und ihn auf verschiedene Weise zum Ausdruck brin­gen, auch wenn sie nicht häufig am Gottesdienst teilnehmen. Diese Seelsorge ist auf das Wachs­tum der Gläubigen ausgerichtet, damit sie immer besser und mit ihrem ganzen Leben auf die Lie­be Gottes antworten.

10 Vgl. Propositio 7.
11 Benedikt XVI., Homilie während der Eucharistiefeier zum Abschluss der XIII. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode (28. Oktober 2012): AAS 104 (2012), 890.
An zweiter Stelle erwähnen wir den Bereich der »Getauften, die jedoch in ihrer Lebensweise den An­sprüchen der Taufe nicht gerecht werden«,12 keine innere Zugehörigkeit zur Kirche haben und nicht mehr die Tröstung des Glaubens erfahren. Als stets aufmerksame Mutter setzt sich die Kirche dafür ein, dass sie eine Umkehr erleben, die ihnen die Freude am Glauben und den Wunsch, sich mit dem Evangelium zu beschäftigen, zurückgibt.
Schließlich unterstreichen wir, dass die Evangelisierung wesentlich verbunden ist mit der Verkündigung des Evangeliums an diejenigen, die Jesus Christus nicht kennen oder ihn immer abgelehnt haben. Viele von ihnen suchen Gott insgeheim, bewegt von der Sehnsucht nach seinem Ange­sicht, auch in Ländern alter christlicher Tradition. Alle haben das Recht, das Evangelium zu emp­fangen. Die Christen haben die Pflicht, es aus­nahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Prosyle­tismus, sondern »durch Anziehung«.13
15.
Johannes Paul II. hat uns ans Herz gelegt anzuerkennen, dass »die Kraft nicht verloren ge­hen [darf] für die Verkündigung« an jene, die fern

12 Ebd.
13 Benedikt XVI., Homilie während der Eucharistiefeier zur Eröffnung der V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik im Heiligtum »La Aparecida« (13. Mai 2007): AAS 99 (2007), 437.
sind von Christus, denn dies ist »die erste Aufgabe der Kirche«.14 »Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte Herausforderung für die Kir­che dar«15, und so »muss das missionarische Anlie­gen das erste sein«.16 Was würde geschehen, wenn wir diese Worte wirklich ernst nehmen würden? Wir würden einfach erkennen, dass das missio­narische Handeln das Paradigma für alles Wirken der Kirche ist. Auf dieser Linie haben die latein­amerikanischen Bischöfe bekräftigt: »Wir kön­nen nicht passiv abwartend in unseren Kirchen­räumen sitzen bleiben«,17 und die Notwendigkeit betont, »von einer rein bewahrenden Pastoral zu einer entschieden missionarischen Pastoral überzugehen«.18 Diese Aufgabe ist weiterhin die Quelle der größten Freuden für die Kirche: »Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der um­kehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren« (Lk 15,7).
Anliegen und Grenzen dieses Schreibens
16.
Ich habe die Einladung der Synodenväter, dieses Schreiben zu verfassen, gerne angenom­

14 Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 34: AAS 83 (1991), 280.
15 Ebd., 40: AAS 83 (1991), 287.
16 Ebd., 86: AAS 83 (1991), 333.
17 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 548.
18 Ebd., 370.
men.19 Indem ich es tue, ernte ich den Reichtum der Arbeiten der Synode. Ich habe auch verschie­dene Personen zu Rate gezogen, und ich beab­sichtige außerdem, die Besorgnisse zum Aus­druck zu bringen, die mich in diesem konkreten Moment des Evangelisierungswerkes der Kirche bewegen. Zahllos sind die mit der Evangelisie­rung in der Welt von heute verbundenen The­men, die man hier entwickeln könnte. Doch ich habe darauf verzichtet, diese vielfältigen Fragen ausführlich zu behandeln; sie müssen Gegenstand des Studiums und der sorgsamen Vertiefung sein. Ich glaube auch nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aus­sage zu allen Fragen erwarten muss, welche die Kirche und die Welt betreffen. Es ist nicht ange­bracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen „De­zentralisierung“ voranzuschreiten.
17.
Hier habe ich die Wahl getroffen, einige Li­nien vorzuschlagen, die in der gesamten Kirche einer neuen Etappe der Evangelisierung voller Eifer und Dynamik Mut und Orientierung ver­leihen können. In diesem Rahmen und auf der Basis der Lehre der dogmatischen Konstitution Lumen gentium habe ich mich entschieden, unter

19 Vgl. Propositio 1.
den anderen Themen die folgenden Fragen aus­führlich zu behandeln:
a) Die Reform der Kirche im missionarischen Aufbruch
b) Die Versuchungen der in der Seelsorge Täti­gen
c) Die Kirche, verstanden als die Gesamtheit des evangelisierenden Gottesvolkes
d) Die Predigt und ihre Vorbereitung
e) Die soziale Eingliederung der Armen
f) Der Friede und der soziale Dialog
g) Die geistlichen Beweggründe für den missio­narischen Einsatz
18.
Ich habe diese Themen in einer Ausführ­lichkeit behandelt, die vielleicht übertrieben erscheinen mag. Aber ich habe es nicht in der Absicht getan, eine Abhandlung vorzulegen, sondern nur, um die bedeutende praktische Aus­wirkung dieser Argumente in der gegenwärtigen

Aufgabe der Kirche zu zeigen. Sie alle helfen nämlich, einen bestimmten Stil der Evangeli­sierung zu umreißen, und ich lade ein, diesen in allem, was getan wird, zu übernehmen. Und so können wir auf diese Weise inmitten unserer täg­lichen Arbeit der Aufforderung des Wortes Got­tes nachkommen: »Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!« (Phil 4,4).
ERSTES KAPITEL
DIE MISSIONARISCHE UMGESTAL­TUNG DER KIRCHE
19.
Die Evangelisierung folgt dem Missions­auftrag Jesu: »Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe« (Mt 28,19-20). In diesen Versen ist der Moment dargestellt, in dem der Auferstandene die Seinen aussendet, das Evangelium zu jeder Zeit und an allen Orten zu verkünden, so dass der Glaube an ihn sich bis an alle Enden der Erde ausbreite.

I.
Eine Kirche „im Aufbruch“

20.
Im Wort Gottes erscheint ständig diese Dy­namik des „Aufbruchs“, die Gott in den Gläubi­gen auslösen will. Abraham folgte dem Aufruf, zu einem neuen Land aufzubrechen (vgl. Gen 12,1-3). Mose gehorchte dem Ruf Gottes: »Geh! Ich sende dich« (Ex 3,10), und führte das Volk hinaus, dem verheißenen Land entgegen (vgl. Ex 3,17). Zu Jeremia sagte Gott: »Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen« (Jer 1,7). Heu­te sind in diesem „Geht“ Jesu die immer neuen Situationen und Herausforderungen des Evan­gelisierungsauftrags der Kirche gegenwärtig, und wir alle sind zu diesem neuen missionarischen „Aufbruch“ berufen. Jeder Christ und jede Ge­meinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt, doch alle sind wir auf­gefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszu­gehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen.

21.
Die Freude aus dem Evangelium, die das Leben der Gemeinschaft der Jünger erfüllt, ist eine missionarische Freude. Die zweiundsiebzig Jünger, die voll Freude von ihrer Sendung zu­rückkehren, erfahren sie (vgl. Lk 10,17). Jesus er-
lebt sie, als er im Heiligen Geist vor Freude jubelt und den Vater preist, weil seine Offenbarung die Armen und die Kleinsten erreicht (vgl. Lk 10,21). Voll Verwunderung spüren sie die Ersten, die sich bekehren, als am Pfingsttag, in der Predigt der Apostel, »jeder sie in seiner Sprache reden« hört (Apg 2,6). Diese Freude ist ein Zeichen, dass das Evangelium verkündet wurde und bereits Frucht bringt. Aber sie hat immer die Dynamik des Aufbruchs und der Gabe, des Herausgehens aus sich selbst, des Unterwegsseins und des im­mer neuen und immer weiteren Aussäens. Der Herr sagt: »Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort pre­dige; denn dazu bin ich gekommen!« (Mk 1,38). Wenn der Same an einem Ort ausgesät ist, hält Jesus sich dort nicht mehr auf, um etwas besser zu erklären oder um weitere Zeichen zu wirken, sondern der Geist führt ihn, zu anderen Dörfern aufzubrechen.

22.
Das Wort Gottes trägt in sich Anlagen, die wir nicht voraussehen können. Das Evangelium spricht von einem Samen, der, wenn er einmal ausgesät ist, von sich aus wächst, auch wenn der Bauer schläft (vgl. Mk 4,26-29). Die Kirche muss diese unfassbare Freiheit des Wortes akzeptie­ren, das auf seine Weise und in sehr verschiede­nen Formen wirksam ist, die gewöhnlich unsere Prognosen übertreffen und unsere Schablonen sprengen.

23.
Die innige Verbundenheit der Kirche mit Jesus ist eine Verbundenheit auf dem Weg, und die Gemeinschaft »stellt sich wesentlich als mis­sionarische Communio dar«.20 In der Treue zum Vorbild des Meisters ist es lebenswichtig, dass die Kirche heute hinausgeht, um allen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden aus­schließen. So verkündet es der Engel den Hirten von Bethlehem: »Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll« (Lk 2,10). Die Offen­barung des Johannes spricht davon, dass »den Bewohnern der Erde ein ewiges Evangelium zu verkünden [ist], allen Nationen, Stämmen, Sprachen und Völkern« (Offb 14,6).

20 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 32: AAS 81 (1989), 451.
Die Initiative ergreifen, sich einbringen, begleiten, Frucht bringen und feiern
24.
Die Kirche „im Aufbruch“ ist die Gemein­schaft der missionarischen Jünger, die die Initia­tive ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. „Primerear – die Initiative ergreifen“: Entschuldigt diesen Neo­logismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die an­deren zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Aus­geschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzu­bieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite. Wagen wir ein we­nig mehr, die Initiative zu ergreifen! Als Folge weiß die Kirche sich „einzubringen“. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Der Herr bringt sich ein und bezieht die Seinen ein, indem er vor den anderen niederkniet, um sie zu wa­schen. Aber dann sagt er zu den Jüngern: »Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt« (Joh 13,17). Die evangelisierende Gemeinde stellt sich durch Werke und Gesten in das Alltagsleben der anderen, verkürzt die Distanzen, erniedrigt sich nötigenfalls bis zur Demütigung und nimmt das menschliche Leben an, indem sie im Volk mit dem leidenden Leib Christi in Berührung kommt. So haben die Evangelisierenden den „Geruch der Schafe“, und diese hören auf ihre Stimme. Die evangelisierende Gemeinde stellt sich also darauf ein, zu „begleiten“. Sie begleitet die Menschheit in all ihren Vorgängen, so hart und langwierig sie auch sein mögen. Sie kennt das lange Warten und die apostolische Ausdau­er. Die Evangelisierung hat viel Geduld und ver­meidet, die Grenzen nicht zu berücksichtigen. In der Treue zur Gabe des Herrn weiß sie auch „Frucht zu bringen“. Die evangelisierende Ge­meinde achtet immer auf die Früchte, denn der Herr will, dass sie fruchtbar ist. Sie nimmt sich des Weizens an und verliert aufgrund des Un­krauts nicht ihren Frieden. Wenn der Sämann inmitten des Weizens das Unkraut aufkeimen sieht, reagiert er nicht mit Gejammer und Panik. Er findet den Weg, um dafür zu sorgen, dass das Wort Gottes in einer konkreten Situation Gestalt annimmt und Früchte neuen Lebens trägt, auch wenn diese scheinbar unvollkommen und unvoll­endet sind. Der Jünger weiß sein ganzes Leben hinzugeben und es als Zeugnis für Jesus Christus aufs Spiel zu setzen bis hin zum Martyrium, doch sein Traum ist nicht, Feinde gegen sich anzusam­meln, sondern vielmehr, dass das Wort Gottes aufgenommen werde und seine befreiende und erneuernde Kraft offenbare. Und schließlich versteht die fröhliche evangelisierende Gemein­de immer zu „feiern“. Jeden kleinen Sieg, jeden Schritt vorwärts in der Evangelisierung preist und feiert sie. Die freudige Evangelisierung wird zur Schönheit in der Liturgie inmitten der täglichen Anforderung, das Gute zu fördern. Die Kirche evangelisiert und evangelisiert sich selber mit der Schönheit der Liturgie, die auch Feier der missio­narischen Tätigkeit und Quelle eines erneuerten Impulses zur Selbsthingabe ist.

II.
Seelsorge in Neuausrichtung

25.
Ich weiß sehr wohl, dass heute die Doku­mente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden. Trotzdem betone ich, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Be­deutung hat und wichtige Konsequenzen bein­haltet. Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionari­schen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine »reine Verwaltungsarbeit«.21 Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen »Zustand permanenter Mission«.22

26.
Paul VI. forderte, den Aufruf zur Erneue­rung auszuweiten, um mit Nachdruck zu sagen, dass er sich nicht nur an Einzelpersonen wandte, sondern an die gesamte Kirche. Wir erinnern an

21 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29.Juni 2007), 201.
22 Ebd., 551.
diesen denkwürdigen Text, der seine interpel­lierende Kraft nicht verloren hat: »Die Kirche muss das Bewusstsein um sich selbst vertiefen und über das ihr eigene Geheimnis nachsinnen […] Aus diesem erleuchteten und wirkenden Be­wusstsein erwächst ein spontanes Verlangen, das Idealbild der Kirche wie Christus sie sah, wollte und liebte, als seine heilige und makellose Braut (vgl. Eph 5,27), mit dem wirklichen Gesicht, das die Kirche heute zeigt, zu vergleichen […] Es erwächst deshalb ein großherziges und fast ungeduldiges Bedürfnis nach Erneuerung, das heißt nach Berichtigung der Fehler, die dieses Bewusstsein aufzeigt und verwirft, gleichsam wie eine innere Prüfung vor dem Spiegel des Vorbil­des, das Christus uns von sich hinterlassen hat.«23
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die kirchliche Neuausrichtung dargestellt als die Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus: »Jede Erneuerung der Kirche besteht wesentlich im Wachstum der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung […] Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform geru­fen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschli­che und irdische Einrichtung ist.«24
Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dyna­mik der Evangelisierung beeinträchtigen können;
23 Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam (6. August 1964), 3: AAS 56 (1964), 611-612.
24 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 6.
gleicherweise können die guten Strukturen nütz­lich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Le­ben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.
Eine unaufschiebbare kirchliche Erneuerung
27.
Ich träume von einer missionarischen Ent­scheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, da­mit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neu­ausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet. Wie Jo­hannes Paul II. zu den Bischöfen Ozeaniens sag­te, muss »jede Erneuerung in der Kirche […] auf die Mission abzielen, um nicht einer Art kirchli­cher Introversion zu verfallen.«25

25 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Oceania (22. November 2001), 19: AAS 94 (2002), 390.
28.
Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionari­sche Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern. Obwohl sie sicherlich nicht die einzige evangelisierende Einrichtung ist, wird sie, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzu­passen, weiterhin »die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt«.26 Das setzt voraus, dass sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Aus­erwählten wird, die sich selbst betrachten. Die Pfarrei ist eine kirchliche Präsenz im Territori­um, ein Bereich des Hörens des Wortes Gottes, des Wachstums des christlichen Lebens, des Dia­logs, der Verkündigung, der großherzigen Näch­stenliebe, der Anbetung und der liturgischen Feier.27 Durch all ihre Aktivitäten ermutigt und formt die Pfarrei ihre Mitglieder, damit sie aktiv Handelnde in der Evangelisierung sind.28 Sie ist eine Gemeinde der Gemeinschaft, ein Heiligtum, wo die Durstigen zum Trinken kommen, um ih­ren Weg fortzusetzen, und ein Zentrum ständi­ger missionarischer Aussendung. Wir müssen je­doch zugeben, dass der Aufruf zur Überprüfung

26 Ders., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christi-fideles laici (30. Dezember 1988), 26: AAS 81 (1989), 438.
27 Vgl. Propositio 26.
28 Vgl. Propositio 44.
und zur Erneuerung der Pfarreien noch nicht genügend gefruchtet hat, damit sie noch näher bei den Menschen sind, Bereiche lebendiger Ge­meinschaft und Teilnahme bilden und sich völlig auf die Mission ausrichten.
29.
Die anderen kirchlichen Einrichtungen, Basisgemeinden und kleinen Gemeinschaften, Bewegungen und andere Formen von Vereini­gungen sind ein Reichtum der Kirche, den der Geist erweckt, um alle Umfelder und Bereiche zu evangelisieren. Oftmals bringen sie einen neuen Evangelisierungs-Eifer und eine Fähigkeit zum Dialog mit der Welt ein, die zur Erneuerung der Kirche beitragen. Aber es ist sehr nützlich, dass sie nicht den Kontakt mit dieser so wertvollen Wirklichkeit der örtlichen Pfarrei verlieren und dass sie sich gerne in die organische Seelsorge der Teilkirche einfügen.29 Diese Integration wird vermeiden, dass sie nur mit einem Teil des Evan­geliums und der Kirche verbleiben oder zu No­maden ohne Verwurzelung werden.

30.
Jede Teilkirche ist als Teil der katholischen Kirche unter der Leitung ihres Bischofs eben­falls zur missionarischen Neuausrichtung aufge­rufen. Sie ist der wichtigste Träger der Evange­lisierung30, insofern sie der konkrete Ausdruck der einen Kirche an einem Ort der Welt ist und in ihr »die eine, heilige, katholische und aposto­

29 Vgl. Propositio 26.
30 Vgl. Propositio 41.
lische Kirche Christi wahrhaft wirkt und gegen­wärtig ist«.31 Es ist die Kirche, die in einem be­stimmten Raum Gestalt annimmt, mit allen von Christus geschenkten Heilsmitteln versehen ist, zugleich jedoch ein lokales Angesicht trägt. Ihre Freude, Jesus Christus bekannt zu machen, fin­det ihren Ausdruck sowohl in ihrer Sorge, ihn an anderen, noch bedürftigeren Orten zu verkün­den, als auch in einem beständigen Aufbruch zu den Peripherien des eigenen Territoriums oder zu den neuen soziokulturellen Umfeldern.32 Sie setzt sich dafür ein, immer dort gegenwärtig zu sein, wo das Licht und das Leben des Auferstan­denen am meisten fehlen.33 Damit dieser mis­sionarische Impuls immer stärker, großherziger und fruchtbarer sei, fordere ich auch jede Teil­kirche auf, in einen entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform einzutreten.
31.
Der Bischof muss immer das missiona­rische Miteinander in seiner Diözese fördern, indem er das Ideal der ersten christlichen Ge­meinden verfolgt, in denen die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren (vgl. Apg 4,32). Dar­um wird er sich bisweilen an die Spitze stellen,

31 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Christus Dominus über die Hirtenaufgabe der Bischöfe, 11.
32 Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer am Internationalen Kongress zum 40. Jahrestag des Konzilsdekrets Ad gentes über die Missionstätigkeit der Kirche (11. März 2006): AAS 98 (2006), 337.
33 Vgl. Propositio 42.
um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Ge­legenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden. In seiner Aufgabe, ein dynamisches, offenes und missionarisches Miteinander zu fördern, wird er die Reifung der vom Kodex des Kanonischen Rechts34 vorgesehenen Mitspracheregelungen sowie an­derer Formen des pastoralen Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen. Doch das Ziel dieser Prozesse der Beteiligung soll nicht vornehmlich die kirchliche Organisati­on sein, sondern der missionarische Traum, alle zu erreichen.
32.
Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerich­tet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwen­digkeiten der Evangelisierung entspricht. Johan­nes Paul II. bat um Hilfe, um »eine Form der Pri­

34 Vgl. Canones 460-468; 492-502; 511-514; 536-537.
matsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet«.35 In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Uni­versalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen. Das Zweite
Vatikanische Konzil sagte, dass in ähnlicher Wei­se wie die alten Patriarchatskirchen »die Bischofs­konferenzen vielfältige und fruchtbare Hilfe lei­sten [können], um die kollegiale Gesinnung zu konkreter Verwirklichung zu führen«.36 Aber die­ser Wunsch hat sich nicht völlig erfüllt, denn es ist noch nicht deutlich genug eine Satzung der Bischofskonferenzen formuliert worden, die sie als Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen versteht, auch einschließlich einer gewissen au­thentischen Lehrautorität.37 Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kir­che und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.
33.
Die Seelsorge unter missionarischem Ge­sichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des „Es wurde immer so gemacht“ aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-

35 Enzyklika Ut unum sint (25. Mai 1995), 95: AAS 87 (1995), 977-978.
36 Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 23.
37 Vgl. Johannes Paul II., Motu proprio Apostolos suos (21. Mai 1998): AAS 90 (1998), 641-658.
Methoden der eigenen Gemeinden zu über­denken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Fantasie zu erweisen. Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste. Wichtig ist, Alleingänge zu vermei­den, sich immer auf die Brüder und Schwestern und besonders auf die Führung der Bischöfe zu verlassen, in einer weisen und realistischen pasto­ralen Unterscheidung.
III.
Aus dem Herzen des Evangeliums

34.
Wenn wir alles unter einen missionarischen Gesichtspunkt stellen wollen, dann gilt das auch für die Weise, die Botschaft bekannt zu machen. In der Welt von heute mit der Schnelligkeit der Kommunikation und der eigennützigen Auswahl der Inhalte durch die Medien ist die Botschaft, die wir verkünden, mehr denn je in Gefahr, ver­stümmelt und auf einige ihrer zweitrangigen Aspekte reduziert zu werden. Daraus folgt, dass einige Fragen, die zur Morallehre der Kirche ge­hören, aus dem Zusammenhang gerissen wer­den, der ihnen Sinn verleiht. Das größte Problem entsteht, wenn die Botschaft, die wir verkünden, dann mit diesen zweitrangigen Aspekten gleich­gesetzt wird, die, obwohl sie relevant sind, für sich allein nicht das Eigentliche der Botschaft Jesu Christi ausdrücken. Es ist also besser, realistisch zu sein und nicht davon auszugehen, dass unsere Gesprächspartner den vollkommenen Hinter­grund dessen kennen, was wir sagen, oder dass sie unsere Worte mit dem wesentlichen Kern des Evangeliums verbinden können, der ihnen Sinn, Schönheit und Anziehungskraft verleiht.

35.
Eine Seelsorge unter missionarischem Ge­sichtspunkt steht nicht unter dem Zwang der zusammenhanglosen Vermittlung einer Vielzahl von Lehren, die man durch unnachgiebige Be­harrlichkeit aufzudrängen sucht. Wenn man ein pastorales Ziel und einen missionarischen Stil übernimmt, der wirklich alle ohne Ausnahmen und Ausschließung erreichen soll, konzentriert sich die Verkündigung auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zu­gleich notwendiger ist. Die Aussage vereinfacht sich, ohne dadurch Tiefe und Wahrheit einzubü­ßen, und wird so überzeugender und strahlender.

36.
Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch eini­ge von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. In diesem grundlegenden Kern ist das, was leuchtet, die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat. In diesem Sinn hat das Zweite Vatikanische Konzil gesagt, »dass es eine Rangordnung oder „Hierarchie“ der Wahrheiten innerhalb der ka­tholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens«.38 Das gilt sowohl für die Glaubensdogmen als auch für das Ganze der Lehre der Kirche, einschließlich der Morallehre.

37.
Der heilige Thomas von Aquin lehrte, dass es auch in der moralischen Botschaft der Kirche eine Hierarchie gibt, in den Tugenden und in den Taten, die aus ihnen hervorgehen.39 Hier ist das, worauf es ankommt, vor allem »den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist« (Gal 5,6). Die Werke der Nächstenliebe sind der vollkom­menste äußere Ausdruck der inneren Gnade des Geistes: »Das Hauptelement des neuen Gesetzes ist die Gnade des Heiligen Geistes, die deutlich wird durch den Glauben, der durch die Liebe handelt.«40 Darum behauptet der heilige Thomas, dass in Bezug auf das äußere Handeln die Barm­herzigkeit die größte aller Tugenden ist: »An sich ist die Barmherzigkeit die größte der Tugenden. Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden. Deshalb wird das Erbarmen gerade Gott als Wesensmerkmal zuer­kannt; und es heißt, dass darin am meisten seine Allmacht offenbar wird.«41

38 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 11.
39 Vgl. Summa Theologiae I-II, q. 66, a. 4-6.
40 Summa Theologiae I-II, q. 108, a. 1.
41 Summa Theologiae II-II, q. 30, a. 4. Vgl. ebd., q. 30, a. 4, ad 1: »Wir ehren Gott durch die äußeren Opfer und Geschenke
38.
Es ist wichtig, die pastoralen Konsequen­zen aus der Konzilslehre zu ziehen, die eine alte Überzeugung der Kirche aufnimmt. Vor al­lem ist zu sagen, dass in der Verkündigung des Evangeliums notwendigerweise ein rechtes Maß herrschen muss. Das kann man an der Häufig­keit feststellen, mit der einige Themen behan­delt werden, und an den Akzenten, die in der Predigt gesetzt werden. Wenn zum Beispiel ein Pfarrer während des liturgischen Jahres zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder drei­mal über die Liebe oder über die Gerechtigkeit spricht, entsteht ein Missverhältnis, durch das die Tugenden, die in den Schatten gestellt werden, genau diejenigen sind, die in der Predigt und in der Katechese mehr vorkommen müssten. Das Gleiche geschieht, wenn mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Je­sus Christus, mehr vom Papst als vom Wort Got­tes gesprochen wird.

39.
Ebenso wie der organische Zusammen­hang zwischen den Tugenden verhindert, irgend-eine von ihnen aus dem christlichen Ideal auszu­schließen, wird auch keine Wahrheit geleugnet. Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des

nicht seinetwegen, sondern unseretwegen und des Nächsten wegen; denn er bedarf unserer Opfer nicht, sondern will, dass sie ihm dargebracht werden um unserer Hingabe und um des Nutzens des Nächsten willen. Deshalb ist das Erbarmen, durch das wir dem Elend der anderen zu Hilfe kommen, ein Opfer, das ihm wohlgefälliger ist, weil es dem Nutzen des Nächsten näher kommt.«
Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Be­deutung und erhellen sich gegenseitig. Wenn die Predigttätigkeit treu gegenüber dem Evangelium ist, zeigt sich in aller Klarheit die Zentralität ei­niger Wahrheiten, und es wird deutlich, dass die christliche Morallehre keine stoische Ethik ist, dass sie mehr ist als eine Askese, dass sie weder eine bloße praktische Philosophie ist, noch ein Katalog von Sünden und Fehlern. Das Evangeli­um lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antwor­ten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antwor­ten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Um­ständen verdunkelt werden! Alle Tugenden ste­hen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuch­tet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder morali­sche Schwerpunkte, die aus bestimmten theolo­gischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr „den Duft des Evangeliums“ zu haben.­
IV.
Die Mission, die in den menschlichen Be­grenzungen Gestalt annimmt

40.
Die Kirche, die eine missionarische Jünge­rin ist, muss in ihrer Interpretation des offenbar­ten Wortes und in ihrem Verständnis der Wahr­heit wachsen. Die Aufgabe der Exegeten und der Theologen trägt dazu bei, dass »das Urteil der Kirche reift«.42 Auf andere Weise tun dies auch die anderen Wissenschaften. In Bezug auf die Sozialwissenschaften, zum Beispiel, hat Johannes Paul II. gesagt, dass die Kirche ihren Beiträgen Achtung schenkt, »um daraus konkrete Hinwei­se zu gewinnen, die ihr helfen, ihre Aufgabe des Lehramtes zu vollziehen«.43 Außerdem gibt es innerhalb der Kirche unzählige Fragen, über die mit großer Freiheit geforscht und nachgedacht wird. Die verschiedenen Richtungen des philoso­phischen, theologischen und pastoralen Denkens können, wenn sie sich vom Geist in der gegen­seitigen Achtung und Liebe in Einklang bringen lassen, zur Entfaltung der Kirche beitragen, weil sie helfen, den äußerst reichen Schatz des Wortes besser deutlich zu machen. Denjenigen, die sich eine monolithische, von allen ohne Nuancierun­gen verteidigte Lehre erträumen, mag das als Un­vollkommenheit und Zersplitterung erscheinen. Doch in Wirklichkeit hilft diese Vielfalt, die ver­schiedenen Aspekte des unerschöpflichen Reich­

42 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum über die göttliche Offenbarung, 12.
43 Motu proprio Socialium Scientiarum (1. Januar 1994): AAS 86 (1994), 209.
tums des Evangeliums besser zu zeigen und zu entwickeln.44
41.
Zugleich erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neu­heit durchscheinen lässt. Denn im Glaubens­gut der christlichen Lehre »ist das eine die Sub­stanz […] ein anderes die Art und Weise, diese auszudrücken«.45 Manchmal ist das, was die Gläu­bigen beim Hören einer vollkommen musterhaf­ten Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi ent­spricht. In der heiligen Absicht, ihnen die Wahr­heit über Gott und den Menschen zu vermitteln, geben wir ihnen bei manchen Gelegenheiten ei­nen falschen „Gott“ und ein menschliches Ideal,

44 Der heilige Thomas von Aquin betonte, »dass die Unterscheidung und Vielheit der Dinge aus der Absicht des ersten Wirkenden stammt«, dessen, der will, »dass das, was dem einen Geschöpfe in der Darstellung der göttlichen Güte fehlt, aus einem anderen ergänzt wird«, weil seine Güte »durch ein einzelnes Geschöpf nicht hinreichend dargestellt werden kann« (Summa Theologiae I, q. 47, a. 1). Deshalb müssen wir die Vielheit der Dinge in ihren vielfachen Beziehungen (vgl. Summa Theologiae I, q. 47, a. 2, ad 1; q. 47, a. 3) erfassen. Aus ähnlichen Gründen haben wir es nötig, einander zu hören und uns in unserer partiellen Wahrnehmung der Wirklichkeit und des Evangeliums gegenseitig zu ergänzen.
45 Johannes XXIII., Ansprache zur feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962): AAS 54 (1962), 792: »Est enim aliud ipsum depositum Fidei, seu veritates, quae veneranda doctrina nostra continentur, aliud modus, quo eaedem enuntiantur«.
das nicht wirklich christlich ist. Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Ri­siko. Denken wir daran: »Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Er­neuerung der Ausdrucksformen erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.«46
42.
Das hat eine große Relevanz in der Verkün­digung des Evangeliums, wenn es uns wirklich am Herzen liegt zu erreichen, dass seine Schön­heit besser wahrgenommen und von allen an­genommen wird. In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube behält im­mer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Un­verständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der in­neren Zustimmung nicht beeinträchtigt. Es gibt Dinge, die man nur von dieser inneren Zustim­mung her versteht und schätzt, die eine Schwes-ter der Liebe ist, jenseits der Klarheit, mit der man ihre Gründe und Argumente erfassen kann. Darum ist daran zu erinnern, dass jede Unter­weisung in der Lehre in einer Haltung der Evan­gelisierung geschehen muss, die durch die Nähe, die Liebe und das Zeugnis die Zustimmung des Herzens weckt.

46 Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint (25. Mai 1995), 19: AAS 87 (1995), 933.
43.
In ihrem bewährten Unterscheidungver­mögen kann die Kirche auch dazu gelangen, ei­gene, nicht direkt mit dem Kern des Evangeli­ums verbundene, zum Teil tief in der Geschichte verwurzelte Bräuche zu erkennen, die heute nicht mehr in derselben Weise interpretiert werden und deren Botschaft gewöhnlich nicht entsprechend wahrgenommen wird. Sie mögen schön sein, leis-ten jedoch jetzt nicht denselben Dienst im Hin­blick auf die Weitergabe des Evangeliums. Ha­ben wir keine Angst, sie zu revidieren! In gleicher Weise gibt es kirchliche Normen oder Vorschrif­ten, die zu anderen Zeiten sehr wirksam gewesen sein mögen, aber nicht mehr die gleiche erziehe­rische Kraft als Richtlinien des Lebens besitzen. Der heilige Thomas von Aquin betonte, dass die Vorschriften, die dem Volk Gottes von Christus und den Aposteln gegeben wurden, »ganz weni­ge« sind.47 Indem er den heiligen Augustinus zi­tierte, schrieb er, dass die von der Kirche später hinzugefügten Vorschriften mit Maß einzufor­dern sind, »um den Gläubigen das Leben nicht schwer zu machen« und unsere Religion nicht in eine Sklaverei zu verwandeln, während »die Barmherzigkeit Gottes wollte, dass sie frei sei«.48 Diese Warnung, die vor einigen Jahrhunderten gegeben wurde, besitzt eine erschreckende Ak­tualität. Sie müsste eines der Kriterien sein, die in Betracht zu ziehen sind, wenn über eine Reform

47 Summa Theologiae I-II, q. 107, a. 4.
48 Ebd.
der Kirche und ihrer Verkündigung nachgedacht wird, die wirklich erlaubt, alle zu erreichen.
44.
Andererseits dürfen sowohl die Hirten als auch alle Gläubigen, die ihre Brüder im Glauben oder auf einem Weg der Öffnung auf Gott hin begleiten, nicht vergessen, was der Katechismus der Katholischen Kirche mit großer Klarheit lehrt: »Die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwor­tung für sie können durch Unkenntnis, Unacht­samkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, über­mäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein.«49

Daher muss man, ohne den Wert des vom Evangelium vorgezeichneten Ideals zu mindern, die möglichen Wachstumsstufen der Menschen, die Tag für Tag aufgebaut werden, mit Barm­herzigkeit und Geduld begleiten.50 Die Priester erinnere ich daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn, die uns anregt, das mögliche Gute zu tun. Ein kleiner Schritt in­mitten großer menschlicher begrenzungen kann Gott wohlgefälliger sein als das äußerlich korrek­te Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf nennenswerte Schwierigkeiten zu stoßen. Alle müssen von dem Trost und dem Ansporn
49 Nr. 1735.
50 Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 34: AAS 74 (1982), 123-125.
der heilbringenden Liebe Gottes erreicht wer­den, der geheimnisvoll in jedem Menschen wirkt, jenseits seiner Mängel und Verfehlungen.
45.
So sehen wir, dass der evangelisierende Einsatz sich innerhalb der Grenzen der Spra­che und der Umstände bewegt. Er versucht im­mer, die Wahrheit des Evangeliums in einem bestimmten Kontext bestmöglich mitzuteilen, ohne auf die Wahrheit, das Gute und das Licht zu verzichten, die eingebracht werden können, wenn die Vollkommenheit nicht möglich ist. Ein missionarisches Herz weiß um diese Grenzen und wird »den Schwachen ein Schwacher […] allen alles« (vgl. 1 Kor 9,22). Niemals verschließt es sich, niemals greift es auf die eigenen Sicher­heiten zurück, niemals entscheidet es sich für die Starrheit der Selbstverteidigung. Es weiß, dass es selbst wachsen muss im Verständnis des Evange­liums und in der Unterscheidung der Wege des Geistes, und so verzichtet es nicht auf das mög­liche Gute, obwohl es Gefahr läuft, sich mit dem Schlamm der Straße zu beschmutzen.

V.
Eine Mutter mit offenem Herzen

46.
Eine Kirche „im Aufbruch“ ist eine Kirche mit offenen Türen. Zu den anderen hinauszu­gehen, um an die menschlichen Randgebiete zu gelangen, bedeutet nicht, richtungs- und sinnlos auf die Welt zuzulaufen. Oftmals ist es besser, den Schritt zu verlangsamen, die Ängstlichkeit abzulegen, um dem anderen in die Augen zu se­hen und zuzuhören, oder auf die Dringlichkeiten zu verzichten, um den zu begleiten, der am Stra­ßenrand geblieben ist. Manchmal ist sie wie der Vater des verlorenen Sohns, der die Türen offen lässt, damit der Sohn, wenn er zurückkommt, ohne Schwierigkeit eintreten kann.

47.
Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein. Eines der konkreten Zei­chen dieser Öffnung ist es, überall Kirchen mit offenen Türen zu haben. So stößt einer, wenn er einer Eingebung des Geistes folgen will und nä­herkommt, weil er Gott sucht, nicht auf die Kälte einer verschlossenen Tür. Doch es gibt noch an­dere Türen, die ebenfalls nicht geschlossen wer­den dürfen. Alle können in irgendeiner Weise am kirchlichen Leben teilnehmen, alle können zur Gemeinschaft gehören, und auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem belie­bigen Grund geschlossen werden. Das gilt vor allem, wenn es sich um jenes Sakrament handelt, das „die Tür“ ist: die Taufe. Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkom­menen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.51 Diese Über­

51 Vgl. Ambrosius, De Sacramentis, IV, 6, 28: PL 16, 464: »Ich muss ihn immer empfangen, damit er immer meine Sünden vergibt. Wenn ich ständig sündige, muss ich immer ein Heilmittel haben«; ebd., IV, 5, 24: PL 16, 463: »Wer das Manna aß, starb; wer von diesem Leib isst, wird die Vergebung seiner Sünden erhalten.« Cyrill von Alexandrien, In Joh. Evang. IV, 2: PG 73, 584-585: »Ich habe mich geprüft und erkannt, dass ich
zeugungen haben auch pastorale Konsequenzen, und wir sind berufen, sie mit Besonnenheit und Wagemut in Betracht zu ziehen. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.
48.
Wenn die gesamte Kirche diese missionari­sche Dynamik annimmt, muss sie alle erreichen, ohne Ausnahmen. Doch wen müsste sie bevor­zugen? Wenn einer das Evangelium liest, findet er eine ganz klare Ausrichtung: nicht so sehr die reichen Freunde und Nachbarn, sondern vor al­lem die Armen und die Kranken, diejenigen, die häufig verachtet und vergessen werden, die »es dir nicht vergelten können« (Lk 14,14). Es dürfen weder Zweifel bleiben, noch halten Erklärungen stand, die diese so klare Botschaft schwächen könnten. Heute und immer gilt: »Die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums«,52 und die unentgeltlich an sie gerichtete Evangeli­sierung ist ein Zeichen des Reiches, das zu brin­gen Jesus gekommen ist. Ohne Umschweife ist zu sagen, dass – wie die Bischöfe Nordost-Indi­

unwürdig bin. Denen, die so reden, sage ich: Und wann werdet ihr würdig sein? Wann werdet ihr also vor Christus erscheinen? Und wenn eure Sünden euch hindern, näherzukommen, und wenn ihr niemals aufhört zu fallen – wer bemerkt seine eigenen Fehler, sagt der Psalm – werdet ihr schließlich nicht teilhaben an der Heiligung, die Leben schenkt für die Ewigkeit?«
52 Benedikt XVI., Ansprache anlässlich der Begegnung mit den brasilianischen Bischöfen in der Kathedrale von São Paulo, Brasilien (11. Mai 2007), 3: AAS 99 (2007), 428.
ens lehren – ein untrennbares Band zwischen un­serem Glauben und den Armen besteht. Lassen wir die Armen nie allein!
49.
Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um al­len das Leben Jesu Christi anzubieten! Ich wie­derhole hier für die ganze Kirche, was ich viele Male den Priestern und Laien von Buenos Aires gesagt habe: Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Stra­ßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensge­meinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Hori­zont von Sinn und Leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in de­nen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Mk 6,37).

ZWEITES KAPITEL
IN DER KRISE DES GEMEINSCHAFTLI­CHEN ENGAGEMENTS
50.
Bevor wir über einige grundlegende Fragen in Bezug auf das evangelisierende Handeln spre­chen, sollte kurz erwähnt werden, welches der Rahmen ist, in dem wir zu leben und zu wirken ha­ben. Heute wird gewöhnlich von einem „diagnos-tischen Überhang“ gesprochen, der nicht immer von wirklich anwendbaren Lösungsvorschlägen begleitet ist. Andererseits würde uns auch eine rein soziologische Sicht nicht nützen, die den Anspruch erhebt, die ganze Wirklichkeit mit ihrer Methodo­logie in einer nur hypothetisch neutralen und un­persönlichen Weise zu umfassen. Was ich vorzule­gen gedenke, geht vielmehr in die Richtung einer Unterscheidung anhand des Evangeliums. Es ist die Sicht des missionarischen Jüngers, die »lebt vom Licht und von der Kraft des Heiligen Geistes«.53

51.
Es ist nicht Aufgabe des Papstes, eine de­taillierte und vollkommene Analyse der gegen­wärtigen Wirklichkeit zu bieten, aber ich fordere alle Gemeinschaften auf, sich um »eine immer wachsame Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erforschen«54 zu bemühen. Wir stehen hier vor

53 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 10: AAS 84 (1992), 673.
54 Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam (6. August 1964), 19: AAS 56 (1964), 632.
einer großen Verantwortung, weil einige gegen­wärtige Situationen, falls sie keine guten Lösun­gen finden, Prozesse einer Entmenschlichung auslösen können, die dann nur schwer rückgän­gig zu machen sind. Es ist angebracht zu klären, was eine Frucht des Gottesreiches sein kann, und auch, was dem Plan Gottes schadet. Das schließt nicht nur ein, die Eingebungen des guten und des bösen Geistes zu erkennen und zu interpre­tieren, sondern – und hier liegt das Entscheiden­de – die des guten Geistes zu wählen und die des bösen Geistes zurückzuweisen. Ich setze die ver­schiedenen Analysen voraus, welche die anderen Dokumente des universalen Lehramtes dargebo­ten haben, wie auch die, welche die regionalen und nationalen Bischofskonferenzen vorgestellt haben. In diesem Schreiben will ich nur kurz und unter pastoralem Gesichtspunkt auf einige Aspekte der Wirklichkeit eingehen, welche die Dynamiken der missionarischen Erneuerung der Kirche anhalten oder schwächen können, sei es, weil sie das Leben und die Würde des Gottes­volkes betreffen, sei es, weil sie sich auch auf die Personen auswirken, die unmittelbarer zu den kirchlichen Institutionen gehören und Evangeli­sierungsaufgaben erfüllen.
I.
Einige Herausforderungen der Welt von heute

52.
Die Menschheit erlebt im Moment eine his-torische Wende, die wir an den Fortschritten able­sen können, die auf verschiedenen Gebieten ge­macht werden. Lobenswert sind die Erfolge, die zum Wohl der Menschen beitragen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheit, der Erziehung und der Kommunikation. Wir dürfen jedoch
nicht vergessen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicher­heit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen. Einige Pathologien nehmen zu. Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Menschen, sogar in den sogenannten reichen Ländern. Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu, die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Man muss kämpfen, um zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben. Dieser epo­chale Wandel ist verursacht worden durch die enormen Sprünge, die in Bezug auf Qualität, Quantität, Schnelligkeit und Häufung im wis­senschaftlichen Fortschritt sowie in den tech­nologischen Neuerungen und ihren prompten Anwendungen in verschiedenen Bereichen der Natur und des Lebens zu verzeichnen sind. Wir befinden uns im Zeitalter des Wissens und der Information, einer Quelle neuer Formen einer sehr oft anonymen Macht.

Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung
53.
Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht tö­ten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkom­men“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist un­glaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerie­ren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich al­les nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Mas­sen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die „Wegwerf­kultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.

54.
In diesem Zusammenhang verteidigen ei­nige noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Ver­trauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaft­liche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems. Inzwischen warten die Aus­geschlossenen weiter. Um einen Lebensstil ver­treten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeis-tern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu emp­finden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht ge­kauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.

Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
55.
Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vor­herrschaft über uns und über unsere Gesellschaf­ten. Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Göt­zen geschaffen. Die Anbetung des antiken gol­denen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschli­ches Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanz­wesen und die Wirtschaft erfasst, macht ihre Un­ausgeglichenheiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Kon­sum.

56.
Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit im­mer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glück­lichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autono­mie der Märkte und die Finanzspekulation ver­teidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommt eine verzweigte Korruption und eine ego­istische Steuerhinterziehung hinzu, die weltwei­te Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interes­sen des vergöttlichten Marktes, die zur absoluten Regel werden.

Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
57.
Hinter dieser Haltung verbergen sich die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes. Die Ethik wird gewöhnlich mit einer gewissen spöttischen Verachtung betrachtet. Sie wird als kontraproduktiv und zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verur­teilt die Manipulierung und die Degradierung der Person. Schließlich verweist die Ethik auf einen Gott, der eine verbindliche Antwort erwartet, die außerhalb der Kategorien des Marktes steht. Für diese, wenn sie absolut gesetzt werden, ist Gott unkontrollierbar, nicht manipulierbar und sogar gefährlich, da er den Menschen zu seiner vollen Verwirklichung ruft und zur Unabhängigkeit von jeder Art von Unterjochung. Die Ethik – eine nicht ideologisierte Ethik – erlaubt, ein Gleich­gewicht und eine menschlichere Gesellschafts­ordnung zu schaffen. In diesem Sinn rufe ich die Finanzexperten und die Regierenden der ver­schiedenen Länder auf, die Worte eines Weisen des Altertums zu bedenken: »Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, son­dern ihnen.«55

58.
Eine Finanzreform, welche die Ethik nicht ignoriert, würde einen energischen Wechsel der Grundeinstellung der politischen Führungskräf­te erfordern, die ich aufrufe, diese Herausforde­rung mit Entschiedenheit und Weitblick anzu­nehmen, natürlich ohne die Besonderheit eines jeden Kontextes zu übersehen. Das Geld muss dienen und nicht regieren! Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müs­sen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen So­lidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen.

Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt
59.
Heute wird von vielen Seiten eine größe­re Sicherheit gefordert. Doch solange die Aus­schließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völ­

55 Johannes Chrysostomus, De Lazaro conciones II,6: PG 48, 992 D.
kern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleich­heit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Struk­turen einer Gesellschaft eingenistetes Böses im­mer ein Potenzial der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten „Ende der Geschichte“, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und ver­wirklicht sind.
60.
Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Kon­sums, aber es stellt sich heraus, dass der zügel­lose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Un­gleichheit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungs­wettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüssten wir nicht, dass Waffen und gewaltsame Unterdrüc­kung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen. Einige fin­den schlicht Gefallen daran, die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemei­nerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer „Er­ziehung“ zu finden, die sie beruhigt und in ge­zähmte, harmlose Wesen verwandelt. Das wird noch anstößiger, wenn die Ausgeschlossenen je­nen gesellschaftlichen Krebs wachsen sehen, der die in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption ist, unabhängig von der politischen Ideologie der Regierenden.

Einige kulturelle Herausforderungen
61.
Wir evangelisieren auch dann, wenn wir versuchen, uns den verschiedenen Herausfor­derungen zu stellen, die auftauchen können.56 Manchmal zeigen sie sich in echten Angriffen auf die Religionsfreiheit oder in neuen Situatio­nen der Christenverfolgung, die in einigen Län­dern allarmierende Stufen des Hasses und der Gewalt erreicht haben. An vielen Orten handelt es sich eher um eine verbreitete relativistische Gleichgültigkeit, verbunden mit der Ernüchte­rung und der Krise der Ideologien, die als Reak­tion auf alles, was totalitär erscheint, eingetreten ist. Das schadet nicht nur der Kirche, sondern dem Gesellschaftsleben allgemein. Geben wir zu, dass in einer Kultur, in der jeder Träger einer ei­genen subjektiven Wahrheit sein will, die Bürger schwerlich das Verlangen haben, sich an einem gemeinsamen Projekt zu beteiligen, das die per­sönlichen Interessen und Wünsche übersteigt.

62.
In der herrschenden Kultur ist der erste Platz besetzt von dem, was äußerlich, unmittel­bar, sichtbar, schnell, oberflächlich und provi­sorisch ist. Das Wirkliche macht dem Anschein Platz. In vielen Ländern hat die Globalisierung mit der Invasion von Tendenzen aus anderen, wirtschaftlich entwickelten, aber ethisch ge­schwächten Kulturen einen beschleunigten Ver­fall der kulturellen Wurzeln bedingt. Das haben in mehreren Synoden die Bischöfe verschiedener Kontinente zum Ausdruck gebracht. Die afri­kanischen Bischöfe haben zum Beispiel in An­

56 Vgl. Propositio 13.
knüpfung an die Enzyklika Sollicitudo rei socialis vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass man oftmals die Länder Afrikas zu bloßen »Rädern ei­nes Mechanismus, zu Teilen einer gewaltigen Ma­schinerie« umfunktionieren will. »Das geschieht oft auch auf dem Gebiet der sozialen Kommu­nikationsmittel: Weil diese meistens von Zentren im Norden der Welt aus geleitet werden, berück­sichtigen sie nicht immer in gebührender Weise die eigenen vorrangigen Anliegen und Probleme dieser Länder, noch achten sie deren kulturelle Eigenart.«57 In gleicher Weise haben die Bischöfe Asiens »die von außen auf die asiatischen Kul­turen einwirkenden Einflüsse« hervorgehoben. »Neue Verhaltensformen kommen auf, die auf den übertriebenen Gebrauch von Kommunika­tionsmitteln […] zurückzuführen sind […] In direkter Folge sind die negativen Aspekte der Medien- und Unterhaltungsindustrie eine Gefahr für die traditionellen Werte.«58
63.
Der katholische Glaube vieler Völker steht heute vor der Herausforderung der Verbreitung neuer religiöser Bewegungen, von denen einige zum Fundamentalismus tendieren und andere eine Spiritualität ohne Gott anzubieten scheinen. Das ist einerseits das Ergebnis einer menschli­

57 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa (14. September 1995), 52: AAS 88 (1996), 32-33; Ders., Enzyklika Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 22: AAS 80 (1988), 539.
58 Ders., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Asia (6. November 1999), 7: AAS 92 (2000), 458.
chen Reaktion auf die materialistische, konsum-orientierte und individualistische Gesellschaft und andererseits eine Ausnutzung der Notsi­tuation der Bevölkerung, die an den Peripherien und in den verarmten Zonen lebt, die inmitten großer menschlicher Leiden überlebt und un­mittelbare Lösungen für die eigenen Bedürfnisse sucht. Diese religiösen Bewegungen, die durch ihr subtiles Eindringen gekennzeichnet sind, fül­len innerhalb des herrschenden Individualismus eine Leere aus, die der laizistische Rationalismus hinterlassen hat. Außerdem müssen wir zugeben, dass, wenn ein Teil unserer Getauften die eige­ne Zugehörigkeit zur Kirche nicht empfindet, das auch manchen Strukturen und einem wenig aufnahmebereiten Klima in einigen unserer Pfar­reien und Gemeinden zuzuschreiben ist oder ei­nem bürokratischen Verhalten, mit dem auf die einfachen oder auch komplexen Probleme des Lebens unserer Völker geantwortet wird. Vieler­orts besteht eine Vorherrschaft des administrati­ven Aspekts vor dem seelsorglichen sowie eine Sakramentalisierung ohne andere Formen der Evangelisierung.
64.
Der Säkularisierungsprozess neigt dazu, den Glauben und die Kirche auf den privaten, ganz persönlichen Bereich zu beschränken. Außerdem hat er mit der Leugnung jeglicher Transzendenz eine zunehmende ethische Deformation, eine Schwächung des Bewusstseins der persönlichen und sozialen Sünde und eine fortschreitende Zu­nahme des Relativismus verursacht, die Anlass geben zu einer allgemeinen Orientierungslosig­keit, besonders in der Phase des Heranwachsens und der Jugend, die gegenüber Veränderungen so anfällig ist. Während die Kirche auf der Existenz objektiver, für alle geltender moralischer Normen besteht, gibt es, wie die Bischöfe der Vereinigten Staaten von Amerika zu Recht festgestellt haben, »solche, die diese Lehre als ungerecht bzw. als mit den menschlichen Grundrechten unvereinbar darstellen. Diese Argumentationen entspringen gewöhnlich aus einer Form von moralischem Re­lativismus, der sich – nicht ohne inneren Wider­spruch – mit einem Vertrauen auf die absoluten Rechte des Einzelnen verbindet. In dieser Sicht­weise nimmt man die Kirche wahr, als fördere sie ein besonderes Vorurteil und als greife sie in die individuelle Freiheit ein.«59 Wir leben in einer In­formationsgesellschaft, die uns wahllos mit Da­ten überhäuft, alle auf derselben Ebene, und uns schließlich in eine erschreckende Oberflächlich­keit führt, wenn es darum geht, die moralischen Fragen anzugehen. Folglich wird eine Erziehung notwendig, die ein kritisches Denken lehrt und ei­nen Weg der Reifung in den Werten bietet.

65.
Trotz der ganzen laizistischen Strömung, die die Gesellschaft überschwemmt, ist die Kir­che in vielen Ländern – auch dort, wo das Chris-tentum in der Minderheit ist – in der öffentlichen

59 United States Conference of Catholic Bishops, Ministry to Persons with a Homosexual Inclination: Guidelines for Pastoral Care. (2006), 17.
Meinung eine glaubwürdige Einrichtung, zuver­lässig in Bezug auf den Bereich der Solidarität und der Sorge für die am meisten Bedürftigen. Bei vielen Gelegenheiten hat sie als Mittlerin ge­dient, um die Lösung von Problemen zu fördern, die den Frieden, die Eintracht, die Umwelt, den Schutz des Lebens, die Menschenrechte und die Zivilrechte usw. betreffen. Und wie groß ist der Beitrag der katholischen Schulen und Universitä­ten in der ganzen Welt! Es ist sehr positiv, dass das so ist. Doch wenn wir andere Fragen zur Sprache bringen, die weniger öffentliche Zustim­mung hervorrufen, fällt es uns schwer zu zeigen, dass wir das aus Treue zu den gleichen Überzeu­gungen bezüglich der Würde der Person und des Gemeinwohls tun.
66.
Die Familie macht eine tiefe kulturelle Krise durch wie alle Gemeinschaften und sozialen Bin­dungen. Im Fall der Familie wird die Brüchigkeit der Bindungen besonders ernst, denn es handelt sich um die grundlegende Zelle der Gesellschaft, um den Ort, wo man lernt, in der Verschieden­heit zusammenzuleben und anderen zu gehören, und wo die Eltern den Glauben an die Kinder weitergeben. Die Ehe wird tendenziell als eine bloße Form affektiver Befriedigung gesehen, die in beliebiger Weise gegründet und entsprechend der Sensibilität eines jeden verändert werden kann. Doch der unverzichtbare Beitrag der Ehe zur Gesellschaft geht über die Ebene der Emo­tivität und der zufälligen Bedürfnisse des Paares hinaus. Wie die französischen Bischöfe darlegen, geht sie nicht hervor »aus dem Gefühl der Lie­be, das definitionsgemäß vergänglich ist, sondern aus der Tiefe der von den Brautleuten übernom­men Verbindlichkeit, die zustimmen, eine umfas­sende Lebensgemeinschaft einzugehen.«60

67.
Der postmoderne und globalisierte Indi­vidualismus begünstigt einen Lebensstil, der die Entwicklung und die Stabilität der Bindungen zwischen den Menschen schwächt und die Na­tur der Familienbande zerstört. Das seelsorgliche Tun muss noch besser zeigen, dass die Beziehung zu unserem himmlischen Vater eine Communio fordert und fördert, die die zwischenmensch­lichen Bindungen heilt, begünstigt und stärkt. Während in der Welt, besonders in einigen Län­dern, erneut verschiedene Formen von Kriegen und Auseinandersetzungen aufkommen, behar­ren wir Christen auf dem Vorschlag, den anderen anzuerkennen, die Wunden zu heilen, Brücken zu bauen, Beziehungen zu knüpfen und einander zu helfen, so dass »einer des anderen Last trage« (Gal 6,2). Andererseits entstehen heute viele For­men von Verbänden für den Rechtsschutz und zur Erreichung edler Ziele. Auf diese Weise zeigt sich deutlich das Verlangen zahlreicher Bürger nach Mitbestimmung – Bürger, die Erbauer des sozialen und kulturellen Fortschritts sein wollen.

60 Conférence des Évêques de France, Conseil Famille et Société, Elargir le mariage aux personnes de même sexe? Ouvrons le débat! (28. September 2012).
Herausforderungen der Inkulturation des Glaubens
68.
Die christliche Basis einiger Völker – beson­ders in der westlichen Welt – ist eine lebendige Wirklichkeit. Hier finden wir, vor allem unter den am meisten Notleidenden, eine moralische Reser­ve, die Werte eines authentischen christlichen Hu­manismus bewahrt. Ein Blick des Glaubens auf die Wirklichkeit kann nicht umhin, das anzuerken­nen, was der Heilige Geist sät. Es würde bedeuten, kein Vertrauen auf sein freies und großzügiges Handeln zu haben, wenn man meinte, es gebe kei­ne echten christlichen Werte dort, wo ein Großteil der Bevölkerung die Taufe empfangen hat und seinen Glauben und seine brüderliche Solidarität in vielerlei Weise zum Ausdruck bringt. Hier muss man viel mehr als „Samen des Wortes“ erkennen, angesichts der Tatsache, dass es sich um einen authentischen katholischen Glauben handelt mit eigenen Modalitäten des Ausdrucks und der Zu­gehörigkeit zur Kirche. Es ist nicht gut, die ent­scheidende Bedeutung zu übersehen, welche eine vom Glauben gezeichnete Kultur hat, denn diese evangelisierte Kultur besitzt jenseits ihrer Grenzen viel mehr Möglichkeiten als eine einfache Summe von Gläubigen, die den Angriffen des heutigen Säkularismus ausgesetzt ist. Eine evangelisierte Volkskultur enthält Werte des Glaubens und der Solidarität, die die Entwicklung einer gerechteren und gläubigeren Gesellschaft auslösen können. Zudem besitzt sie eine besondere Weisheit, und man muss verstehen, diese mit einem Blick voller Dankbarkeit zu erkennen.

69.
Es ist dringend notwendig, die Kulturen zu evangelisieren, um das Evangelium zu inkulturie­ren. In den Ländern katholischer Tradition wird es sich darum handeln, den bereits bestehenden Reichtum zu begleiten, zu pflegen und zu stär­ken, und in den Ländern anderer religiöser Tra­ditionen oder tiefgreifender Säkularisierung wird es darum gehen, neue Prozesse der Evangelisie­rung der Kultur zu fördern, auch wenn sie sehr langfristige Planungen verlangen. Wir dürfen jedoch nicht übersehen, dass immer ein Aufruf zum Wachstum besteht. Jede Kultur und jede ge­sellschaftliche Gruppe bedarf der Läuterung und der Reifung. Im Fall von Volkskulturen katholi­scher Bevölkerungen können wir einige Schwä­chen erkennen, die noch vom Evangelium geheilt werden müssen: Chauvinismus, Alkoholismus, häusliche Gewalt, geringe Teilnahme an der Eu­charistie, Schicksalsgläubigkeit oder Aberglaube, die auf Zauberei und Magie zurückgreifen las­sen, und anderes. Doch gerade die Volksfröm­migkeit ist der beste Ausgangspunkt, um diese Schwächen zu heilen und von ihnen zu befreien.

70.
Es stimmt auch, dass der Schwerpunkt manchmal mehr auf äußeren Formen von Tra­ditionen einiger Gruppen oder auf hypothe­tischen Privatoffenbarungen liegt, die absolut gesetzt werden. Es gibt ein gewisses, aus Fröm­migkeitsübungen bestehendes Christentum, dem eine individuelle und gefühlsbetonte Weise, den Glauben zu leben, zugrunde liegt, die in Wirk­lichkeit nicht einer echten „Volksfrömmigkeit“ entspricht. Manche fördern diese Ausdrucksfor­men, ohne sich um die soziale Förderung und die Bildung der Gläubigen zu kümmern, und in gewissen Fällen tun sie es, um wirtschaftli­che Vorteile zu erlangen oder eine Macht über die anderen zu gewinnen. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass in den letzten Jahrzehnten ein Bruch in der generationenlangen Weitergabe des christlichen Glaubens im katholischen Volk stattgefunden hat. Es ist unbestreitbar, dass vie­le sich enttäuscht fühlen und aufhören, sich mit der katholischen Tradition zu identifizieren; dass die Zahl der Eltern steigt, die ihre Kinder nicht taufen lassen und sie nicht beten lehren und dass eine gewisse Auswanderung in andere Glaubens­gemeinschaften zu verzeichnen ist. Einige Ursa­chen dieses Bruches sind: der Mangel an Raum für den Dialog in der Familie, der Einfluss der Kommunikationsmittel, der relativistische Sub­jektivismus, der ungehemmte Konsumismus, der den Markt anregt, das Fehlen einer pastora­len Begleitung für die Ärmsten, der Mangel an herzlicher Aufnahme in unseren Einrichtungen und unsere Schwierigkeit, in einer multireligiösen Umgebung den übernatürlichen Zugang zum Glauben neu zu schaffen.

Herausforderungen der Stadtkulturen
71.
Das neue Jerusalem, die heilige Stadt (vgl. Offb 21,2-4) ist das Ziel, zu dem die gesam­te Menschheit unterwegs ist. Es ist interessant, dass die Offenbarung uns sagt, dass die Erfül­lung der Menschheit und der Geschichte sich in einer Stadt verwirklicht. Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Ge­genwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Brü­derlichkeit und das Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Gegen­wart muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht vor de­nen, die ihn mit ehrlichem Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf unsichere und weit-schweifige Weise tun.

72.
In der Stadt wird der religiöse Aspekt durch verschiedene Lebensstile und durch Gebräuche vermittelt, die mit einem Gefühl für die Zeit, das Territorium und die Beziehungen verbunden sind, das sich von dem Stil der Landbevölkerun­gen unterscheidet. Im Alltag kämpfen die Bürger oftmals ums Überleben, und in diesem Kampf verbirgt sich ein tiefes Empfinden für das Leben, das gewöhnlich auch ein tiefes religiöses Empfin­den einschließt. Das müssen wir berücksichtigen, um einen Dialog zu erzielen wie den, welchen der Herr mit der Samariterin am Brunnen führte, wo sie ihren Durst zu stillen suchte (vgl. Joh 4,7-26).

73.
Es entstehen fortwährend neue Kulturen in diesen riesigen menschlichen Geographien, wo der Christ gewöhnlich nicht mehr derjenige ist, der Sinn fördert oder stiftet, sondern derje­nige, der von diesen Kulturen andere Sprachge­bräuche, Symbole, Botschaften und Paradigmen empfängt, die neue Lebensorientierungen bie­ten, welche häufig im Gegensatz zum Evange­lium Jesu stehen. Eine neue Kultur pulsiert in der Stadt und wird in ihr konzipiert. Die Synode hat festgestellt, dass heute die Verwandlungen dieser großen Gebiete und die Kultur, in der sie ihren Ausdruck finden, ein vorzüglicher Ort für die neue Evangelisierung sind.61 Das erfordert, neuartige Räume für Gebet und Gemeinschaft zu erfinden, die für die Stadtbevölkerungen an­ziehender und bedeutungsvoller sind. Aufgrund des Einflusses der Massenkommunikationsmittel sind die ländlichen Bereiche von diesen kulturel­len Verwandlungen, die auch bedeutsame Verän­derungen in ihrer Lebensweise bewirken, nicht ausgenommen.

74.
Das macht eine Evangelisierung nötig, welche die neuen Formen, mit Gott, mit den an­deren und mit der Umgebung in Beziehung zu treten, erleuchtet und die grundlegenden Werte wachruft. Es ist notwendig, dorthin zu gelan­gen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, und mit dem Wort Jesu den innersten

61 Vgl. Propositio 25.
Kern der Seele der Städte zu erreichen. Man darf nicht vergessen, dass die Stadt ein multikulturel­ler Bereich ist. In den großen Städten kann man ein „Bindegewebe“ beobachten, in dem Grup­pen von Personen die gleichen Lebensträume und ähnliche Vorstellungswelten miteinander teilen und sich zu neuen menschlichen Sek­toren, zu Kulturräumen und zu unsichtbaren Städten zusammenschließen. Unterschiedliche Kulturformen leben de facto zusammen, handeln aber häufig im Sinne der Trennung und wenden Gewalt an. Die Kirche ist berufen, sich in den Dienst eines schwierigen Dialogs zu stellen. Es gibt Bürger, die die angemessenen Mittel für die Entwicklung des persönlichen und familiären Lebens erhalten, andererseits gibt es aber sehr viele „Nicht-Bürger“, „Halbbürger“ oder „Stadt­streicher“. Die Stadt erzeugt eine Art ständiger Ambivalenz. Während sie nämlich ihren Bürgern unendlich viele Möglichkeiten bietet, erscheinen auch zahlreiche Schwierigkeiten für die volle Le­bensentfaltung vieler. Dieser Widerspruch ver­ursacht erschütterndes Leiden. In vielen Teilen der Welt sind die Städte Schauplatz von Massen­protesten, in denen Tausende von Bewohnern Freiheit, Beteiligung und Gerechtigkeit fordern sowie verschiedene Ansprüche geltend machen, die, wenn sie nicht auf ein angemessenes Ver­ständnis stoßen, auch mit Gewalt nicht zum Schweigen gebracht werden können.
75.
Wir dürfen nicht übersehen, dass sich in den Städten der Drogen- und Menschenhandel, der Missbrauch und die Ausbeutung Minder­jähriger, die Preisgabe Alter und Kranker sowie verschiedene Formen von Korruption und Kri­minalität leicht vermehren. Zugleich verwandelt sich das, was ein kostbarer Raum der Begegnung und der Solidarität sein könnte, häufig in einen Ort der Flucht und des gegenseitigen Misstrau­ens. Häuser und Quartiere werden mehr zur Ab­sonderung und zum Schutz als zur Verbindung und zur Eingliederung gebaut. Die Verkündi­gung des Evangeliums wird eine Grundlage sein, um in diesen Zusammenhängen die Würde des menschlichen Lebens wiederherzustellen, denn Jesus möchte in den Städten Leben in Fülle ver­breiten (vgl. Joh 10,10). Der einmalige und volle Sinn des menschlichen Lebens, den das Evange­lium verkündet, ist das beste Heilmittel gegen die Übel der Stadt, auch wenn wir bedenken müs­sen, dass ein Evangelisierungsprogramm und ein einheitlicher, starrer Evangelisierungsstil für diese Wirklichkeit nicht angemessen sind. Doch das Menschliche bis zum Grunde zu leben und als ein Ferment des Zeugnisses ins Innerste der Herausforderungen einzudringen, in jeder belie­bigen Kultur, in jeder beliebigen Stadt, lässt den Christen besser werden und befruchtet die Stadt.

II.
Versuchungen
der in der Seelsorge Tätigen

76.
Ich bin unendlich dankbar für den Einsatz aller, die in der Kirche arbeiten. Ich möchte mich jetzt nicht dabei aufhalten, die Aktivitäten der ver­schiedenen in der Seelsorge Tätigen darzustellen, von den Bischöfen bis hin zum bescheidensten und am meisten verborgenen der kirchlichen Dienste. Stattdessen möchte ich gerne über die Herausforderungen nachdenken, denen sie alle sich im Kontext der augenblicklichen globalisier­ten Kultur stellen müssen. Doch zuallererst und der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass der Beitrag der Kirche in der heutigen Welt enorm ist. Unser Schmerz und unsere Scham wegen der Sünden einiger Glieder der Kirche und wegen unserer eigenen Sünden dürfen nicht vergessen lassen, wie viele Christen ihr Leben aus Liebe hingeben. Sie helfen vielen Menschen, sich in unsicheren Krankenhäusern behandeln zu lassen oder dort in Frieden zu sterben; in den ärmsten Gegenden der Erde begleiten sie Menschen, die Sklaven verschiedener Abhängigkeiten geworden sind; sie opfern sich auf in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen; sie kümmern sich um alte Menschen, die von allen verlassen sind; sie versuchen, in feindlicher Umgebung Werte zu vermitteln oder sie widmen sich auf viele ande­re Arten, die die grenzenlose Liebe zur Mensch­heit deutlich machen, die der Mensch geworde­ne Gott uns eingegeben hat. Ich danke für das schöne Beispiel, das viele Christen mir geben, die ihr Leben und ihre Zeit freudig hingeben. Dieses Zeugnis tut mir sehr gut und unterstützt mich in meinem persönlichen Streben, den Egoismus zu überwinden, um mich noch intensiver meiner Aufgabe widmen zu können.

77.
Trotzdem sind wir als Kinder unserer Zeit alle irgendwie unter dem Einfluss der gegen­wärtigen globalisierten Kultur, die, obwohl sie Werte und neue Möglichkeiten bietet, uns auch einschränken, beeinflussen und sogar krank ma­chen kann. Ich gebe zu, dass wir Räume schaffen müssen, die geeignet sind, die in der Seelsorge Tätigen zu motivieren und zu heilen, »Orte, wo man den eigenen Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus erneuern kann, wo man die eigenen innersten Fragen und Alltags­sorgen miteinander teilen kann, wo man sein Le­ben und seine Erfahrungen einer tiefgreifenden Überprüfung im Licht des Evangeliums unter­ziehen kann, mit dem Ziel, die eigenen individu­ellen und gesellschaftlichen Entscheidungen auf das Gute und das Schöne hin auszurichten«.62 Zugleich möchte ich auf einige Versuchungen aufmerksam machen, die besonders heute die in der Seelsorge Tätigen befallen.

Ja zur Herausforderung einer missionarischen Spiritualität
78.
Heute kann man bei vielen in der Seelsorge Tätigen, einschließlich der gottgeweihten Perso­nen, eine übertriebene Sorge um die persönlichen

62 Azione Cattolica Italiana, Messaggio della XIV Assemblea Nazoinale alla Chiesa ed al Paese (8. Mai 2011).
Räume der Selbständigkeit und der Entspannung feststellen, die dazu führt, die eigenen Aufgaben wie ein bloßes Anhängsel des Lebens zu erle­ben, als gehörten sie nicht zur eigenen Identität. Zugleich wird das geistliche Leben mit einigen religiösen Momenten verwechselt, die einen ge­wissen Trost spenden, aber nicht die Begegnung mit den anderen, den Einsatz in der Welt und die Leidenschaft für die Evangelisierung nähren. So kann man bei vielen in der Verkündigung Täti­gen, obwohl sie beten, eine Betonung des Indivi­dualismus, eine Identitätskrise und einen Rückgang des Eifers feststellen. Das sind drei Übel, die sich gegenseitig fördern.
79.
Die Medienkultur und manche intellektuel­le Kreise vermitteln gelegentlich ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Botschaft der Kirche und eine gewisse Ernüchterung. Daraufhin ent­wickeln viele in der Seelsorge Tätige, obwohl sie beten, eine Art Minderwertigkeitskomplex, der sie dazu führt, ihre christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verber­gen. Dann entsteht ein Teufelskreis, denn so sind sie nicht glücklich über das, was sie sind und was sie tun, identifizieren sich nicht mit dem Verkün­digungsauftrag, und das schwächt ihren Einsatz. Schließlich ersticken sie die Missionsfreude in einer Art Besessenheit, so zu sein wie alle ande­ren und das zu haben, was alle anderen besitzen. Auf diese Weise wird die Aufgabe der Evangeli­sierung als Zwang empfunden, man widmet ihr wenig Mühe und eine sehr begrenzte Zeit.

80.
Es entwickelt sich bei den in der Seelsorge Tätigen jenseits des geistlichen Stils oder der ge­danklichen Linie, die sie haben mögen, ein Rela­tivismus, der noch gefährlicher ist als der, welcher die Lehre betrifft. Es hat etwas mit den tiefsten und aufrichtigsten Entscheidungen zu tun, die eine Lebensform bestimmen. Dieser praktische Relati­vismus besteht darin, so zu handeln, als gäbe es Gott nicht, so zu entscheiden, als gäbe es die Ar­men nicht, so zu träumen, als gäbe es die anderen nicht, so zu arbeiten, als gäbe es die nicht, die die Verkündigung noch nicht empfangen haben. Es ist erwähnenswert, dass sogar, wer dem Anschein nach solide doktrinelle und spirituelle Überzeugun­gen hat, häufig in einen Lebensstil fällt, der dazu führt, sich an wirtschaftliche Sicherheiten oder an Räume der Macht und des menschlichen Ruhms zu klammern, die man sich auf jede beliebige Wei­se verschafft, anstatt das Leben für die anderen in der Mission hinzugeben. Lassen wir uns die mis­sionarische Begeisterung nicht nehmen!

Nein zur egoistischen Trägheit
81.
Wenn wir mehr missionarische Dynamik brauchen, die der Erde Salz und Licht bringt, fürchten viele Laien, jemand könne sie einladen, irgendeine apostolische Aufgabe zu erfüllen, und versuchen, jeder Verpflichtung auszuweichen, die ihnen ihre Freizeit nehmen könnte. Heute ist es zum Beispiel sehr schwierig geworden, quali­fizierte Katechisten für die Pfarreien zu finden, die in ihrer Aufgabe über mehrere Jahre hin aus­harren. Doch etwas Ähnliches geschieht bei den Priestern, die wie besessen um ihre persönliche Zeit besorgt sind. Das ist oft darauf zurückzu­führen, dass sie das dringende Bedürfnis haben, ihre Freiräume zu bewahren, als sei ein Evangeli­sierungsauftrag ein gefährliches Gift anstatt eine freudige Antwort auf die Liebe Gottes, der uns zur Mission ruft und uns erfüllt und fruchtbar macht. Einige sträuben sich dagegen, die Freude an der Mission bis auf den Grund zu erfahren und bleiben in eine lähmende Trägheit eingehüllt.

82.
Das Problem ist nicht immer das Über­maß an Aktivität, sondern es sind vor allem die schlecht gelebten Aktivitäten, ohne die entspre­chenden Beweggründe, ohne eine Spirituali­tät, die die Tätigkeit prägt und wünschenswert macht. Daher kommt es, dass die Pflichten über­mäßig ermüdend sind und manchmal krank ma­chen. Es handelt sich nicht um eine friedvoll-hei­tere Anstrengung, sondern um eine angespannte, drückende, unbefriedigende und letztlich nicht akzeptierte Mühe. Diese pastorale Trägheit kann verschiedene Ursachen haben. Einige verfallen ihr, weil sie nicht realisierbaren Plänen nachge­hen und sich nicht gerne dem widmen, was sie mit Gelassenheit tun könnten. Andere, weil sie die schwierige Entwicklung der Vorgänge nicht akzeptieren und wollen, dass alles vom Himmel fällt. Andere, weil sie sich an Projekte oder an Erfolgsträume klammern, die von ihrer Eitel­keit gehegt werden. Wieder andere, weil sie den wirklichen Kontakt zu den Menschen verloren haben, in einer Entpersönlichung der Seelsorge, die dazu führt, mehr auf die Organisation als auf die Menschen zu achten, so dass sie die „Marsch­route“ mehr begeistert als die Wegstrecke selber. Andere fallen in die Trägheit, weil sie nicht war­ten können und den Rhythmus des Lebens be­herrschen wollen. Das heutige Verlangen, unmit­telbare Ergebnisse zu erzielen, bewirkt, dass die in der Seelsorge Tätigen das Empfinden irgend-eines Widerspruchs, ein scheinbares Scheitern, eine Kritik, ein Kreuz nicht leicht ertragen.

83.
So nimmt die größte Bedrohung Form an, der »graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags, bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zu­geht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt«63. Es entwickelt sich die Grabespsychologie, die die Christen all­mählich in Mumien für das Museum verwandelt. Enttäuscht von der Wirklichkeit, von der Kirche oder von sich selbst, leben sie in der ständigen Versuchung, sich an eine hoffnungslose, süßli­che, Traurigkeit zu klammern, die sich des Her­zens bemächtigt wie »das kostbarste der Elixiere

63 Joseph Ratzinger, Die augenblickliche Situation des Glaubens und der Theologie. Vortrag während des Treffens zwischen der Glaubenskongregation und den Präsidenten der Glaubenskommissionen der Bischofskonferenzen Lateinamerikas, Guadalajara, Mexico, 1996. Veröffentlicht in: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 26 (1996), Nr. 47 (22. November 1996), S. 9; Vgl. V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 12.
des Dämons«64. Berufen, um Licht und Leben zu vermitteln, lassen sie sich schließlich von Dingen faszinieren, die nur Dunkelheit und innere Mü­digkeit erzeugen und die apostolische Dynamik schwächen. Aus diesen Gründen erlaube ich mir, darauf zu beharren: Lassen wir uns die Freude der Evangelisierung nicht nehmen!
Nein zum sterilen Pessimismus
84.
Die Freude aus dem Evangelium kann nichts und niemand uns je nehmen (vgl. Joh 16,22). Die Übel unserer Welt – und die der Kirche – dürften niemals Entschuldigungen sein, um unseren Ein­satz und unseren Eifer zu verringern. Betrachten wir sie als Herausforderungen, um zu wachsen. Außerdem ist der Blick des Glaubens fähig, das Licht zu erkennen, das der Heilige Geist immer inmitten der Dunkelheit verbreitet. Er vergisst nicht, dass »wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist« (Röm 5,20). Unser Glaube ist herausgefordert, den Wein zu erahnen, in den das Wasser verwandelt werden kann, und den Weizen zu entdecken, der inmitten des Un­krauts wächst. Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil darf der größte Realismus nicht weniger Vertrauen auf den Geist, noch we­niger Großherzigkeit bedeuten, auch wenn die Schwächen unserer Zeit uns schmerzen und wir weit entfernt sind von naiven Optimismen. In

64 Georges Bernanos, Journal d’un curé de campagne, Paris 1936, Éditions Plon 1974, S. 135.
diesem Sinn können wir die Worte des seligen Jo­hannes XXIII. an jenem denkwürdigen Tag des 11. Oktober 1962 noch einmal hören: Es »dringen bisweilen betrübliche Stimmen an Unser Ohr, die zwar von großem Eifer zeugen, aber weder genü­gend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie sehen in den modernen Zeiten nur Unrecht und Nieder­gang. […] Doch Wir können diesen Unglückspro­pheten nicht zustimmen, wenn sie nur unheilvolle Ereignisse vorhersagen, so, als ob das Ende der Welt bevorstünde. In der gegenwärtigen Weltord­nung führt uns die göttliche Vorsehung vielmehr zu einer neuen Ordnung der Beziehungen unter den Menschen. Sie vollendet so durch das Werk der Menschen selbst und weit über ihre Erwar­tungen hinaus in immer größerem Maß ihre Plä­ne, die höher sind als menschliche Gedanken und sich nicht berechnen lassen – und alles, auch die Meinungsverschiedenheiten unter den Menschen, dienen so dem größeren Wohl der Kirche.«65
85.
Eine der ernsthaftesten Versuchungen, die den Eifer und den Wagemut ersticken, ist das Gefühl der Niederlage, das uns in unzufriedene und ernüchterte Pessimisten mit düsterem Ge­sicht verwandelt. Niemand kann einen Kampf aufnehmen, wenn er im Voraus nicht voll auf den Sieg vertraut. Wer ohne Zuversicht beginnt, hat von vornherein die Schlacht zur Hälfte verlo­

65 Ansprache zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962), 4, 2-4: AAS 54 (1962), 789.
ren und vergräbt die eigenen Talente. Auch wenn man sich schmerzlich der eigenen Schwäche be­wusst ist, muss man vorangehen, ohne sich ge­schlagen zu geben, und an das denken, was der Herr dem heiligen Paulus sagte: »Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit« (2 Kor 12,9). Der christliche Sieg ist immer ein Kreuz, doch ein Kreuz, das zugleich ein Siegesbanner ist, das man mit einer kämpfe­rischen Sanftmut gegen die Angriffe des Bösen trägt. Der böse Geist der Niederlage ist ein Bru­der der Versuchung, den Weizen vorzeitig vom Unkraut zu trennen, und er ist das Produkt eines ängstlichen egozentrischen Misstrauens.
86.
Es ist offenkundig, dass an einigen Orten eine geistliche „Wüstenbildung“ stattgefunden hat; sie ist das Ergebnis des Planes von Gesell­schaften, die sich ohne Gott aufbauen wollen oder die ihre christlichen Wurzeln zerstören. Dort »wird die christliche Welt unfruchtbar und verbraucht wie ein völlig ausgelaugter Boden, der zu Sand geworden ist«66. In anderen Län­dern zwingt der gewaltsame Widerstand gegen das Christentum die Christen, ihren Glauben gleichsam verborgen zu leben in dem Land, das sie lieben. Das ist eine andere, sehr schmerzli­che Form von Wüste. Auch die eigene Familie oder der eigene Arbeitsplatz können diese tro-

66 John Henry Newman, Letter of 26 January 1833, in: The Letters and Diaries of John Henry Newman, Bd. III, Oxford 1979, S. 204.
ckene Umgebung sein, in der man den Glauben bewahren und versuchen muss, ihn auszustrah­len. »Doch gerade von der Erfahrung der Wüste her, von dieser Leere her können wir erneut die Freude entdecken, die im Glauben liegt, seine le­bensnotwendige Bedeutung für uns Menschen. In der Wüste entdeckt man wieder den Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist; so gibt es in der heutigen Welt unzählige, oft implizit oder negativ zum Ausdruck gebrachte Zeichen des Durstes nach Gott, nach dem letzten Sinn des Lebens. Und in der Wüste braucht man vor allem glaubende Menschen, die mit ihrem eigenen Le­ben den Weg zum Land der Verheißung weisen und so die Hoffnung wach halten.«67 In jedem Fall sind wir unter diesen Umständen berufen, wie große Amphoren zu sein, um den anderen zu trinken zu geben. Manchmal verwandelt sich das Amphoren-Dasein in ein schweres Kreuz, doch gerade am Kreuz hat der Herr, durchbohrt von der Lanze, sich uns als Quelle lebendigen Was­sers übereignet. Lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen!
Ja zu den neuen, von Jesus Christus gebildeten Beziehungen
87.
Heute, da die Netze und die Mittel mensch­licher Kommunikation unglaubliche Entwick­lungen erreicht haben, spüren wir die Her­

67 Benedikt XVI., Homilie während der Eucharistiefeier zur Eröffnung des Jahrs des Glaubens (11. Oktober 2012): AAS 104 (2012), 881.
ausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu le­ben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaoti­schen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine soli­darische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkei­ten der Kommunikation als größere Möglichkei­ten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heil­sames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut. Sich in sich selbst zu verschließen bedeutet, das bittere Gift der Immanenz zu kosten, und in je­der egoistischen Wahl, die wir treffen, wird die Menschlichkeit den kürzeren ziehen.
88.
Das christliche Ideal wird immer dazu auf­fordern, den Verdacht, das ständige Misstrauen, die Angst überschwemmt zu werden, die defen­siven Verhaltensweisen, die die heutige Welt uns auferlegt, zu überwinden. Viele versuchen, vor den anderen in ein bequemes Privatleben oder in den engen Kreis der Vertrautesten zu fliehen, und verzichten auf den Realismus der sozialen Dimension des Evangeliums. Ebenso wie näm­lich einige einen rein geistlichen Christus ohne Leib und ohne Kreuz wollen, werden zwischen­menschliche Beziehungen angestrebt, die nur durch hoch entwickelte Apparate vermittelt wer­den, durch Bildschirme und Systeme, die man auf Kommando ein- und ausschalten kann. Un­terdessen lädt das Evangelium uns immer ein, das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten, mit seiner ansteckenden Freu­de in einem ständigen unmittelbar physischen Kontakt. Der echte Glaube an den Mensch ge­wordenen Sohn Gottes ist untrennbar von der Selbsthingabe, von der Zugehörigkeit zur Ge­meinschaft, vom Dienst, von der Versöhnung mit dem Leib der anderen. Der Sohn Gottes hat uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.

89.
Die Isolierung, die eine Version des Im­manentismus ist, kann sich in einer falschen Autonomie ausdrücken, die Gott ausschließt und die doch auch im Religiösen eine Art spi­rituellen Konsumismus finden kann, der ihrem krankhaften Individualismus entgegenkommt. Die Rückkehr zum Sakralen und die spirituelle Suche, die unsere Zeit kennzeichnen, sind dop­peldeutige Erscheinungen. Mehr als im Atheis­mus besteht heute für uns die Herausforderung darin, in angemessener Weise auf den Durst vie­ler Menschen nach Gott zu antworten, damit sie nicht versuchen, ihn mit irreführenden Antwor­ten oder mit einem Jesus Christus ohne Leib und ohne Einsatz für den anderen zu stillen. Wenn sie in der Kirche nicht eine Spiritualität finden, die sie heilt, sie befreit, sie mit Leben und Frie­den erfüllt und die sie zugleich zum solidarischen Miteinander und zur missionarischen Fruchtbar­keit ruft, werden sie schließlich der Täuschung von Angeboten erliegen, die weder die Mensch­lichkeit fördern, noch Gott die Ehre geben.

90.
Die besonderen Formen der Volksfröm­migkeit sind inkarniert, denn sie sind aus der Inkarnation des christlichen Glaubens in eine Volkskultur hervorgegangen. Eben deshalb schließen sie eine persönliche Beziehung nicht etwa zu harmonisierenden Energien, sondern zu Gott, zu Jesus Christus, zu Maria oder zu einem Heiligen ein. Sie besitzen Leiblichkeit, haben Ge­sichter. Sie sind geeignet, Möglichkeiten der Be­ziehung zu fördern und nicht individualistische Flucht. In anderen Teilen unserer Gesellschaften steigt die Wertschätzung für Formen einer „Spiri­tualität des Wohlbefindens“ ohne Gemeinschaft, für eine „Theologie des Wohlstands“ ohne brü­derlichen Einsatz oder für subjektive Erfahrun­gen ohne Gesicht, die sich auf eine immanentis-tische innere Suche beschränken.

91.
Eine wichtige Herausforderung ist, zu zei­gen, dass die Lösung niemals darin besteht, ei­ner persönlichen und engagierten Beziehung zu Gott, die sich zugleich für die anderen einsetzt, auszuweichen. Das ist es, was heute geschieht, wenn die Gläubigen sich so verhalten, dass sie sich gleichsam verstecken und den anderen aus den Augen gehen, und wenn sie spitzfindig von einem Ort zum anderen oder von einer Aufgabe zur anderen flüchten, ohne tiefe und feste Bin­dungen zu schaffen: »Imaginatio locorum et mutatio multos fefellit«68. Es ist eine falsche Abhilfe, die das Herz und manchmal auch den Leib krank macht. Es ist nötig, zu der Einsicht zu verhelfen, dass der einzige Weg darin besteht zu lernen, den Mit­menschen in der rechten Haltung zu begegnen, indem man sie schätzt und als Weggefährten ak­zeptiert ohne innere Widerstände. Noch besser: Es geht darum zu lernen, Jesus im Gesicht der anderen, in ihrer Stimme, in ihren Bitten zu er­kennen. Und auch zu lernen, in einer Umarmung mit dem gekreuzigten Jesus zu leiden, wenn wir ungerechte Aggressionen oder Undankbarkeiten hinnehmen, ohne jemals müde zu werden, die Brüderlichkeit zu wählen.69

68 Thomas von Kempen, Die Nachfolge Christi, Liber Primus, IX, 5: »Die Einbildung, mit dem Wechsel des Ortes würde es besser, hat schon viele getäuscht«.
69 Wertvoll ist das Zeugnis der heiligen Therese von Lisieux in Bezug auf ihre Beziehung zu jener Mitschwester, die ihr besonders unangenehm war, wobei eine innere Erfahrung eine entscheidende Wirkung hatte: »Eines Abends im Winter verrichtete ich wie gewöhnlich meinen kleinen Dienst, es war kalt, es war dunkel… plötzlich hörte ich aus der Ferne den harmonischen Klang eines Musikinstrumentes, das stellte ich mir einen wohlerleuchteten Salon vor, glänzend in Goldschmuck, worin elegant gekleidete Mädchen Artigkeiten und weltliche Höflichkeiten austauschten; dann fiel mein Blick auf die arme Kranke, die ich stützte; statt einer Melodie vernahm ich von Zeit zu Zeit ihr klagendes Stöhnen […] Ich vermag nicht in Worte zu fassen, was in meiner Seele vorging; was ich weiß, ist, dass der Herr sie mit den Strahlen der Wahrheit erleuchtete, die den trüben Glanz irdischer Feste derart übertreffen, dass ich mein Glück nicht zu fassen vermochte«: Manuscrit C, 29 vo - 30 ro, in: Œvres complètes,, Éditions du Cerf et Desclée De Brouwer, Paris 1992, S. 274-275; (deutsche
92.
Dort liegt die wahre Heilung, da die wirk­lich gesund und nicht krank machende Weise, mit anderen in Beziehung zu treten, eine mysti­sche, kontemplative Brüderlichkeit ist, die die hei­lige Größe des Nächsten zu sehen weiß; die in jedem Menschen Gott zu entdecken weiß; die die Lästigkeiten des Zusammenlebens zu ertra­gen weiß, indem sie sich an die Liebe Gottes klammert; die das Herz für die göttliche Liebe zu öffnen versteht, um das Glück der anderen zu suchen, wie es ihr guter himmlischer Vater sucht. Gerade in dieser Zeit und auch dort, wo sie eine »kleine Herde« sind (Lk 12,32), sind die Jünger des Herrn berufen, als eine Gemeinschaft zu le­ben, die Salz der Erde und Licht der Welt ist (vgl. Mt 5,13-16). Sie sind berufen, auf immer neue Weise Zeugnis für eine evangelisierende Zugehö­rigkeit zu geben.70 Lassen wir uns die Gemein­schaft nicht nehmen!

Nein zur spirituellen Weltlichkeit
93.
Die spirituelle Weltlichkeit, die sich hin­ter dem Anschein der Religiosität und sogar der Liebe zur Kirche verbirgt, besteht darin, anstatt die Ehre des Herrn die menschliche Ehre und das persönliche Wohlergehen zu suchen. Es ist das, was der Herr den Pharisäern vorwarf: »Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure

Ausgabe: Selbstbiographie, Manuskript C, Johannes Verlag Einsiedeln 131996, S. 262].
70 Vgl. Propositio 8.
Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?« (Joh 5,44). Es handelt sich um eine subtile Art, »den eigenen Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi« zu suchen (Phil 2,21). Sie nimmt viele Formen an, je nach dem Naturell des Menschen und der Lage, in die sie eindringt. Da sie an die Suche des An­scheins gebunden ist, geht sie nicht immer mit öffentlichen Sünden einher, und äußerlich er­scheint alles korrekt. Doch wenn diese Mentali­tät auf die Kirche übergreifen würde, »wäre das unendlich viel verheerender als jede andere bloß moralische Weltlichkeit«.71
94.
Diese Weltlichkeit kann besonders aus zwei zutiefst miteinander verbundenen Quellen ge­speist werden. Die eine ist die Faszination des Gnostizismus, eines im Subjektivismus einge­schlossenen Glaubens, bei dem einzig eine be­stimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argu­mentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Im­manenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Ge­fühle eingeschlossen bleibt. Die andere ist der selbstbezogene und prometheische Neu-Pela­gianismus derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholi­

71 Henry De Lubac, Méditation sur l’Église, Paris 1953. Éditions Montaigne, Lyon 1968, S. 321.
schen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind. Es ist eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elite­bewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht. In beiden Fällen existiert weder für Jesus Christus noch für die Menschen ein wirkliches Interesse. Es sind Erscheinungen eines anthropozentrischen Im­manentismus. Es ist nicht vorstellbar, dass aus diesen schmälernden Formen von Christentum eine echte Evangelisierungsdynamik hervorge­hen könnte.
95.
Diese bedrohliche Weltlichkeit zeigt sich in vielen Verhaltensweisen, die scheinbar einander entgegengesetzt sind, aber denselben Anspruch erheben, „den Raum der Kirche zu beherr­schen“. Bei einigen ist eine ostentative Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche festzustellen, doch ohne dass ihnen die wirkliche Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk und die konkreten Erfordernisse der Geschichte Sorgen bereiten. Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Mu­seumsstück oder in ein Eigentum einiger weni­ger. Bei anderen verbirgt sich dieselbe spirituelle Weltlichkeit hinter dem Reiz, gesellschaftliche oder politische Errungenschaften vorweisen zu können, oder in einer Ruhmsucht, die mit dem Management praktischer Angelegenheiten ver­bunden ist, oder darin, sich durch die Dynami­ken der Selbstachtung und der Selbstverwirkli­chung angezogen zu fühlen. Sie kann auch ihren Ausdruck in verschiedenen Weisen finden, sich selbst davon zu überzeugen, dass man in ein in­tensives Gesellschaftsleben eingespannt ist, an­gefüllt mit Reisen, Versammlungen, Abendessen und Empfängen. Oder sie entfaltet sich in einem Manager-Funktionalismus, der mit Statistiken, Planungen und Bewertungen überladen ist und wo der hauptsächliche Nutznießer nicht das Volk Gottes ist, sondern eher die Kirche als Organi­sation. In allen Fällen fehlt dieser Mentalität das Siegel des Mensch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Christus, sie schließt sich in Eli­tegruppen ein und macht sich nicht wirklich auf die Suche nach den Fernstehenden, noch nach den unermesslichen, nach Christus dürstenden Menschenmassen. Da ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit.

96.
In diesem Kontext wird die Ruhmsucht derer gefördert, die sich damit zufrieden geben, eine gewisse Macht zu besitzen, und lieber Ge­neräle von geschlagenen Heeren sein wollen, als einfache Soldaten einer Schwadron, die weiter­kämpft. Wie oft erträumen wir peinlich genaue und gut entworfene apostolische Expansions­projekte, typisch für besiegte Generäle! So ver­leugnen wir unsere Kirchengeschichte, die ruhm­reich ist, insofern sie eine Geschichte der Opfer, der Hoffnung, des täglichen Ringens, des im Dienst aufgeriebenen Lebens, der Beständigkeit in mühevoller Arbeit ist, denn jede Arbeit ge­schieht „im Schweiß unseres Angesichts“. Statt­dessen unterhalten wir uns eitel und sprechen über „das, was man tun müsste“ – die Sünde des „man müsste tun“ – wie spirituelle Lehrer und Experten der Seelsorge, die einen Weg weisen, ihn selber aber nicht gehen. Wir pflegen unsere grenzenlose Fantasie und verlieren den Kontakt zu der durchlittenen Wirklichkeit unseres gläubi­gen Volkes.

97.
Wer in diese Weltlichkeit gefallen ist, schaut von oben herab und aus der Ferne, weist die Pro­phetie der Brüder ab, bringt den, der ihn in Frage stellt, in Misskredit, hebt ständig die Fehler der anderen hervor und ist besessen vom Anschein. Er hat den Bezugspunkt des Herzens verkrümmt auf den geschlossenen Horizont seiner Imma­nenz und seiner Interessen, mit der Konsequenz, dass er nicht aus seinen Sünden lernt, noch wirk­lich offen ist für Vergebung. Es ist eine schreck­liche Korruption mit dem Anschein des Guten. Man muss sie vermeiden, indem man die Kirche in Bewegung setzt, dass sie aus sich herausgeht, in eine auf Jesus Christus ausgerichtete Mission, in den Einsatz für die Armen. Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere. Lassen wir uns das Evangelium nicht nehmen!

Nein zum Krieg unter uns
98.
Wie viele Kriege innerhalb des Gottes­volkes und in den verschiedenen Gemeinschaf­ten! Im Wohnviertel, am Arbeitsplatz – wie vie­le Kriege aus Neid und Eifersucht, auch unter Christen! Die spirituelle Weltlichkeit führt einige Christen dazu, im Krieg mit anderen Christen zu sein, die sich ihrem Streben nach Macht, Anse­hen, Vergnügen oder wirtschaftlicher Sicherheit in den Weg stellen. Außerdem hören einige auf, sich von Herzen zur Kirche gehörig zu fühlen, um einen Geist der Streitbarkeit zu nähren. Mehr als zur gesamten Kirche mit ihrer reichen Viel­falt, gehören sie zu dieser oder jener Gruppe, die sich als etwas Anderes oder etwas Besonderes empfindet.

99.
Die Welt wird von Kriegen und von Ge­walt heimgesucht oder ist durch einen verbreite­ten Individualismus verletzt, der die Menschen trennt und sie gegeneinander stellt, indem jeder dem eigenen Wohlstand nachjagt. In verschiede­nen Ländern leben Konflikte und alte Spaltun­gen wieder auf, die man teilweise für überwun­den hielt. Die Christen aller Gemeinschaften der Welt möchte ich besonders um ein Zeugnis brüderlichen Miteinanders bitten, das anziehend und erhellend wird. Damit alle bewundern kön­nen, wie ihr euch umeinander kümmert, wie ihr euch gegenseitig ermutigt und wie ihr einander begleitet: »Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35). Das ist es, was Jesus mit intensivem Gebet vom Vater erbeten hat: »Alle sollen eins sein … in uns … damit die Welt glaubt« (Joh 17,21). Ach­ten wir auf die Versuchung des Neids! Wir sind im selben Boot und steuern denselben Hafen an! Erbitten wir die Gnade, uns über die Früchte der anderen zu freuen, die allen gehören.

100.
Für diejenigen, die durch alte Spaltungen verletzt sind, ist es schwierig zu akzeptieren, dass wir sie zur Vergebung und zur Versöhnung auf­rufen, weil sie meinen, dass wir ihren Schmerz nicht beachten oder uns anmaßen, sie in den Ver­lust ihrer Erinnerung und ihrer Ideale zu führen. Wenn sie aber das Zeugnis von wirklich brüderli­chen und versöhnten Gemeinschaften sehen, ist das immer ein Licht, das anzieht. Darum tut es mir so weh festzustellen, dass in einigen christ­lichen Gemeinschaften und sogar unter gott­geweihten Personen Platz ist für verschiedene Formen von Hass, Spaltung, Verleumdung, üble Nachrede, Rache, Eifersucht und den Wunsch, die eigenen Vorstellungen um jeden Preis durch­zusetzen, bis hin zu Verfolgungen, die eine un­versöhnliche Hexenjagd zu sein scheinen. Wen wollen wir mit diesem Verhalten evangelisieren?

101.
Bitten wir den Herrn, dass er uns das Ge­setz der Liebe verstehen lässt. Wie gut ist es, die­ses Gesetz zu besitzen! Wie gut tut es uns, ein­ander zu lieben, über alles hinweg! Ja, über alles hinweg! An jeden von uns ist die Mahnung des heiligen Paulus gerichtet: »Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!« (Röm 12,21). Und weiter: »Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun« (Gal 6,9). Alle haben wir Sympathien und Antipathien, und vielleicht sind wir gerade in diesem Moment zornig auf jemanden. Sagen wir wenigstens zum Herrn: „Herr, ich bin zornig auf diesen, auf jene. Ich bitte dich für ihn und für sie.“ Für den Men­schen, über den wir ärgerlich sind, zu beten, ist ein schöner Schritt auf die Liebe zu, und es ist eine Tat der Evangelisierung. Tun wir es heute! Lassen wir uns nicht das Ideal der Bruderliebe nehmen!

Weitere kirchliche Herausforderungen
102.
Die Laien sind schlicht die riesige Mehr­heit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger. Das Bewusstsein der Identität und des Auftrags der Laien in der Kirche ist gewachsen. Wir verfügen über ein zahlenmäßig starkes, wenn auch nicht ausreichendes Laientum mit einem verwurzelten Gemeinschaftssinn und einer großen Treue zum Einsatz in der Nächstenliebe, der Katechese, der Feier des Glaubens. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien, die aus der Tau­fe und der Firmung hervorgeht, zeigt sich nicht überall in gleicher Weise. In einigen Fällen, weil sie nicht ausgebildet sind, um wichtige Verant­wortungen zu übernehmen, in anderen Fällen, weil sie in ihren Teilkirchen aufgrund eines über­triebenen Klerikalismus, der sie nicht in die Ent­scheidungen einbezieht, keinen Raum gefunden haben, um sich ausdrücken und handeln zu kön­nen. Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christ­licher Werte in die soziale, politische und wirt­schaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkli­ches Engagement für die Anwendung des Evan­geliums zur Verwandlung der Gesellschaft. Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar.

103.
Die Kirche erkennt den unentbehrlichen Beitrag an, den die Frau in der Gesellschaft lei­stet, mit einem Feingefühl, einer Intuition und gewissen charakteristischen Fähigkeiten, die ge­wöhnlich typischer für die Frauen sind als für die Männer. Zum Beispiel die besondere weibliche Aufmerksamkeit gegenüber den anderen, die sich speziell, wenn auch nicht ausschließlich, in der Mutterschaft ausdrückt. Ich sehe mit Freu­de, wie viele Frauen pastorale Verantwortungen gemeinsam mit den Priestern ausüben, ihren Bei­trag zur Begleitung von Einzelnen, von Famili­en oder Gruppen leisten und neue Anstöße zur theologischen Reflexion geben. Doch müssen die Räume für eine wirksamere weibliche Gegen­wart in der Kirche noch erweitert werden. Denn »das weibliche Talent ist unentbehrlich in allen Ausdrucksformen des Gesellschaftslebens; aus diesem Grund muss die Gegenwart der Frauen auch im Bereich der Arbeit garantiert werden«72 und an den verschiedenen Stellen, wo die wich­tigen Entscheidungen getroffen werden, in der Kirche ebenso wie in den sozialen Strukturen.

104.
Die Beanspruchung der legitimen Rechte der Frauen aufgrund der festen Überzeugung, dass Männer und Frauen die gleiche Würde be­sitzen, stellt die Kirche vor tiefe Fragen, die sie herausfordern und die nicht oberflächlich um­gangen werden können. Das den Männern vor­behaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht, kann aber Anlass zu besonderen Konflikten ge­ben, wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird. Man darf nicht vergessen, dass wir uns, wenn wir von priesterli­cher Vollmacht reden, »auf der Ebene der Funk­tion und nicht auf der Ebene der Würde und der Heiligkeit«73 befinden. Das Amtspriestertum ist eines der Mittel, das Jesus zum Dienst an seinem Volk einsetzt, doch die große Würde kommt von der Taufe, die allen zugänglich ist. Die Gleichge­

72 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 295.
73 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 51: AAS 81 (1989), 493.
staltung des Priesters mit Christus, dem Haupt – das heißt als Hauptquelle der Gnade – schließt nicht eine Erhebung ein, die ihn an die Spitze alles Übrigen setzt. In der Kirche begründen die Funktionen »keine Überlegenheit der einen über die anderen«.74 Tatsächlich ist eine Frau, Maria, bedeutender als die Bischöfe. Auch wenn die Funktion des Amtspriestertums sich als „hierar­chisch“ versteht, muss man berücksichtigen, dass sie »ganz für die Heiligkeit der Glieder Chris-
ti bestimmt« ist.75 Ihr Dreh- und Angelpunkt ist nicht ihre als Herrschaft verstandene Macht, son­dern ihre Vollmacht, das Sakrament der Eucha­ristie zu spenden; darauf beruht ihre Autorität, die immer ein Dienst am Volk ist. Hier erscheint eine große Herausforderung für die Hirten und für die Theologen, die helfen könnten, besser zu erkennen, was das dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche wichtige Entscheidungen getroffen werden, in Bezug auf die mögliche Rolle der Frau mit sich bringt.
105.
Die Jugendpastoral, wie wir sie gewohn­heitsmäßig entwickelten, ist von der Welle der gesellschaftlichen Veränderungen getroffen wor­

74 Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Inter Insignores zur Frage der Zulassung der Frau zum Amtspriestertum (15. Oktober 1976), VI: AAS 69 (1977) 115. Zitiert in: Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 51, Anm. 190: AAS 81 (1989), 493.
75 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 27: AAS 80 (1988), 1718.
den. Die Jugendlichen finden in den üblichen Strukturen oft keine Antworten auf ihre Sorgen, Nöte, Probleme und Verletzungen. Uns Erwach­senen verlangt es etwas ab, ihnen geduldig zu­zuhören, ihre Sorgen und ihre Forderungen zu verstehen und zu lernen, mit ihnen eine Sprache zu sprechen, die sie verstehen. Aus ebendiesem Grund bringen die Erziehungsvorschläge nicht die erhofften Ergebnisse. Die Vermehrung und das Wachsen von Verbänden und Bewegungen vornehmlich junger Menschen kann als ein Wir­ken des Heiligen Geistes interpretiert werden, der neue Wege öffnet, die mit ihren Erwartungen und ihrer Suche nach einer tiefen Spiritualität und nach dem Gefühl einer konkreteren Zugehörig­keit im Einklang stehen. Es ist jedoch notwendig, die Beteiligung dieser Gruppen innerhalb der Gesamtpastoral der Kirche zu festigen.76
106.
Auch wenn es nicht immer einfach ist, die Jugendlichen heranzuführen, sind doch in zwei Bereichen Fortschritte erzielt worden: in dem Bewusstsein, dass die gesamte Gemeinschaft sie evangelisiert und erzieht, und in der Dringlich­keit, dass sie mehr zur Geltung kommen. Man muss anerkennen, dass es im gegenwärtigen Kontext der Krise des Engagements und der ge­meinschaftlichen Bindungen doch viele Jugend­liche gibt, die angesichts der Leiden in der Welt ihre solidarische Hilfe leisten und verschiedene

76 Vgl. Propositio 51.
Formen von Aktivität und Volontariat ergreifen. Einige beteiligen sich am Leben der Gemeinde und rufen in ihren Diözesen oder an anderen Orten Dienstleistungsgruppen und verschiedene missionarische Initiativen ins Leben. Wie schön, wenn die Jugendlichen „Weggefährten des Glau­bens“ sind, glücklich, Jesus auf jede Straße, auf jeden Platz, in jeden Winkel der Erde zu bringen!
107.
Vielerorts mangelt es an Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben. Das ist häufig auf das Fehlen eines ansteckenden apos-tolischen Eifers in den Gemeinden zurückzufüh­ren, so dass diese Berufungen nicht begeistern und keine Anziehungskraft ausüben. Wo es Le­ben, Eifer und den Willen gibt, Christus zu den anderen zu bringen, entstehen echte Berufungen. Sogar in Pfarreien, wo die Priester nicht sehr en­gagiert und fröhlich sind, ist es das geschwister­liche und eifrige Gemeinschaftsleben, das den Wunsch erweckt, sich ganz Gott und der Evan­gelisierung zu weihen, vor allem, wenn diese le­bendige Gemeinde inständig um Berufungen betet und den Mut besitzt, ihren Jugendlichen einen Weg besonderer Weihe vorzuschlagen. An­dererseits sind wir uns heute trotz des Mangels an Berufungen deutlicher der Notwendigkeit ei­ner besseren Auswahl der Priesteramtskandida­ten bewusst. Man darf die Seminare nicht auf der Basis jeder beliebigen Art von Motivation füllen, erst recht nicht, wenn diese mit affektiver Unsicherheit oder mit der Suche nach Formen der Macht, der menschlichen Ehre oder des wirt­schaftlichen Wohlstands verbunden ist.

108.
Wie ich schon sagte, war es nicht meine Absicht, eine vollständige Analyse anzubieten, sondern ich lade die Gemeinschaften ein, die­se Ausblicke, ausgehend vom Bewusstsein der Herausforderungen, die sie selbst und die ihnen Nahestehenden betreffen, zu vervollständigen und zu bereichern. Ich hoffe, dass sie bei diesem Tun berücksichtigen, dass es jedes Mal, wenn wir versuchen, in der jeweils gegenwärtigen Lage die Zeichen der Zeit zu erkennen, angebracht ist, die Jugendlichen und die Alten anzuhören. Beide sind die Hoffnung der Völker. Die Alten bringen das Gedächtnis und die Weisheit der Erfahrung ein, die dazu einlädt, nicht unsinnigerweise die­selben Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Die Jugendlichen rufen uns auf, die Hoffnung wieder zu erwecken und sie zu steigern, denn sie tragen die neuen Tendenzen in sich und öff­nen uns für die Zukunft, so dass wir nicht in der Nostalgie von Strukturen und Gewohnheiten verhaftet bleiben, die in der heutigen Welt keine Überbringer von Leben mehr sind.

109.
Die Herausforderungen existieren, um überwunden zu werden. Seien wir realistisch, doch ohne die Heiterkeit, den Wagemut und die hoffnungsvolle Hingabe zu verlieren! Lassen wir uns die missionarische Kraft nicht nehmen!

DRITTES KAPITEL
DIE VERKÜNDIGUNG
DES EVANGELIUMS
110.
Nachdem ich einigen Herausforderun­gen der gegenwärtigen Situation Beachtung ge­schenkt habe, möchte ich nun an die Aufgabe erinnern, die uns in jeder Epoche und an jedem Ort drängt; denn »es kann keine wahre Evange­lisierung geben ohne eindeutige Verkündigung, dass Jesus der Herr ist«, und ohne »den Primat der Verkündigung Jesu Christi […] wie auch immer die Evangelisierung geschehen mag«77. Johannes Paul II. hat die Sorgen der asiatischen Bischöfe aufgegriffen und bekräftigt: »Wenn die Kirche in Asien die ihr von der Vorsehung zugedachte Aufgabe erfüllen soll, dann muss die Evangeli­sierung als freudige, geduldige und fortgesetzte Verkündigung des Erlösungswerks des Todes und der Auferstehung Jesu Christi eure absolute Priorität sein.«78 Das gilt für alle.

I.
Das ganze Volk Gottes verkündet das Evangelium

111.
Die Evangelisierung ist Aufgabe der Kir­che. Aber dieses Subjekt der Evangelisierung ist

77 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Asia (6. November 1999), 19: AAS 92 (2000), 478.
78 Ebd., 2: AAS 92 (2000), 451.
weit mehr als eine organische und hierarchische Institution, da es vor allem ein Volk auf dem Weg zu Gott ist. Gewiss handelt es sich um ein Geheimnis, das in der Heiligsten Dreifaltigkeit ver­wurzelt ist, dessen historisch konkrete Gestalt aber ein pilgerndes und evangelisierendes Volk ist, das immer jeden, wenn auch notwendigen institutionellen Ausdruck übersteigt. Ich schlage vor, dass wir ein wenig bei dieser Weise, die Kir­che zu verstehen, verweilen, die ihr letztes Fun­dament in der freien und ungeschuldeten Initia­tive Gottes hat.
Ein Volk für alle
112.
Das Heil, das Gott uns anbietet, ist ein Werk seiner Barmherzigkeit. Es gibt kein menschliches Tun, so gut es auch sein mag, das uns ein so großes Geschenk verdienen ließe. Aus reiner Gnade zieht Gott uns an, um uns mit sich zu vereinen.79 Er sendet seinen Geist in unsere Herzen, um uns zu seinen Kindern zu machen, um uns zu verwandeln und uns fähig zu machen, mit unserem Leben auf seine Liebe zu antwor­ten. Die Kirche ist von Jesus Christus gesandt als das von Gott angebotene Sakrament des Hei­les.80 Durch ihr evangelisierendes Tun arbeitet sie mit als Werkzeug der göttlichen Gnade, die unaufhörlich und jenseits jeder möglichen Kon­

79 Vgl. Propositio 4.
80 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 1.
trolle wirkt. Benedikt XVI. hat dies treffend zum Ausdruck gebracht, als er die Überlegungen der Synode eröffnete: »Daher ist es wichtig, immer zu wissen, dass das erste Wort, die wahre Initia­tive, das wahre Tun von Gott kommt, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfü­gen, nur indem wir diese göttliche Initiative er­bitten, können auch wir – mit ihm und in ihm – zu Evangelisierern werden.«81 Das Prinzip des Primats der Gnade muss ein Leuchtfeuer sein, das unsere Überlegungen zur Evangelisierung stän­dig erhellt.
113.
Dieses Heil, das Gott verwirklicht und das die Kirche freudig verkündet, gilt allen82, und Gott hat einen Weg geschaffen, um sich mit je­dem einzelnen Menschen aus allen Zeiten zu ver­einen. Er hat die Wahl getroffen, sie als Volk und nicht als isolierte Wesen zusammenzurufen.83 Niemand erlangt das Heil allein, das heißt weder als isoliertes Individuum, noch aus eigener Kraft. Gott zieht uns an, indem er den vielschichtigen Verlauf der zwischenmenschlichen Beziehungen berücksichtigt, den das Leben in einer menschli­chen Gemeinschaft mit sich bringt. Dieses Volk, das Gott sich erwählt und zusammengerufen hat,

81 Meditation bei der ersten Generalkongregation der XIII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (8. Oktober 2012): AAS 104 (2012), 897.
82 Vgl. Propositio 6; Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 22.
83 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 9.
ist die Kirche. Jesus sagt den Aposteln nicht, eine exklusive Gruppe, eine Elitetruppe zu bilden. Je­sus sagt: »Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern« (Mt 28,19). Der heilige Paulus bekräftigt, dass es im Volk Gottes »nicht mehr Juden und Griechen [gibt] … denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus« (Gal 3,28). Zu denen, die sich fern von Gott und von der Kirche fühlen, würde ich gerne sagen: Der Herr ruft auch dich, Teil seines Volkes zu sein, und er tut es mit großem Respekt und großer Liebe!
114.
Kirche sein bedeutet Volk Gottes sein, in Übereinstimmung mit dem großen Plan der Lie­be des Vaters. Das schließt ein, das Ferment Got­tes inmitten der Menschheit zu sein. Es bedeutet, das Heil Gottes in dieser unserer Welt zu verkün­den und es hineinzutragen in diese unsere Welt, die sich oft verliert, die es nötig hat, Antworten zu bekommen, die ermutigen, die Hoffnung ge­ben, die auf dem Weg neue Kraft verleihen. Die Kirche muss der Ort der ungeschuldeten Barm­herzigkeit sein, wo alle sich aufgenommen und geliebt fühlen können, wo sie Verzeihung er­fahren und sich ermutigt fühlen können, gemäß dem guten Leben des Evangeliums zu leben.

Ein Volk der vielen Gesichter
115.
Dieses Volk Gottes nimmt in den Völkern der Erde Gestalt an, und jedes dieser Völker be­sitzt seine eigene Kultur. Der Begriff der Kultur ist ein wertvolles Instrument, um die verschie­denen Ausdrucksformen des christlichen Le­bens zu verstehen, die es im Volk Gottes gibt. Es handelt sich um den Lebensstil einer bestimm­ten Gesellschaft, um die charakteristische Wei­se ihrer Glieder, miteinander, mit den anderen Geschöpfen und mit Gott in Beziehung zu tre­ten. So verstanden, umfasst die Kultur die Ge­samtheit des Lebens eines Volkes.84 Jedes Volk entwickelt in seinem geschichtlichen Werdegang die eigene Kultur in legitimer Autonomie.85 Das ist darauf zurückzuführen, dass die menschliche Person »von ihrem Wesen selbst her des gesell­schaftlichen Lebens durchaus bedarf«86 und im­mer auf die Gesellschaft bezogen ist, wo sie eine konkrete Weise lebt, mit der Wirklichkeit in Be­ziehung zu treten. Der Mensch ist immer kultu­rell beheimatet: »Natur und Kultur hängen eng­stens zusammen.«87 Die Gnade setzt die Kultur voraus, und die Gabe Gottes nimmt Gestalt an in der Kultur dessen, der sie empfängt.

116.
In diesen zwei Jahrtausenden des Chri­stentums haben unzählige Völker die Gnade des Glaubens empfangen, haben sie in ihrem tägli­chen Leben erblühen lassen und sie entsprechend ihrer eigenen kulturellen Beschaffenheit weiter­

84 Vgl. III. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Puebla (23. März 1979), 386-387.
85 Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes der Welt von heute, 36.
86 Ebd., 25.
87 Ebd., 53.
gegeben. Wenn eine Gemeinschaft die Verkündi­gung des Heils aufnimmt, befruchtet der Heilige Geist ihre Kultur mit der verwandelnden Kraft des Evangeliums. So verfügt das Christentum, wie wir in der Geschichte der Kirche sehen kön­nen, nicht über ein einziges kulturelles Modell, sondern »es bewahrt voll seine eigene Identität in totaler Treue zur Verkündigung des Evangeli­ums und zur Tradition der Kirche und trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird«88. In den verschiedenen Völkern, die die Gabe Got­tes entsprechend ihrer eigenen Kultur erfahren, drückt die Kirche ihre authentische Katholizität aus und zeigt die »Schönheit dieses vielseitigen Gesichtes«89. In den christlichen Ausdrucksfor­men eines evangelisierten Volkes verschönert der Heilige Geist die Kirche, indem er ihr neue As­pekte der Offenbarung zeigt und ihr ein neues Gesicht schenkt. In der Inkulturation führt die Kirche »die Völker mit ihren Kulturen in die Ge­meinschaft mit ihr ein«90, denn »jede Kultur bie­tet Werte und positive Formen, welche die Wei­se, das Evangelium zu verkünden, zu verstehen und zu leben, bereichern können«91. Auf diese
88 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte (6. Januar 2001), 40: AAS 93 (2001), 294-295.
89 Ebd., 40: AAS 93 (2001), 295.
90 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 52: AAS 83 (1991), 300; vgl. Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae (16. Oktober 1979), 53: AAS 71 (1979), 1321.
91 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches
Weise wird die Kirche »zur sponsa ornata monilibus suis, „Braut, die ihr Geschmeide anlegt“ (vgl. Jes 61,10)«92.
117.
Wenn sie richtig verstanden wird, be­droht die kulturelle Verschiedenheit die Einheit der Kirche nicht. Der vom Vater und vom Sohn gesandte Heilige Geist ist es, der unsere Herzen verwandelt und uns fähig macht, in die vollkom­mene Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit einzutreten, wo alles zur Einheit findet. Er schafft die Gemeinschaft und die Harmonie des Gottes­volkes. Der Heilige Geist ist selbst die Harmonie, so wie er das Band der Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn ist.93 Er ist derjenige, der einen vielfältigen und verschiedenartigen Reichtum der Gaben hervorruft und zugleich eine Einheit aufbaut, die niemals Einförmigkeit ist, sondern vielgestaltige Harmonie, die anzieht. Die Evan­gelisierung erkennt freudig diesen vielfältigen Reichtum, den der Heilige Geist in der Kirche er­zeugt. Es würde der Logik der Inkarnation nicht gerecht, an ein monokulturelles und eintöniges Christentum zu denken. Obwohl es zutrifft, dass einige Kulturen eng mit der Verkündigung

Schreiben Ecclesia in Oceania (22. November 2001), 16: AAS 94 (2002), 384.
92 Ders., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa (14. September 1995), 61: AAS 88 (1996), 39.
93 Vgl. Thomas von Aquin, S. Th. I, q. 39, a. 8 cons. 2: »Wenn man den Heiligen Geist ausschließt, der die Verbindung zwischen dem Vater und dem Sohn ist, kann man die Einigkeit beider nicht verstehen«; vgl. auch I, q. 37, a. 1, ad 3.
des Evangeliums und mit der Entwicklung des christlichen Denkens verbunden waren, identi­fiziert sich die offenbarte Botschaft mit keiner von ihnen und besitzt einen transkulturellen In­halt. Darum kann man bei der Evangelisierung neuer Kulturen oder solcher, die die christliche Verkündigung noch nicht aufgenommen haben, darauf verzichten, zusammen mit dem Angebot des Evangeliums eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag. Die Botschaft, die wir verkünden, weist immer irgendeine kulturelle Einkleidung vor, doch manchmal verfallen wir in der Kirche der selbstgefälligen Sakralisierung der eigenen Kul­tur, und damit können wir mehr Fanatismus als echten Missionseifer erkennen lassen.
118.
Die Bischöfe Ozeaniens haben gefordert, dass die Kirche dort »ein Verständnis und eine Darstellung der Wahrheit Christi entwickelt, wel­che die Traditionen und Kulturen der Region einbezieht«. Sie haben alle Missionare ermahnt, »in Harmonie mit den einheimischen Christen zu wirken, um sicherzustellen, dass der Glau­be und das Leben der Kirche sich in legitimen, jeder einzelnen Kultur angemessenen Formen ausdrücken«.94 Wir können nicht verlangen, dass alle Völker aller Kontinente in ihrem Ausdruck des christlichen Glaubens die Modalitäten nach­

94 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Oceania (22. November 2001), 17: AAS 94 (2002), 385.
ahmen, die die europäischen Völker zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte angenom­men haben, denn der Glaube kann nicht in die Grenzen des Verständnisses und der Ausdrucks­weise einer besonderen Kultur eingeschlossen werden.95 Es ist unbestreitbar, dass eine einzige Kultur das Erlösungsgeheimnis Christi nicht er­schöpfend darstellt.
Alle sind wir missionarische Jünger
119.
In allen Getauften, vom ersten bis zum letzten, wirkt die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung drängt. Das Volk Got­tes ist heilig in Entsprechung zu dieser Salbung, die es „in credendo“ unfehlbar macht. Das bedeu­tet, dass es, wenn es glaubt, sich nicht irrt, auch wenn es keine Worte findet, um seinen Glauben auszudrücken. Der Geist leitet es in der Wahrheit und führt es zum Heil.96 Als Teil seines Geheim­nisses der Liebe zur Menschheit begabt Gott die Gesamtheit der Gläubigen mit einem Instinkt des Glaubens – dem sensus fidei –, der ihnen hilft, das zu unterscheiden, was wirklich von Gott kommt. Die Gegenwart des Geistes gewährt den Christen eine gewisse Wesensgleichheit mit den göttlichen Wirklichkeiten und eine Weisheit, die

95 Vgl. Ders., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Asia (6. November 1999), 20: AAS 92 (2000), 478-482.
96 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 12.
ihnen erlaubt, diese intuitiv zu erfassen, obwohl sie nicht über die geeigneten Mittel verfügen, sie genau auszudrücken.
120.
Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden (vgl. Mt 28,19). Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kir­che und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung, und es wäre unangemessen, an einen Evangelisierungsplan zu denken, der von qualifizierten Mitarbeitern umgesetzt würde, wobei der Rest des gläubigen Volkes nur Empfänger ihres Handelns wäre. Die neue Evangelisierung muss ein neues Verständ­nis der tragenden Rolle eines jeden Getauften einschließen. Diese Überzeugung wird zu einem unmittelbaren Aufruf an jeden Christen, dass niemand von seinem Einsatz in der Evangeli­sierung ablasse; wenn einer nämlich wirklich die ihn rettende Liebe Gottes erfahren hat, braucht er nicht viel Vorbereitungszeit, um sich aufzu­machen und sie zu verkündigen; er kann nicht darauf warten, dass ihm viele Lektionen erteilt oder lange Anweisungen gegeben werden. Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist; wir sagen nicht mehr, dass wir „Jünger“ und „Mis­sionare“ sind, sondern immer, dass wir „missio­narische Jünger“ sind. Wenn wir nicht überzeugt sind, schauen wir auf die ersten Jünger, die sich unmittelbar, nachdem sie den Blick Jesu kennen gelernt hatten, aufmachten, um ihn voll Freude zu verkünden: »Wir haben den Messias gefun­den« (Joh 1,41). Kaum hatte die Samariterin ihr Gespräch mit Jesus beendet, wurde sie Missio­narin, und viele Samariter kamen zum Glauben an Jesus »auf das Wort der Frau hin« (Joh 4,39). Nach seiner Begegnung mit Jesus Christus mach­te sich auch der heilige Paulus auf, »und sogleich verkündete er Jesus … und sagte: Er ist der Sohn Gottes.« (Apg 9,20). Und wir, worauf warten wir?

121.
Gewiss sind wir alle gerufen, als Ver­künder des Evangeliums zu wachsen. Zugleich bemühen wir uns um eine bessere Ausbildung, eine Vertiefung unserer Liebe und ein deutliche­res Zeugnis für das Evangelium. Daher müs­sen wir uns alle gefallen lassen, dass die ande­ren uns ständig evangelisieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir unterdessen von unserer Aufgabe zu evangelisieren absehen müssen, son­dern wir sollen die Weise finden, die der Situa­tion angemessen ist, in der wir uns befinden.
In jedem Fall sind wir alle gerufen, den anderen ein klares Zeugnis der heilbringenden Liebe des Herrn zu geben, der uns jenseits unserer Unvoll­kommenheiten seine Nähe, sein Wort und seine Kraft schenkt und unserem Leben Sinn verleiht. Dein Herz weiß, dass das Leben ohne ihn nicht dasselbe ist. Was du entdeckt hast, was dir zu le­ben hilft und dir Hoffnung gibt, das sollst du den anderen mitteilen. Unsere Unvollkommenheit darf keine Entschuldigung sein; im Gegenteil, die Aufgabe ist ein ständiger Anreiz, sich nicht der Mittelmäßigkeit hinzugeben, sondern wei­ter zu wachsen. Das Glaubenszeugnis, das jeder Christ zu geben berufen ist, schließt ein, wie der heilige Paulus zu bekräftigen: »Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollen­det wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen … und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist« (Phil 3,12-13).

Die evangelisierende Kraft der Volksfrömmigkeit
122.
In gleicher Weise können wir uns vorstel­len, dass die verschiedenen Völker, in die das Evangelium inkulturiert worden ist, aktive kol­lektive Träger und Vermittler der Evangelisie­rung sind. Das ist tatsächlich so, weil jedes Volk der Schöpfer der eigenen Kultur und der Prot­agonist der eigenen Geschichte ist. Die Kultur ist etwas Dynamisches, das von einem Volk ständig neu erschaffen wird; und jede Generation gibt an die folgende eine Gesamtheit von auf die ver­schiedenen Lebenssituationen bezogenen Ein­stellungen weiter, die diese angesichts ihrer eige­nen Herausforderungen überarbeiten muss. Der Mensch »ist zugleich Kind und Vater der Kultur, in der er eingebunden ist«.97 Wenn in einem Volk das Evangelium inkulturiert worden ist, gibt es in seinem Prozess der Übermittlung der Kultur auch den Glauben auf immer neue Weise weiter; daher die Wichtigkeit der als Inkulturation ver­standenen Evangelisierung. Jeder Teil des Got­

97 Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 71 : AAS 91 (1999), 60.
tesvolkes gibt, indem er die Gabe Gottes dem eigenen Geist entsprechend in sein Leben über­trägt, Zeugnis für den empfangenen Glauben und bereichert ihn mit neuen, aussagekräftigen Ausdrucksformen. Man kann sagen: »Das Volk evangelisiert fortwährend sich selbst.«98 Hier ist die Volksfrömmigkeit von Bedeutung, die ein au­thentischer Ausdruck des spontanen missionari­schen Handelns des Gottesvolkes ist. Es handelt sich um eine in fortwährender Entwicklung be­griffene Wirklichkeit, in der der Heilige Geist der Protagonist ist.99
123.
In der Volksfrömmigkeit kann man die Weise erfassen, in der der empfangene Glaube in einer Kultur Gestalt angenommen hat und stän­dig weitergegeben wird. Während sie zeitweise mit Misstrauen betrachtet wurde, war sie in den Jahrzehnten nach dem Konzil Gegenstand einer Neubewertung. Paul VI. hat in seinem Aposto­lischen Schreiben Evangelii nuntiandi einen ent­scheidenden Impuls in diesem Sinn gegeben. Dort erklärt er, dass in der Volksfrömmigkeit »ein Hunger nach Gott zum Ausdruck [kommt], wie ihn nur die Einfachen und Armen kennen«100,

98 III. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Puebla (23. März 1979), 450; vgl. V. Generalversammlung der Bischöfe von ateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 264.
99 Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Asia (6. November 1999), 21: AAS 92 (2000), 482-484.
100 Nr. 48: AAS 68 (1976), 38.
und fährt fort: »Sie befähigt zur Großmut und zum Opfer, ja zum Heroismus, wenn es gilt, den Glauben zu bekunden«101. Näher an unseren Ta­gen hat Benedikt XVI. in Lateinamerika darauf hingewiesen, dass sie »ein kostbarer Schatz der katholischen Kirche« ist und dass in ihr »die Seele der lateinamerikanischen Völker zum Vorschein kommt«.102
124.
Im Dokument von Aparecida werden die Reichtümer beschrieben, die der Heilige Geist in der Volksfrömmigkeit mit seiner unentgeltli­chen Initiative entfaltet. In jenem geliebten Kon­tinent, wo viele Christen ihren Glauben durch die Volksfrömmigkeit zum Ausdruck bringen, nennen die Bischöfe sie auch »Volksspiritualität« oder »Volksmystik«.103 Es handelt sich um eine wahre »in der Kultur der Einfachen verkörperte Spiritualität«104. Sie ist nicht etwa ohne Inhalte, sondern sie entdeckt und drückt diese mehr auf symbolischem Wege als durch den Gebrauch des funktionellen Verstandes aus, und im Glaubens­akt betont sie mehr das credere in Deum als das cre­dere Deum105. Es ist »eine legitime Weise, den Glau­

101 Ebd.
102 Ansprache während der Eröffnungssitzung der V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik (13. Mai 2007), 1: AAS 99 (2007), 446-447.
103 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 262.
104 Ebd., 263.
105 Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 2, a. 2.
ben zu leben, eine Weise, sich als Teil der Kirche zu fühlen und Missionar zu sein«106; sie bringt die Gnade des Missionsgeistes, des Aus-sich-Herausgehens und des Pilgerseins mit sich: »Das gemeinsame Gehen zu den Wallfahrtsorten und die Teilnahme an anderen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit, wobei man auch die Kinder mitnimmt oder andere Menschen dazu einlädt, ist in sich selbst ein Akt der Evangelisierung.«107 Tun wir dieser missionarischen Kraft keinen Zwang an und maßen wir uns nicht an, sie zu kontrollieren!
125.
Um diese Wirklichkeit zu verstehen, muss man sich ihr mit dem Blick des Guten Hirten nähern, der nicht darauf aus ist, zu urteilen, sondern zu lieben. Allein von der natürlichen Hinneigung her, die die Liebe schenkt, können wir das gottgefällige Leben würdigen, das in der Frömmigkeit der christlichen Völker, besonders bei den Armen, vorhanden ist. Ich denke an den festen Glauben jener Mütter am Krankenbett des Sohnes, die sich an einen Rosenkranz klam­mern, auch wenn sie die Sätze des Credo nicht zusammenbringen; oder an den enormen Gehalt an Hoffnung, der sich mit einer Kerze verbreitet, die in einer bescheidenen Wohnung angezündet wird, um Maria um Hilfe zu bitten; oder an jene

106 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 264.
107 Ebd.
von tiefer Liebe erfüllten Blicke auf den gekreu­zigten Christus. Wer das heilige gläubige Volk Gottes liebt, kann diese Handlungen nicht einzig als eine natürliche Suche des Göttlichen anse­hen. Sie sind der Ausdruck eines gottgefälligen Lebens, beseelt vom Wirken des Heiligen Gei­stes, der in unsere Herzen eingegossen ist (vgl. Röm 5,5).
126.
Da die Volksfrömmigkeit Frucht des in­kulturierten Evangeliums ist, ist in ihr eine aktiv evangelisierende Kraft eingeschlossen, die wir nicht unterschätzen dürfen; anderenfalls würden wir die Wirkung des Heiligen Geistes verkennen. Wir sind vielmehr aufgerufen, sie zu fördern und zu verstärken, um den Prozess der Inkulturation zu vertiefen, der niemals abgeschlossen ist. Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit haben vieles, das sie uns lehren können, und für den, der imstande ist, sie zu deuten, sind sie ein theo­logischer Ort. Diesem sollen wir Aufmerksamkeit schenken, besonders im Hinblick auf die neue Evangelisierung.

Von Mensch zu Mensch
127.
Nun, da die Kirche eine tiefe missionari­sche Erneuerung vollziehen möchte, gibt es eine Form der Verkündigung, die uns allen als tägliche Pflicht zukommt. Es geht darum, das Evangeli­um zu den Menschen zu bringen, mit denen jeder zu tun hat, zu den Nächsten wie zu den Unbe­kannten. Es ist die informelle Verkündigung, die man in einem Gespräch verwirklichen kann, und es ist auch die, welche ein Missionar handhabt, wenn er ein Haus besucht. Jünger sein bedeutet, ständig bereit zu sein, den anderen die Liebe Jesu zu bringen, und das geschieht spontan an jedem beliebigen Ort, am Weg, auf dem Platz, bei der Arbeit, auf einer Straße.

128.
Der erste Schritt dieser stets respektvollen und freundlichen Verkündigung besteht aus ei­nem persönlichen Gespräch, in dem der andere Mensch sich ausdrückt und seine Freuden, seine Hoffnungen, die Sorgen um seine Lieben und viele Dinge, von denen sein Herz voll ist, mitteilt. Erst nach diesem Gespräch ist es möglich, das Wort Gottes vorzustellen, sei es mit der Lesung irgendeiner Schriftstelle oder erzählenderweise, aber immer im Gedanken an die grundlegende Verkündigung: die persönliche Liebe Gottes, der Mensch geworden ist, sich für uns hinge­geben hat und als Lebender sein Heil und seine Freundschaft anbietet. Es ist die Verkündigung, die man in einer demütigen, bezeugenden Hal­tung mitteilt wie einer, der stets zu lernen weiß, im Bewusstsein, dass die Botschaft so reich und so tiefgründig ist, dass sie uns immer überragt. Manchmal drückt man sie auf direktere Weise aus, andere Male durch ein persönliches Zeug­nis, eine Erzählung, eine Geste oder die Form, die der Heilige Geist selbst in einem konkreten Umstand hervorrufen kann. Wenn es vernünftig erscheint und die entsprechenden Bedingungen gegeben sind, ist es gut, wenn diese brüderliche und missionarische Begegnung mit einem kurzen Gebet abgeschlossen wird, das die Sorgen auf­nimmt, die der Gesprächspartner zum Ausdruck gebracht hat. Er wird dann deutlicher spüren, dass er angehört und verstanden wurde, dass sei­ne Situation in Gottes Hand gelegt wurde, und er wird erkennen, dass das Wort Gottes wirklich sein Leben anspricht.

129.
Man darf nicht meinen, die Verkündigung des Evangeliums müsse immer mit bestimmten festen Formeln oder mit genauen Worten über­mittelt werden, die einen absolut unveränderli­chen Inhalt ausdrücken. Sie wird in so verschie­denen Formen weitergegeben, dass es unmöglich wäre, sie zu beschreiben oder aufzulisten; in ih­nen ist das Volk Gottes mit seinen unzähligen Gesten und Zeichen ein kollektives Subjekt. Folglich wird das Evangelium, wenn es in einer Kultur Gestalt angenommen hat, nicht mehr nur durch die Verkündigung von Mensch zu Mensch bekannt gemacht. Das muss uns daran denken lassen, dass die Teilkirchen in jenen Ländern, wo das Christentum eine Minderheit ist, nicht nur jeden Getauften zur Verkündigung des Evange­liums ermutigen, sondern darüber hinaus aktiv zumindest anfängliche Formen der Inkulturation fördern müssen. Letztlich ist eine Verkündigung des Evangeliums anzustreben, welche eine neue Synthese des Evangeliums mit der Kultur, in der es mit deren Kategorien verkündet wird, hervor­ruft. Obwohl diese Prozesse immer langwierig sind, lähmt uns manchmal zu sehr die Angst. Wenn wir den Zweifeln und Befürchtungen er­lauben, jeden Wagemut zu ersticken, kann es geschehen, dass wir, anstatt kreativ zu sein, ein­fach in unserer Bequemlichkeit verharren, ohne irgendeinen Fortschritt zu bewirken. Und in dem Fall werden wir nicht mit unserer Mitarbeit an hi­storischen Prozessen teilhaben, sondern schlicht Beobachter einer sterilen Stagnation der Kirche sein.

Charismen im Dienst der evangelisierenden Gemeinschaft
130.
Der Heilige Geist bereichert die ganze evangelisierende Kirche auch mit verschiedenen Charismen. Diese Gaben erneuern die Kirche und bauen sie auf.108 Sie sind kein verschlossener Schatz, der einer Gruppe anvertraut wird, damit sie ihn hütet; es handelt sich vielmehr um Ge­schenke des Geistes, die in den Leib der Kirche eingegliedert und zur Mitte, die Christus ist, hin­gezogen werden, von wo aus sie in einen Evan­gelisierungsimpuls einfließen. Ein deutliches Zei­chen für die Echtheit eines Charismas ist seine Kirchlichkeit, seine Fähigkeit, sich harmonisch in das Leben des heiligen Gottesvolkes einzufügen zum Wohl aller. Eine authentische vom Geist er­weckte Neuheit hat es nicht nötig, einen Schatten auf andere Spiritualitäten und Gaben zu werfen, um sich durchzusetzen. Je mehr ein Charisma seinen Blick auf den Kern des Evangeliums rich­

108 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 12.
tet, um so kirchlicher wird seine Ausübung sein. Auch wenn es Mühe kostet: Die Gemeinschaft ist der Ort, wo ein Charisma sich als echt und ge­heimnisvoll fruchtbar erweist. Wenn die Kirche sich dieser Herausforderung stellt, kann sie ein Vorbild für den Frieden in der Welt sein.
131.
Die Unterschiede zwischen den Men­schen und den Gemeinschaften sind manchmal lästig, doch der Heilige Geist, der diese Ver­schiedenheiten hervorruft, kann aus allem et­was Gutes ziehen und es in eine Dynamik der Evangelisierung verwandeln, die durch Anzie­hung wirkt. Die Verschiedenheit muss mit Hilfe des Heiligen Geistes immer versöhnt sein; nur er kann die Verschiedenheit, die Pluralität, die Viel­falt hervorbringen und zugleich die Einheit ver­wirklichen. Wenn hingegen wir es sind, die auf der Verschiedenheit beharren, und uns in unsere Partikularismen, in unsere Ausschließlichkeiten zurückziehen, verursachen wir die Spaltung, und wenn andererseits wir mit unseren menschlichen Plänen die Einheit schaffen wollen, zwingen wir schließlich die Eintönigkeit, die Vereinheitlichung
auf. Das hilft der Mission der Kirche nicht.

Die Welt der Kultur, des Denkens und der Erziehung
132.
Die Verkündigung an die Welt der Kul­tur schließt auch eine Verkündigung an die be­ruflichen, wissenschaftlichen und akademischen Kulturen ein. Es geht um die Begegnung zwi­schen dem Glauben, der Vernunft und den Wis­senschaften, die anstrebt, ein neues Gespräch über die Glaubwürdigkeit zu entwickeln, eine ursprüngliche Apologetik,109 die helfen soll, die Voraussetzungen zu schaffen, damit das Evan­gelium von allen gehört wird. Wenn einige Ka­tegorien der Vernunft und der Wissenschaften in die Verkündigung der Botschaft aufgenom­men werden, dann werden ebendiese Kategori­en Werkzeuge der Evangelisierung; es ist das in Wein verwandelte Wasser. Wenn dies einmal auf­genommen ist, wird es nicht nur erlöst, sondern bildet ein Werkzeug des Geistes, um die Welt zu erleuchten und zu erneuern.

133.
Da die Sorge des Evangelisierenden, je­den Menschen zu erreichen, nicht genügt und das Evangelium auch an die Kulturen im Gan­zen verkündet wird, kommt der Theologie – und nicht nur der Pastoraltheologie –, die mit anderen Wissenschaften und menschlichen Erfahrungen im Dialog steht, eine wichtige Bedeutung bei der Überlegung zu, wie man das Angebot des Evan­geliums der Vielfalt der kulturellen Kontexte und der Empfänger nahe bringen kann.110 Die in der Evangelisierung engagierte Kirche würdigt und ermutigt das Charisma der Theologen und ihr Bemühen in der theologischen Forschung, die den Dialog mit der Welt der Kultur und der Wis­senschaft fördert. Ich rufe die Theologen auf,

109 Vgl. Propositio 17.
110 Vgl. Propositio 30.
diesen Dienst als Teil der Heilssendung der Kir­che zu vollbringen. Doch ist es für diese Aufgabe nötig, dass ihnen die missionarische Bestimmung der Kirche und der Theologie selbst am Herzen liegt und sie sich nicht mit einer Schreibtisch-Theologie zufrieden geben.
134.
Die Universitäten sind ein bevorzugter Bereich, um dieses Engagement der Evangelisie­rung auf interdisziplinäre Weise und in wechsel­seitiger Ergänzung zu entfalten. Die katholischen Schulen, die immer versuchen, ihre erzieherische Aufgabe mit der ausdrücklichen Verkündigung des Evangeliums zu verbinden, stellen einen sehr wertvollen Beitrag zur Evangelisierung der Kul­tur dar, auch in den Ländern und in den Städten, wo eine ungünstige Situation uns anregt, unsere Kreativität einzusetzen, um die geeigneten Wege zu finden.111

II.
Die Homilie

135.
Wenden wir uns jetzt der Verkündigung innerhalb der Liturgie zu, die von den Hirten sehr ernst genommen werden muss. Ich werde besonders – und sogar mit einer gewissen Akri­bie – bei der Homilie und ihrer Vorbereitung verweilen, denn in Bezug auf diesen wichtigen Dienst gibt es viele Beschwerden, und wir dürfen

111 Vgl. Propositio 27.
unsere Ohren nicht verschließen. Die Homilie ist der Prüfstein, um die Nähe und die Kontakt­fähigkeit eines Hirten zu seinem Volk zu beur­teilen. In der Tat wissen wir, dass die Gläubigen ihr große Bedeutung beimessen; und sie, wie die geweihten Amtsträger selbst, leiden oft, die einen beim Zuhören, die anderen beim Predigen. Es ist traurig, dass das so ist. Dabei kann die Homilie wirklich eine intensive und glückliche Erfahrung des Heiligen Geistes sein, eine stärkende Begeg­nung mit dem Wort Gottes, eine ständige Quelle der Erneuerung und des Wachstums.
136.
Erneuern wir unser Vertrauen in die Ver­kündigung, das sich auf die Überzeugung grün­det, dass Gott es ist, der die anderen durch den Prediger erreichen möchte, und dass er seine Macht durch das menschliche Wort entfaltet. Der heilige Paulus spricht mit Nachdruck über die Notwendigkeit zu predigen, weil der Herr die anderen auch mit unserem Wort erreichen wollte (vgl. Röm 10,14-17). Mit dem Wort hat unser Herr das Herz der Menschen gewonnen. Von überall­her kamen sie, um ihn zu hören (vgl. Mk 1,45). Sie staunten, indem sie seine Lehren gleichsam „aufsogen“ (vgl. Mk 6,2). Sie spürten, dass er zu ihnen sprach wie einer, der Vollmacht hat (vgl. Mk 1,27). Mit dem Wort zogen die Apostel, die er eingesetzt hatte, »die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten« (Mk 3,14) alle Völker in den Schoß der Kirche (vgl. Mk 16,15.20).

Der liturgische Kontext
137.
Es muss nun daran erinnert werden, dass »die liturgische Verkündigung des Wortes Gottes, vor allem im Rahmen der Eucharistiefeier, nicht nur ein Augenblick der Erbauung und Katechese, sondern das Gespräch Gottes mit seinem Volk ist, ein Gespräch, in dem diesem die Heilswun­der verkündet und immer wieder die Ansprüche des Bundes vor Augen gestellt werden«112. Es gibt eine besondere Wertschätzung für die Homilie, die aus ihrem eucharistischen Zusammenhang herrührt und sie jede Katechese überragen lässt, da sie den Höhepunkt des Gesprächs zwischen Gott und seinem Volk vor der sakramentalen Kommunion darstellt. Die Homilie nimmt den Dialog auf, der zwischen dem Herrn und seinem Volk bereits eröffnet wurde. Wer predigt, muss das Herz seiner Gemeinde kennen, um zu su­chen, wo die Sehnsucht nach Gott lebendig und brennend ist und auch wo dieser ursprünglich liebevolle Dialog erstickt worden ist oder keine Frucht bringen konnte.

138.
Die Homilie darf keine Unterhaltungs-Show sein, sie entspricht nicht der Logik medi­aler Möglichkeiten, muss aber dem Gottesdienst Eifer und Sinn geben. Sie ist eine besondere Gat­tung, da es sich um eine Verkündigung im Rah­men einer liturgischen Feier handelt; folglich muss

112 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Dies Domini (31. Mai 1998), 41: AAS 90 (1998), 738-739.
sie kurz sein und vermeiden, wie ein Vortrag oder eine Vorlesung zu erscheinen. Der Prediger mag fähig sein, das Interesse der Leute eine Stun­de lang wach zu halten, aber auf diese Weise wird sein Wort wichtiger als die Feier des Glaubens. Wenn die Homilie sich zu sehr in die Länge zieht, schadet sie zwei Merkmalen der liturgischen Fei­er: der Harmonie zwischen ihren Teilen und ih­rem Rhythmus. Wenn die Verkündigung im Kon­text der Liturgie geschieht, wird sie eingefügt als Teil der Opfergabe, die dem Vater dargebracht wird, und als Vermittlung der Gnade, die Chri­stus in der Feier ausgießt. Ebendieser Kontext verlangt, dass die Verkündigung die Gemeinde und auch den Prediger auf eine Gemeinschaft mit Christus in der Eucharistie hin ausrichtet, die das Leben verwandelt. Das erfordert, dass das Wort des Predigers nicht einen übertriebenen Raum einnimmt, damit der Herr mehr erstrahlt als der Diener.
Das Gespräch einer Mutter
139.
Wir haben gesagt, dass das Volk Gottes durch das ständige Wirken des Geistes in ihm fortwährend sich selber evangelisiert. Was bringt diese Überzeugung für den Prediger mit sich? Sie erinnert uns daran, dass die Kirche Mutter ist und zum Volk so predigt wie eine Mutter, die zu ih­rem Kind spricht im Bewusstsein, dass das Kind darauf vertraut, dass alles, was sie es lehrt, zu seinem Besten ist, denn es weiß sich geliebt. Au­ßerdem weiß die gute Mutter alles anzuerkennen, was Gott in ihr Kind hineingelegt hat, hört seine Sorgen an und lernt von ihm. Der Geist der Lie­be, der in einer Familie herrscht, leitet die Mutter ebenso wie das Kind in ihren Gesprächen, wo gelehrt und gelernt wird, wo man korrigiert und das Gute würdigt; und so geschieht es auch in der Homilie. Der Heilige Geist, der die Evange­lien inspiriert hat und der im Volk Gottes wirkt, inspiriert auch die rechte Art, wie man auf den Glauben des Volkes hören muss und wie man in jeder Eucharistie predigen muss. Die christ­liche Predigt findet daher im Herzen der Kultur des Volkes eine Quelle lebendigen Wassers, sei es, um zu wissen, was sie sagen soll, sei es, um die angemessene Weise zu finden, es zu sagen. Wie es uns allen gefällt, wenn man in unserer Muttersprache mit uns spricht, so ist es auch im Glauben: Es gefällt uns, wenn man im Schlüssel der „mütterlichen Kultur“, im Dialekt der Mut­ter zu uns spricht (vgl. 2 Makk 7,21.27), und das Herz macht sich bereit, besser zuzuhören. Diese Sprache ist eine Tonart, die Mut, Ruhe, Kraft und Impuls vermittelt.

140.
Dieser mütterlich-kirchliche Bereich, in dem sich der Dialog des Herrn mit seinem Volk abspielt, muss durch die herzliche Nähe des Predigers, die Wärme des Tons seiner Stimme, die Milde des Stils seiner Sätze und die Freude seiner Gesten gefördert und gepflegt werden. Auch in den Fällen, wo die Predigt sich als et­was langweilig herausstellt, wird sie, wenn dieser mütterlich-kirchliche Geist gegeben ist, immer fruchtbar sein, so wie die langweiligen Ratschlä­ge einer Mutter mit der Zeit im Herzen der Kin­der Frucht bringen.

141.
Voll Bewunderung steht man vor den Möglichkeiten, die der Herr eingesetzt hat, um mit seinem Volk ins Gespräch zu kommen, um sein Geheimnis allen zu offenbaren, um die Leu­te mit so erhabenen und so anspruchsvollen Lehren zu faszinieren. Ich glaube, dass sich das Geheimnis in jenem Blick Jesu auf das Volk ver­birgt, der über dessen Schwächen und Sünden hinausgeht: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben« (Lk 12,32); in diesem Geist predigt Je­sus. Voller Freude im Heiligen Geist preist er den Vater, der die Kleinen anzieht: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Lk 10,21). Der Herr findet wirklich Gefallen daran, sich mit seinem Volk zu unterhalten, und dem Prediger kommt die Aufgabe zu, seine Leute diese Freude des Herrn erfahren zu lassen.

Worte, die die Herzen entfachen
142.
Ein Dialog ist weit mehr als die Mitteilung einer Wahrheit. Er kommt zustande aus Freude am Reden und um des konkreten Gutes willen, das unter denen, die einander lieben, mit Hilfe von Worten mitgeteilt wird. Es ist ein Gut, das nicht in Dingen besteht, sondern in den Perso­nen selbst, die sich im Dialog einander schenken. Eine rein moralistische oder unterweisende Ver­kündigung und auch jene, die zu einer Exegese-Vorlesung wird, schränkt diese Kommunikation zwischen den Herzen ein, die in der Homilie ge­geben ist und die einen geradezu sakramentalen Charakter haben muss: »So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort Chris-ti« (Röm 10,17). In der Homilie geht die Wahr­heit mit der Schönheit und dem Guten einher. Es handelt sich nicht um abstrakte Wahrheiten oder kalte Syllogismen, denn es wird auch die Schönheit der Bilder mitgeteilt, die der Herr ge­brauchte, um anzuregen, das Gute zu tun. Das Gedächtnis des gläubigen Volkes muss wie das von Maria von den wunderbaren Taten Gottes überfließen. In der Hoffnung auf eine freudige und mögliche Übung der ihm verkündeten Liebe spürt sein Herz, dass jedes Wort der Schrift vor allem Geschenk und erst in zweiter Linie An­spruch ist.

143.
Die Herausforderung einer inkulturier­ten Predigt besteht darin, die „Synthese“ der Botschaft des Evangeliums und nicht zusam­menhanglose Ideen oder Werte zu übermitteln. Wo deine „Synthese“ liegt, da ist dein Herz. Der Unterschied zwischen dem Erklären von Ideen ohne inneren Zusammenhang und dem Erklären einer „Synthese“ ist derselbe wie der zwischen der Langeweile und dem Brennen des Herzens. Der Prediger hat die sehr schöne und schwierige Aufgabe, die Herzen, die sich lieben, zu verei­nen: das des Herrn und die seines Volkes. Das Gespräch zwischen Gott und seinem Volk stärkt weiter den Bund zwischen ihnen und festigt das Band der Liebe. Während der Zeit der Homilie schweigen die Herzen der Gläubigen und lassen ihn sprechen. Der Herr und sein Volk reden in tausendfacher Weise direkt miteinander, ohne Mittler. In der Homilie aber wollen sie, dass je­mand sich zum Werkzeug macht und die Emp­findungen zum Ausdruck bringt, so dass in der Folge jeder entscheiden kann, wie er das Ge­spräch fortsetzen will. Das Wort ist wesentlicher Mittler und erfordert nicht nur die beiden Ge­sprächspartner, sondern auch einen Prediger, der es als solches darstellt in der Überzeugung, dass »wir nämlich nicht uns selbst verkündigen, son­dern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen« (2 Kor 4,5).

144.
Mit Herz sprechen schließt ein, dass man ihm nicht nur das innere Feuer bewahren muss, sondern auch das Licht, das ihm aus der Offen­barung in ihrer Gesamtheit zufließt und aus dem Weg, den das Wort Gottes im Herzen der Kirche und unseres gläubigen Volkes im Laufe der Ge­schichte zurückgelegt hat. Die christliche Identi­tät, die jene Umarmung in der Taufe darstellt, die der himmlische Vater uns geschenkt hat, als wir noch klein waren, lässt uns wie „verlorene Söh­ne“ – die in Maria sein besonderes Wohlgefallen genießen – sehnlich die andere Umarmung des barmherzigen Vaters begehren, der uns in der Herrlichkeit erwartet. Dafür zu sorgen, dass un­ser Volk sich wie inmitten dieser beiden Umar­mungen fühlt, ist die schwere, aber schöne Auf­gabe dessen, der das Evangelium verkündet.

III.
Die Vorbereitung auf die Predigt

145.
Die Vorbereitung auf die Predigt ist eine so wichtige Aufgabe, dass es nötig ist, ihr eine längere Zeit des Studiums, des Gebetes, der Re­flexion und der pastoralen Kreativität zu wid­men. In aller Freundlichkeit möchte ich hier nun einen Weg der Vorbereitung auf die Homilie vorschlagen. Es sind Hinweise, die einigen als selbstverständlich erscheinen mögen, aber ich halte es für angebracht, sie zu empfehlen, um an die Notwendigkeit zu erinnern, diesem wert­vollen Dienst eine bevorzugte Zeit zu widmen. Manche Pfarrer pflegen dagegen einzuwenden, das sei aufgrund der vielen Obliegenheiten, die sie erledigen müssen, nicht möglich. Dennoch wage ich zu bitten, dass dieser Aufgabe jede Wo­che persönlich wie gemeinschaftlich eine aus­reichend lange Zeit gewidmet wird, selbst wenn dann für andere, ebenfalls wichtige Aufgaben weniger Zeit übrig bleibt. Das Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in der Verkündigung wirkt, ist nicht rein passiv, sondern aktiv und kreativ. Es schließt ein, sich mit allen eigenen Fähigkeiten als Werkzeug darzubieten (vgl. Röm 12,1), damit sie von Gott genutzt werden können. Ein Prediger, der sich nicht vorbereitet, ist nicht „geistlich“, er ist unredlich und verantwortungslos gegenüber den Gaben, die er empfangen hat.

Der Dienst der Wahrheit
146.
Nachdem man den Heiligen Geist angeru­fen hat, ist der erste Schritt, die ganze Aufmerk­samkeit dem biblischen Text zu widmen, der die Grundlage der Predigt sein muss. Wenn jemand innehält und zu verstehen versucht, was die Bot­schaft eines Textes ist, übt er den »Dienst der Wahrheit«113 aus. Es ist die Demut des Herzens, die anerkennt, dass das Wort Gottes uns immer übersteigt, dass wir »weder ihre Besitzer noch
ihre Herren sind, sondern nur ihre Hüter, ihre Herolde, ihre Diener«114. Diese Haltung einer de­mütigen und staunenden Verehrung des Wortes Gottes äußert sich darin, dabei zu verweilen, es sehr sorgfältig zu studieren, in heiliger Furcht davor, es zu manipulieren. Um einen biblischen Text auslegen zu können, braucht es Geduld, muss man alle Unruhe ablegen und Zeit, Interes­se und unentgeltliche Hingabe einsetzen. Man muss jegliche Besorgnis, die einen bedrängt, beiseite schieben, um in ein anderes Umfeld gelassener Aufmerksamkeit einzutreten. Es ist nicht der Mühe wert, einen biblischen Text zu lesen, wenn man schnelle, einfache oder unmittelbare Ergeb­nisse erzielen will. Deshalb erfordert die Vorbe­

113 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 78: AAS 68 (1976), 71.
114 Ebd.
reitung auf die Predigt Liebe. Einzig den Dingen oder Personen, die man liebt, widmet man eine Zeit, ohne Gegenleistung zu erwarten und ohne Eile; und hier geht es darum, Gott zu lieben, der sprechen wollte. Von dieser Liebe her kann man die ganze Zeit, die nötig ist, in der Haltung des Jüngers verweilen: »Rede, Herr; denn dein Die­ner hört« (1 Sam 3,9).
147.
Vor allem muss man sicher sein, die Be­deutung der Worte, die wir lesen, entsprechend zu verstehen. Ich möchte etwas betonen, das of­fenkundig scheint, aber nicht immer berücksich­tigt wird: Der biblische Text, den wir studieren, ist zwei- oder dreitausend Jahre alt, seine Spra­che ist ganz verschieden von der, die wir heu­te benutzen. So sehr es uns auch scheinen mag, die Worte zu verstehen, die in unsere Sprache übersetzt sind, bedeutet das nicht, dass wir auch richtig verstehen, was der heilige Verfasser aus­drücken wollte. Die verschiedenen Mittel, die die literarische Analyse bietet, sind bekannt: auf die Worte achten, die sich wiederholen oder die her­vorstechen, die Struktur und die eigene Dynamik eines Textes erkennen, den Platz bedenken, den die Personen einnehmen usw. Aber das Ziel ist nicht, alle kleinen Details eines Textes zu ver­stehen. Das Wichtigste ist zu entdecken, was die Hauptbotschaft ist, die dem Text Struktur und Ein­heit verleiht. Wenn der Prediger diese Anstren­gung nicht unternimmt, dann ist es möglich, dass auch seine Predigt keine Einheit und Ordnung hat; seine Rede wird nur eine Summe verschiede­ner unzusammenhängender Ideen sein, die nicht imstande sind, die anderen zu bewegen. Die zen­trale Botschaft ist die, welche der Autor an erster Stelle übermitteln wollte, was einschließt, nicht nur den Gedanken zu erkennen, sondern auch die Wirkung, die jener Autor erzielen wollte. Wenn ein Text geschrieben wurde, um zu trös-ten, sollte er nicht verwendet werden, um Fehler zu korrigieren; wenn er geschrieben wurde, um zu ermahnen, sollte er nicht verwendet werden, um zu unterweisen; wenn er geschrieben wurde, um etwas über Gott zu lehren, sollte er nicht ver­wendet werden, um verschiedene theologische Meinungen zu erklären; wenn er geschrieben wurde, um zum Lobpreis oder zur Missionsar­beit anzuregen, lasst ihn uns nicht verwenden, um über die letzten Neuigkeiten zu informieren.

148.
Gewiss, um den Sinn der zentralen Bot­schaft eines Textes entsprechend zu verstehen, ist es notwendig, ihn mit der von der Kirche überlieferten Lehre der gesamten Bibel in Zu­sammenhang zu bringen. Das ist ein wichtiges Prinzip der Bibelauslegung, das die Tatsache be­rücksichtigt, dass der Heilige Geist nicht nur ei­nen Teil, sondern die ganze Bibel inspiriert hat und dass das Volk in einigen Fragen aufgrund der gemachten Erfahrung in seinem Verständnis des Willens Gottes gewachsen ist. Auf diese Wei­se werden falsche oder parteiische Auslegungen vermieden, die anderen Lehren derselben Schrift widersprechen. Doch das bedeutet nicht, den ei­genen und besonderen Akzent des Textes, über den man predigen muss, abzuschwächen. Einer der Fehler einer öden und wirkungslosen Predigt ist genau der, nicht imstande zu sein, die eigene Kraft des verkündeten Textes zu übermitteln.

Der persönliche Umgang mit dem Wort
149.
Der Prediger muss »zuallererst selber eine große persönliche Vertrautheit mit dem Wort Gottes entwickeln: Für ihn genügt es nicht, des­sen sprachlichen oder exegetischen Aspekt zu kennen, der sicher auch notwendig ist; er muss sich dem Wort mit bereitem und betendem Her­zen nähern, damit es tief in seine Gedanken und Gefühle eindringt und in ihm eine neue Gesin­nung erzeugt«.115 Es tut uns gut, jeden Tag, jeden Sonntag unseren Eifer in der Vorbereitung der Homilie zu erneuern und zu prüfen, ob in uns die Liebe zu dem Wort, das wir predigen, wächst. Man sollte nicht vergessen, dass »im Besonde­ren die größere oder geringere Heiligkeit des Dieners tatsächlich die Verkündigung des Wor­tes beeinflusst«116. Der heilige Paulus sagt: »Wir predigen nicht […] um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft« (1 Thess 2,3-4). Wenn in uns der Wunsch leben­dig ist, als Erste auf das Wort zu hören, das wir predigen sollen, wird sich dieses auf die eine

115 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (15. März 1992), 26: AAS 84 (1992), 698.
116 Ebd., 25: AAS 84 (1992), 696.
oder andere Weise auf das Volk Gottes übertra­gen: »Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund« (Mt 12,34). Die Sonntagslesungen werden in ihrem ganzen Glanz im Herzen des Volkes wi­derhallen, wenn sie zuallererst so im Herzen des Hirten erklungen sind.
150.
Jesus wurde ärgerlich angesichts dieser vorgeblichen, den anderen gegenüber sehr an­spruchsvollen Meister, die das Wort Gottes lehr­ten, sich aber nicht von ihm erleuchten ließen: »Sie schnüren schwere Lasten zusammen und le­gen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen« (Mt 23,4). Der Apostel Jakobus mahn­te: »Nicht so viele von euch sollen Lehrer wer­den, meine Brüder. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden« (Jak 3,1). Wer predi­gen will, der muss zuerst bereit sein, sich vom Wort ergreifen zu lassen und es in seinem kon­kreten Leben Gestalt werden zu lassen. In dem Fall besteht das Predigen in der so intensiven und fruchtbaren Tätigkeit, »den anderen das mitzu­teilen, was man selber betrachtet hat«117. Aus all diesen Gründen muss man, bevor man konkret vorbereitet, was man sagen wird, akzeptieren, zu­erst von jenem Wort getroffen zu werden, das die anderen treffen soll, denn es ist lebendig und kraftvoll, und wie ein Schwert »dringt es durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk

117 Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 188, a. 6.
und Mark; es richtet über die Regungen und Ge­danken des Herzens« (Hebr 4,12). Das hat eine pastorale Bedeutung. Auch in dieser Zeit ziehen die Menschen vor, die Zeugen zu hören: Man
»verlangt geradezu nach Echtheit« und »fordert Verkünder, die von einem Gott sprechen, den sie selber kennen und der ihnen so vertraut ist, als sähen sie den Unsichtbaren«118.
151.
Es wird von uns nicht verlangt, dass wir makellos sind, sondern vielmehr, dass wir immer im Wachsen begriffen sind, dass wir in dem tiefen Wunsch leben, auf dem Weg des Evangeliums voranzuschreiten, und den Mut nicht verlieren. Unerlässlich ist für den Prediger, die Gewissheit zu haben, dass Gott ihn liebt, dass Jesus Christus ihn gerettet hat und dass seine Liebe immer das letzte Wort hat. Angesichts solcher Schönheit wird er oft spüren, dass sein Leben ihr nicht voll­kommen die Ehre gibt, und wird sich aufrichtig wünschen, auf eine so große Liebe besser zu antworten. Doch wenn er nicht innehält, um das Wort Gottes mit echter Offenheit zu hören, wenn er nicht zulässt, dass es sein Leben anrührt, ihn in Frage stellt, ihn ermahnt, ihn aufrüttelt, wenn er sich nicht Zeit nimmt, um mit dem Wort Got­tes zu beten, dann ist er tatsächlich ein falscher Prophet, ein Betrüger oder ein eitler Scharlatan. Auf jeden Fall kann er, wenn er seine Dürftig­keit erkennt und den Wunsch hat, sich mehr zu

118 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 76: AAS 68 (1976), 68.
engagieren, sich immer Jesus Christus schenken und dabei mit Petrus sagen: »Silber und Gold be­sitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir« (Apg 3,6). Der Herr möchte uns einsetzen als lebendige, freie und kreative Menschen, die sich von seinem Wort durchdringen lassen, bevor sie es weitergeben. Seine Botschaft muss wirklich den Weg über den Prediger nehmen, aber nicht nur über seine Vernunft, sondern indem es von seinem ganzen Sein Besitz ergreift. Der Heilige Geist, der das Wort der Schrift inspiriert hat, ist derjenige, »der heute wie in den Anfängen der Kirche in all jenen am Werk ist, die das Evange­lium verkünden und sich von ihm ergreifen und führen lassen; er legt ihnen Worte in den Mund, die sie allein niemals finden könnten«119.
Die geistliche Lesung
152.
Es gibt eine konkrete Weise, das zu hören, was der Herr uns in seinem Wort sagen will, und uns von seinem Heiligen Geist verwandeln zu lassen. Es ist das, was wir „lectio divina“ nennen. Sie besteht im Lesen des Wortes Gottes inner­halb einer Zeit des Gebetes, um ihm zu erlauben, uns zu erleuchten und zu erneuern. Dieses be­tende Lesen der Bibel ist nicht von dem Studium getrennt, das der Prediger unternimmt, um die zentrale Botschaft des Textes zu finden; im Ge­genteil, es muss von hier ausgehen in dem Ver­

119 Ebd., 75: AAS 68 (1976), 65.
such, zu entdecken, was ebendiese Botschaft seinem Leben sagen will. Die geistliche Lesung eines Textes muss von seiner wörtlichen Bedeutung ausgehen. Andernfalls geschieht es leicht, dass man den Text das sagen lässt, was angenehm ist, was dazu dient, die eigenen Entscheidungen zu bestätigen, was zu den eigenen geistigen Scha­blonen passt. Das hieße letztlich, etwas Heiliges zum eigenen Vorteil zu nutzen und diese Verwir­rung auf das Volk Gottes zu übertragen. Man darf nie vergessen, dass manchmal »auch der Sa­tan sich als Engel des Lichts tarnt« (2 Kor 11,14).
153.
Es ist gut, sich in der Gegenwart Gottes bei einer ruhigen Lektüre des Textes zum Bei­spiel zu fragen: Herr, was sagt mir dieser Text? Was möchtest du mit dieser Botschaft an mei­nem Leben ändern? Was stört mich in diesem Text? Warum interessiert mich das nicht? – oder: Was gefällt mir, was spornt mich an in diesem Wort? Was zieht mich an? Warum zieht es mich an? – Wenn man versucht, auf den Herrn zu hö­ren, ist es normal, Versuchungen zu haben. Eine von ihnen besteht einfach darin, sich gestört oder beklommen zu fühlen und sich zu verschließen; eine andere sehr verbreitete Versuchung ist, dar­an zu denken, was der Text den anderen sagt, um zu vermeiden, ihn auf das eigene Leben anzu­wenden. Es kommt auch vor, dass man beginnt, Ausreden zu suchen, die einem erlauben, die spe­zifische Botschaft eines Textes zu verwässern. Andere Male meinen wir, Gott verlange eine zu große Entscheidung von uns, die zu fällen wir noch nicht in der Lage sind. Das führt bei vielen Menschen dazu, die Freude an der Begegnung mit dem Wort Gottes zu verlieren, doch das würde bedeuten zu vergessen, dass niemand ge­duldiger ist als Gottvater, dass niemand versteht und hofft wie er. Er lädt immer ein, einen Schritt mehr zu tun, verlangt aber nicht eine vollständige Antwort, wenn wir noch nicht den Weg zurück­gelegt haben, der ihn ermöglicht. Er möchte ein­fach, dass wir ehrlich auf unser Leben schauen und es ohne Täuschungen vor seine Augen füh­ren; dass wir bereit sind, weiter zu wachsen, und dass wir ihn um das bitten, was wir noch nicht zu erlangen vermögen.

Ein Ohr beim Volk
154.
Der Prediger muss auch ein Ohr beim Volk haben, um herauszufinden, was für die Gläubi­gen zu hören notwendig ist. Ein Prediger ist ein Kontemplativer, der seine Betrachtung auf das Wort Gottes und auch auf das Volk richtet. Auf diese Weise macht er sich vertraut, »mit den Wün­schen, Reichtümern und Grenzen, mit der Art zu beten, zu lieben, Leben und Welt zu betrach­ten, wie sie für eine bestimmte Menschengrup­pe charakteristisch sind«120, achtet dabei auf das konkrete Volk mit seinen Zeichen und Symbolen und antwortet auf seine besonderen Fragen. Es geht darum, die Botschaft des biblischen Textes

120 Ebd., 63: AAS 68 (1976), 53.
mit einer menschlichen Situation zu verbinden, mit etwas aus ihrem Leben, mit einer Erfahrung, die das Licht des Wortes Gottes braucht. Die­se Sorge entspricht nicht einer opportunistischen oder diplomatischen Haltung, sondern ist zutiefst religiös und pastoral. Es ist im Grunde eine »in­nere Wachsamkeit, um die Botschaft Gottes aus den Ereignissen herauszulesen«121, und das ist viel mehr, als etwas Interessantes zu finden, um darüber zu sprechen. Das, was man zu entdecken sucht, ist, »was der Herr uns in der jeweiligen kon­kreten Situation zu sagen hat«122. So wird also die Vorbereitung auf die Predigt zu einer Übung evan­geliumsgemäßer Unterscheidung, bei der man – im Licht des Heiligen Geistes – jenen »Anruf« zu erkennen sucht, »den Gott gerade in dieser geschichtlichen Situation vernehmen lässt. Auch in ihr und durch sie ruft Gott den Glaubenden«123.
155.
Bei dieser Suche ist es möglich, einfach auf irgendeine häufige menschliche Erfahrung zurückzugreifen wie die Freude über ein Wie­dersehen, die Enttäuschungen, die Angst vor der Einsamkeit, das Mitleid mit dem Schmerz ande­rer, die Unsicherheit angesichts der Zukunft, die Sorge um einen lieben Menschen usw. Es ist je­doch nötig, die Sensibilität zu steigern, um das zu erkennen, was wirklich mit ihrem Leben zu

121 Ebd., 43: AAS 68 (1976), 33.
122 Ebd.
123 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 10: AAS 84 (1992), 672.
tun hat. Erinnern wir uns daran, dass man niemals auf Fragen antworten soll, die sich keiner stellt; und es ist auch nicht angebracht, Berichte über aktuelle Ereignisse zu bieten, um Interesse zu wecken – dafür gibt es bereits die Fernsehprogramme. Auf jeden Fall ist es möglich, von irgendeinem Ge­schehnis auszugehen, damit das Wort Gottes in seiner Einladung zur Umkehr, zur Anbetung, zu konkreten Haltungen der Brüderlichkeit und des Dienstes usw. mit Nachdruck erklingen kann. Manche Menschen hören nämlich ab und zu ger­ne in der Predigt Kommentare zur Wirklichkeit, lassen sich dadurch aber nicht persönlich anspre­chen.
Pädagogische Mittel
156.
Einige meinen, gute Prediger sein zu kön­nen, weil sie wissen, was sie sagen müssen, ver­nachlässigen aber das Wie, die konkrete Weise, eine Predigt zu entwickeln. Sie klagen, wenn die anderen ihnen nicht zuhören oder sie nicht schät­zen, aber vielleicht haben sie sich nicht bemüht, die geeignete Weise zu finden, die Botschaft zu präsentieren. Erinnern wir uns daran: »Die of­fenkundige Bedeutung des Inhalts […] darf je­doch nicht die Bedeutung ihrer Wege und Mittel verdecken«124. Auch die Sorge um die Art und Weise des Predigens ist eine zutiefst geistliche Haltung. Es bedeutet, auf die Liebe Gottes zu

124 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 40: AAS 68 (1976), 31.
antworten, indem wir uns mit all unseren Fähig­keiten und unserer Kreativität der Aufgabe wid­men, die er uns anvertraut; doch es ist auch eine hervorragende Übung der Nächstenliebe, denn wir wollen den anderen nicht etwas Minderwer­tiges anbieten. In der Bibel finden wir zum Bei­spiel den Rat, die Predigt ordentlich vorzuberei­ten, um einen geeigneten Umfang einzuhalten: »Dräng die Worte zusammen, fasse dich kurz« (Sir 32,8).
157.
Nur um durch Beispiele zu erläutern, erwähnen wir einige praktische Mittel, die eine Predigt bereichern und anziehender machen können. Eine der nötigsten Anstrengungen ist zu lernen, in der Predigt Bilder zu verwenden, das heißt, in Bildern zu sprechen. Manchmal ge­braucht man Beispiele, um etwas, das man erklä­ren will, verständlicher zu machen, aber oft zie­len diese Beispiele allein auf die Vernunft. Die Bilder hingegen helfen, die Botschaft, die man überbringen will, zu schätzen und anzunehmen. Ein anziehendes Bild lässt die Botschaft als etwas empfinden, das vertraut, nahe, möglich ist und mit dem eigenen Leben in Verbindung gebracht wird. Ein gelungenes Bild kann dazu führen, dass die Botschaft, die man vermitteln will, ausgekos-tet wird; es weckt einen Wunsch und motiviert den Willen im Sinne des Evangeliums. Eine gute Homilie muss, wie mir ein alter Lehrer sagte, „eine Idee, ein Gefühl und ein Bild“ enthalten.

158.
Schon Paul VI. sagte: »Die versammel­te Gemeinde der Gläubigen […] erwartet und empfängt […] sehr viel von dieser Predigt; sie soll einfach sein, klar, direkt, auf die Menschen bezogen«125. Die Einfachheit hat etwas mit der verwendeten Sprache zu tun. Um nicht Gefahr zu laufen, umsonst zu sprechen, muss es die Sprache sein, die die Adressaten verstehen. Es kommt oft vor, dass die Prediger Wörter benutzen, die sie während ihrer Studien und in bestimmten Krei­sen gelernt haben, die aber nicht zur gewöhnli­chen Sprache ihrer Zuhörer gehören. Es gibt Wörter, die eigene Begriffe der Theologie oder der Katechese sind und deren Bedeutung der Mehrheit der Christen nicht verständlich ist. Die größte Gefahr für einen Prediger besteht darin, sich an die eigene Sprache zu gewöhnen und zu meinen, dass alle anderen sie gebrauchen und von selbst verstehen. Wenn man sich an die Sprache der anderen anpassen will, um sie mit dem Wort Gottes zu erreichen, muss man viel zuhören, das Leben der Leute teilen und ihm gerne Aufmerk­samkeit widmen. Einfachheit und Klarheit sind zwei verschiedene Dinge. Die Sprache kann ganz einfach sein, die Predigt jedoch wenig klar. Sie kann sich als unverständlich erweisen wegen ih­rer Unordnung, wegen mangelnder Logik oder weil sie verschiedene Themen gleichzeitig behan­delt. Daher ist eine andere notwendige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Predigt thematisch eine

125 Ebd., 43: AAS 68 (1976), 33.
Einheit bildet, eine klare Ordnung und Verbin­dung zwischen den Sätzen besitzt, so dass die Menschen dem Prediger leicht folgen und die Logik dessen, was er sagt, erfassen können.
159.
Ein anderes Merkmal ist die positive Sprache. Sie sagt nicht so sehr, was man nicht tun darf, sondern zeigt vielmehr, was wir besser machen können. Wenn sie einmal auf etwas Ne­gatives hinweist, dann versucht sie immer, auch einen positiven Wert aufzuzeigen, der anzieht, um nicht bei der Klage, beim Gejammer, bei der Kritik oder bei Gewissensbissen stehen zu blei­ben. Außerdem gibt eine positive Verkündigung immer Hoffnung, orientiert auf die Zukunft hin und lässt uns nicht eingeschlossen im Negativen zurück. Wie gut ist es, wenn sich Priester, Diako­ne und Laien regelmäßig treffen, um gemeinsam Mittel und Wege zu finden, um die Verkündigung attraktiver zu gestalten!

IV.
Eine Evangelisierung zur Vertiefung des Kerygmas

160.
Die missionarische Sendung des Herrn schließt die Aufforderung zum Wachstum im Glauben ein, wenn es heißt: »Und lehrt sie, al­les zu befolgen, was ich euch geboten habe« (Mt 28, 20). Damit wird klar, dass die Erstverkündi­gung auch einen Weg der Bildung und Reifung in Gang setzen muss. Die Evangelisierung sucht auch das Wachstum, und deshalb gilt es, jede einzelne Person und den Plan, den Gott für sie hat, sehr ernst zu nehmen. Jedes menschliche Wesen braucht Christus mehr und mehr, und die Evangelisierung dürfte nicht zulassen, dass sich jemand mit Wenigem begnügt. Er sollte vielmehr im Vollsinn sagen können: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2, 20).

161.
Es wäre nicht richtig, diesen Aufruf zum Wachstum ausschließlich oder vorrangig als Bil­dung in der Glaubenslehre zu verstehen. Es geht darum, das, was der Herr uns geboten hat, als Antwort auf seine Liebe zu „befolgen”, womit zusammen mit allen Tugenden jenes neue Gebot hervorgehoben wird, das das erste und größte ist und das uns am meisten als Jünger erkennbar macht: »Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,12). Es ist of­fensichtlich: Wenn die Verfasser des Neuen Te­staments die sittliche Botschaft des Christentums in einer letzten Synthese auf seinen Wesenskern reduzieren wollen, dann verweisen sie uns auf die unausweichliche Forderung der Liebe zum Nächsten: »Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt [...] Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes« (Röm 13,8.10). So sagt der heilige Pau­lus, für den das Liebesgebot nicht nur das Gesetz zusammenfasst, sondern auch sein Herz und sei­ne Daseinsberechtigung ausmacht: »Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammen­gefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« (Gal 5,14). Und er stellt seinen Gemein­den das Leben der Christen als einen Weg des Wachstums in der Liebe vor: »Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lie­ben« (1 Thess 3,12). Auch der heilige Jakobus er­mahnt die Christen, »nach dem Wort der Schrift: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! das königliche Gesetz« (2,8) zu erfüllen, um nicht in irgendeinem der Gebote zu versagen.

162.
Diesem Weg der Antwort und des Wachs­tums geht andererseits immer die Gabe voraus, denn vorher ist jene andere Aufforderung des Herrn erfolgt: »Tauft sie auf den Namen…« (Mt 28,19). Die Kindschaft, die der Vater unentgelt­lich schenkt, und die Initiative der Gabe seiner Gnade (vgl. Eph 2,8-9; 1 Kor 4,7) sind die Be­dingung für die Möglichkeit dieser fortlaufenden Heiligung, die Gott wohlgefällig ist und ihn ver­herrlicht. Es geht darum, dass wir uns in Christus umgestalten lassen durch ein fortschreitendes Leben »nach dem Geist« (Röm 8,5).

Eine kerygmatische und mystagogische Katechese
163.
Die Erziehung und die Katechese stehen im Dienst dieses Wachstums. Wir verfügen schon über eine Reihe lehramtlicher Texte und Arbeits­hilfen für die Katechese, die vom Heiligen Stuhl und einigen Episkopaten angeboten werden. Ich erinnere an das Apostolische Schreiben Cateche­si tradendae (1979), das Allgemeine Direktorium für die Katechese (1997) und andere Dokumente, de­ren aktueller Inhalt hier nicht wiederholt werden muss. Ich möchte mich nur bei einigen Erwägun­gen aufhalten, die hervorzuheben ich für ange­bracht halte.

164.
Wir haben von neuem entdeckt, dass auch in der Katechese die Erstverkündigung bzw. das „Kerygma” eine wesentliche Rolle spielt. Es muss die Mitte der Evangelisierungstätigkeit und jedes Bemühens um kirchliche Erneuerung bilden. Das Kerygma hat trinitarischen Charak­ter. Es ist das Feuer des Geistes, der sich in der Gestalt von Zungen schenkt und uns an Chris-tus glauben lässt, der uns durch seinen Tod und seine Auferstehung die unendliche Barmherzig­keit des Vaters offenbart und mitteilt. Im Mund des Katechisten erklingt immer wieder die erste Verkündigung: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien”. Wenn diese Verkündigung die „erste” genannt wird, dann nicht, weil sie am Anfang steht und dann vergessen oder durch andere Inhalte, die sie übertreffen, ersetzt wird. Sie ist die „erste” im qualitativen Sinn, denn sie ist die hauptsächliche Verkündigung, die man immer wieder auf ver­schiedene Weisen neu hören muss und die man in der einen oder anderen Form im Lauf der Ka­techese auf allen ihren Etappen und in allen ih­ren Momenten immer wieder verkünden muss.126 Deshalb muss auch »der Priester wie die Kirche

126 Vgl. Propositio 9.
in dem Bewusstsein wachsen, dass er es nötig hat, selbst ständig evangelisiert zu werden«.127
165.
Man darf nicht meinen, dass das Kerygma in der Katechese später zugunsten einer angeb­lich „solideren” Bildung aufgegeben wird. Es gibt nichts Solideres, nichts Tieferes, nichts Si­chereres, nichts Dichteres und nichts Weiseres als diese Verkündigung. Die ganze christliche Bil­dung ist in erster Linie Vertiefung des Kerygmas, das immer mehr und besser assimiliert wird, das nie aufhört, das katechetische Wirken zu erhel­len, und das hilft, jedes Thema, das in der Ka­techese entfaltet wird, angemessen zu begreifen. Diese Verkündigung entspricht dem Verlangen nach dem Unendlichen, das es in jedem mensch­lichen Herzen gibt. Die zentrale Stellung des Ke­rygmas fordert für die Verkündigung Merkmale, die heute überall notwendig sind: Sie muss die erlösende Liebe Gottes zum Ausdruck bringen, die jeder moralischen und religiösen Pflicht vor­ausgeht, sie darf die Wahrheit nicht aufzwingen und muss an die Freiheit appellieren, sie muss freudig, anspornend und lebendig sein und eine harmonische Gesamtsicht bieten, in der die Pre­digt nicht auf ein paar Lehren manchmal mehr philosophischen als evangeliumsgemäßen Cha­rakters verkürzt wird. Von dem, der evangelisiert, werden demnach bestimmte Haltungen verlangt,

127 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 26: AAS 84 (1992), 698.
die die Annahme der Verkündigung erleichtern: Nähe, Bereitschaft zum Dialog, Geduld, herzli­ches Entgegenkommen, das nicht verurteilt.
166.
Ein weiteres Merkmal der Katechese, das sich in den letzten Jahrzehnten entfaltet hat, ist das der mystagogischen Einführung,128 was im We­sentlichen zweierlei bedeutet: die notwendige stu­fenweise Entwicklung des Bildungsgeschehens, an dem die ganze Gemeinde beteiligt ist, und eine erneuerte Wertschätzung der liturgischen Zeichen für die christliche Initiation. Viele Handbücher und Planungen haben die Notwendigkeit einer solchen mystagogischen Erneuerung noch nicht aufgegriffen, die je nach dem Urteil der einzelnen Erziehungseinheiten sehr verschiedene Formen annehmen könnte. Die katechetische Begegnung ist eine Verkündigung des Wortes und demnach auf das Wort konzentriert, braucht aber immer eine angemessene Einbettung und attraktive Mo­tivierung, sie braucht sprechende Symbole, muss in einen breiten Prozess des Wachstums einge­bunden sein und verlangt die Integration aller Di­mensionen der Person auf einem gemeinsamen Weg des Hörens und des Antwortens.

167.
Es ist gut, dass jede Katechese dem „Weg der Schönheit” (via pulchritudinis) besondere Auf­merksamkeit schenkt.129 Christus zu verkündigen, bedeutet zu zeigen, dass an ihn glauben und ihm

128 Vgl. Propositio 38.
129 Vgl. Propositio 20.
nachfolgen nicht nur etwas Wahres und Gerech­tes, sondern etwas Schönes ist, das sogar inmit­ten von Prüfungen das Leben mit neuem Glanz und tiefem Glück erfüllen kann. In diesem Sinn können alle Ausdrucksformen wahrer Schönheit als Weg anerkannt werden, der hilft, dem Herrn Jesus zu begegnen. Es geht nicht darum, einen ästhetischen Relativismus zu fördern,130 der das unlösbare Band verdunkeln könnte, das zwischen Wahrheit, Güte und Schönheit besteht, sondern darum, die Wertschätzung der Schönheit wieder­zugewinnen, um das menschliche Herz zu errei­chen und in ihm die Wahrheit und Güte des Auf­erstandenen erstrahlen zu lassen. Wenn wir, wie Augustinus sagt, nur das lieben, was schön ist,131 dann ist der Mensch gewordene Sohn, die Offen­barung der unendlichen Schönheit, in höchstem Maß liebenswert und zieht uns mit Banden der Liebe an sich. Dann wird es notwendig, dass die Bildung in der via pulchritudinis sich in die Wei­tergabe des Glaubens einfügt. Es ist wünschens­wert, dass jede Teilkirche in ihrem Evangelisie­rungswirken den Gebrauch der Künste fördert, den Reichtum der Vergangenheit fortführend, aber auch die Fülle der Ausdrucksformen der Gegenwart aufgreifend, um den Glauben in einer neuen „Rede in Gleichnissen”132 weiterzugeben.
130 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Inter mirifica über die sozialen Kommunikationsmittel, 6.
131 Vgl. De musica, VI, XIII, 38: PL 32, 1183-1184; Confessiones, IV, XIII, 20: PL 32, 701.
132 Benedikt XVI., Ansprache anlässlich der Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Kunst und Glauben – via pulchritudinis” (25.
Man muss wagen, die neuen Zeichen zu finden, die neuen Symbole, ein neues Fleisch für die Wei­tergabe des Wortes, die verschiedenen Formen der Schönheit, die in den einzelnen kulturellen Bereichen geschätzt werden, sogar jene unkon­ventionellen Weisen der Schönheit, die für die Evangelisierenden vielleicht wenig bedeuten, für andere aber besonders attraktiv geworden sind.
168.
Was die Darlegung der Moral in der Ka­techese betrifft, die zum Wachsen in der Treue gegenüber dem Lebensstil des Evangeliums ein­lädt, ist es angebracht, immer das erstrebenswerte Gute aufzuzeigen, den Entwurf des Lebens, der Reife, der Erfüllung, der Fruchtbarkeit, in dessen Licht unsere Anklage der Übel, die ihn verdun­keln können, nachvollzogen werden kann. Es ist gut, dass man in uns nicht so sehr Experten für apokalyptische Diagnosen sieht bzw. finstere Richter, die sich damit brüsten, jede Gefahr und jede Verirrung aufzuspüren, sondern frohe Bo­ten, die befreiende Lösungen vorschlagen, und Hüter des Guten und der Schönheit, die in einem Leben, das dem Evangelium treu ist, erstrahlen.

Die persönliche Begleitung der Wachstumsprozesse
169.
In einer Zivilisation, die an der Anonymi­tät leidet und paradoxerweise zugleich, schamlos krank an einer ungesunden Neugier, darauf ver­

Oktober 2012): L’Osservatore Romano (27. Oktober 2012), S. 7.
, Details aus dem Leben der anderen zu erfahren, braucht die Kirche den Blick der Nähe, um den anderen anzuschauen, gerührt zu werden und vor ihm Halt zu machen, so oft es nötig ist. In dieser Welt können die geweihten Diener und die übrigen in der Seelsorge Tätigen den Wohlsessen istgeruch der Nähe und Gegenwart Jesu und seines persönlichen Blicks wahrnehmbar machen. Die Kirche wird ihre Glieder – Priester, Ordensleu­te und Laien – in diese „Kunst der Begleitung” einführen müssen, damit alle stets lernen, vor dem heiligen Boden des anderen sich die Sanda­len von den Füßen zu streifen (vgl. Ex 3,5). Wir müssen unserem Wandel den heilsamen Rhyth­mus der Zuwendung geben, mit einem achtungs­vollen Blick voll des Mitleids, der aber zugleich heilt, befreit und zum Reifen im christlichen Le­ben ermuntert.­
170.
Auch wenn das offensichtlich scheint, muss die geistliche Begleitung mehr und mehr zu Gott hinführen, denn in ihm können wir die wahre Freiheit erlangen. Einige halten sich für frei, wenn sie abseits von Gott eigene Wege ge­hen. Aber sie merken nicht, dass sie dabei exi­stentiell verwaisen, dass sie ohne Schutz sind, ohne ein Heim, in das sie immer zurückkehren können. Sie hören auf, Pilger zu sein, und wer­den zu Umherirrenden, die immer um sich selbst kreisen, ohne je an ein Ziel zu gelangen. Die Be­gleitung wäre allerdings kontraproduktiv, wenn sie zu einer Art Therapie würde, die diese Ver­schlossenheit der Personen in sich selbst fördert, und aufhörte, Wanderschaft mit Christus zum Vater zu sein.

171.
Mehr denn je brauchen wir Männer und Frauen, die aus ihrer Erfahrung als Begleiter die Vorgehensweise kennen, die sich durch Klugheit auszeichnet sowie durch die Fähigkeit zum Ver­stehen, durch die Kunst des Wartens sowie durch die Fügsamkeit dem Geist gegenüber, damit wir alle zusammen die Schafe, die sich uns anvertrau­en, vor den Wölfen, die die Herde zu zerstreu­en trachten, beschützen. Wir müssen uns in der Kunst des Zuhörens üben, die mehr ist als Hö­ren. In der Verständigung mit dem anderen steht an erster Stelle die Fähigkeit des Herzens, welche die Nähe möglich macht, ohne die es keine wahre geistliche Begegnung geben kann. Zuhören hilft uns, die passende Geste und das passende Wort zu finden, die uns aus der bequemen Position des Zuschauers herausholen. Nur auf der Grundlage dieses achtungsvollen, mitfühlenden Zuhörens ist es möglich, die Wege für ein echtes Wachstum zu finden, das Verlangen nach dem christlichen Ideal und die Sehnsucht zu wecken, voll auf die Liebe Gottes zu antworten und das Beste, das Gott im eigenen Leben ausgesät hat, zu entfal­ten. Immer aber mit der Geduld dessen, der weiß, was der heilige Thomas von Aquin gelehrt hat: Es kann jemand die Gnade und die Liebe haben, trotzdem aber die eine oder andere Tugend »auf­grund einiger entgegengesetzter Neigungen«,133 die weiter bestehen, nicht gut leben. Mit ande­ren Worten: Der organische Zusammenhang der Tugenden besteht zwar »in habitu« immer und notwendig, es kann aber Umstände geben, die die Verwirklichung dieser tugendhaften Anlagen erschweren. Deshalb bedarf es einer »Pädagogik, welche die Personen schrittweise zur vollen An­eignung des Mysteriums hinführt«.134 Damit eine gewisse Reife erlangt wird, so dass die Personen fähig werden, wirklich freie und verantwortliche Entscheidungen zu treffen, muss man mit der Zeit rechnen und unermessliche Geduld haben. Der selige Petrus Faber sagte: »Die Zeit ist der Bote Gottes«.

172.
Der Begleiter versteht es, die Situation je­des Einzelnen vor Gott anzuerkennen. Sein Le­ben in der Gnade ist ein Geheimnis, das niemand von außen ganz verstehen kann. Das Evangeli­um schlägt uns vor, einen Menschen zurecht­zuweisen und ihm aufgrund der Kenntnis der objektiven Bosheit seiner Handlungen wachsen zu helfen (vgl. Mt 18,15), ohne jedoch über seine Verantwortung und seine Schuld zu urteilen (vgl. Mt 7,1; Lk 6,37). Ein guter Begleiter lässt frei­lich fatalistische Haltungen und Kleinmut nicht

133 Summa Theologiae I-II q. 65, a. 3, ad 2: »propter aliquas dispositiones contrarias«.
134 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Asia (6. November 1999), 20: AAS 92 (2000), 481.
zu. Immer lädt er ein, sich heilen zu lassen, sei­ne Bahre zu nehmen (vgl. Joh 5, 8), das Kreuz zu umarmen, alles hinter sich zu lassen, immer neu aufzubrechen, um das Evangelium zu verkünden. Die eigene Erfahrung, uns begleiten und heilen zu lassen, indem es uns gelingt, unser Leben mit vollkommener Aufrichtigkeit vor unserem Beglei­ter auszubreiten, lehrt uns, mit den anderen Ge­duld zu haben und verständnisvoll zu sein, und ermöglicht uns, die Wege zu finden, um ihr Ver­trauen zu wecken, so dass sie sich öffnen und bereit sind zu wachsen.
173.
Die wahre geistliche Begleitung beginnt und entfaltet sich immer im Bereich des Dienstes am Evangelisierungsauftrag. Die Beziehung des Paulus zu Timotheus und Titus ist ein Beispiel die­ser Begleitung und Bildung im Zuge des aposto­lischen Wirkens. Während er ihnen den Auftrag erteilt, in der Stadt zu bleiben, »damit du das, was noch zu tun ist, zu Ende führst« (Tit 1,5; vgl. 1 Tim 1,3-5), gibt er ihnen Hinweise für ihr persönliches Leben und die pastorale Arbeit. Hier liegt ein kla­rer Unterschied zu jeder Form von intimistischer, auf isolierte Selbstverwirklichung bedachter Be­gleitung. Missionarische Jünger begleiten missio­narische Jünger.

Am Wort Gottes orientiert
174.
Nicht nur die Homilie muss aus dem Wort Gottes ihre Nahrung schöpfen. Die gesamte Evangelisierung beruht auf dem Wort, das ver­nommen, betrachtet, gelebt, gefeiert und bezeugt wird. Die Heilige Schrift ist Quelle der Evangeli­sierung. Es ist daher notwendig, sich unentwegt durch das Hören des Wortes zu bilden. Die Kir­che evangelisiert nicht, wenn sie sich nicht ständig evangelisieren lässt. Es ist unerlässlich, dass das Wort Gottes »immer mehr zum Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns werde«.135 Das vernomme­ne und – vor allem in der Eucharistie – gefeierte Wort Gottes nährt und kräftigt die Christen in­nerlich und befähigt sie zu einem echten Zeugnis des Evangeliums im Alltag. Wir haben den alten Gegensatz zwischen Wort und Sakrament bereits überwunden. Das lebendige und wirksame ver­kündete Wort bereitet auf den Empfang des Sa­kramentes vor, und im Sakrament erreicht dieses Wort seine größte Wirksamkeit.

175.
Das Studium der Heiligen Schrift muss ein Tor sein, das allen Gläubigen offensteht.136 Es ist grundlegend, dass das geoffenbarte Wort die Katechese und alle Bemühungen zur Weiter­gabe des Glaubens tief greifend befruchtet.137 Die Evangelisierung braucht die Vertrautheit mit dem Wort Gottes. Das verlangt von den Diözesen, den Pfarreien und allen katholischen Gruppierungen das Angebot eines ernsten und

135 Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini (30. September 2010), 1: AAS 102 (2010), 682.
136 Vgl. Propositio 11.
137 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum über die göttliche Offenbarung, 21- 22.
beharrlichen Studiums der Bibel sowie die För­derung ihrer persönlichen und gemeinschaftli­chen Lektüre im Gebet.138 Wir tappen nicht in der Finsternis und müssen nicht darauf warten, dass Gott sein Wort an uns richtet, denn »Gott hat gesprochen, er ist nicht mehr der große Un­bekannte, sondern er hat sich gezeigt«.139 Neh­men wir den erhabenen Schatz des geoffenbar­ten Wortes in uns auf.
138 Vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini (30. September 2010), 86-87: AAS 102 (2010), 757-760.
139 Ders., Ansprache bei der ersten Generalkongregation der XIII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (8. Oktober 2012): AAS 104 (2012), 896.
VIERTES KAPITEL
DIE SOZIALE DIMENSION DER EVAN­GELISIERUNG
176.
Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig machen. »Keine parti­elle und fragmentarische Definition entspricht jedoch der reichen, vielschichtigen und dynami­schen Wirklichkeit, die die Evangelisierung dar­stellt; es besteht immer die Gefahr, sie zu verar­men und sogar zu verstümmeln.«140 Nun möchte ich meine Besorgnisse im Zusammenhang mit der sozialen Dimension der Evangelisierung mit­teilen, und zwar deshalb, weil man, wenn diese Dimension nicht gebührend deutlich dargestellt wird, immer Gefahr läuft, die echte und vollstän­dige Bedeutung des Evangelisierungsauftrags zu entstellen.

I.
Die gemeinschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kerygmas

177.
Das Kerygma besitzt einen unausweichlich sozialen Inhalt: Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen. Der In­halt der Erstverkündigung hat eine unmittelbare sittliche Auswirkung, deren Kern die Liebe ist.

140 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 17: AAS 68 (1976), 17.
Bekenntnis des Glaubens und soziale Verpflichtung
178.
Einen himmlischen Vater zu bekennen, der jeden einzelnen Menschen unendlich liebt, schließt die Entdeckung ein, dass er »ihm da­durch unendliche Würde verleiht«141. Bekennen, dass der Sohn Gottes unser menschliches Fleisch angenommen hat, bedeutet, dass jeder Mensch bis zum Herzen Gottes erhöht worden ist. Be­kennen, dass Jesus sein Blut für uns vergossen hat, hindert uns, auch nur den kleinsten Zwei­fel an der grenzenlosen Liebe zu bewahren, die jeden Menschen adelt. Seine Erlösung hat eine soziale Bedeutung, denn »Gott erlöst in Christus nicht nur die Einzelperson, sondern auch die so­zialen Beziehungen zwischen den Menschen«142. Bekennen, dass der Heilige Geist in allen wirkt, schließt die Erkenntnis ein, dass er in jede menschliche Situation und in alle sozialen Bin­dungen einzudringen sucht: »Der Heilige Geist verfügt über einen für den göttlichen Geist typi­schen unendlichen Erfindungsreichtum und fin­det die Mittel, um die Knoten der menschlichen Angelegenheiten zu lösen, einschließlich der kompliziertesten und undurchdringlichsten.«143 Die Evangelisierung versucht, auch mit diesem

141 Johannes Paul II., Botschaft an Menschen mit Behinderungen, Angelus (16. November 1980): Insegnamenti 3/2 (1980), 1232.
142 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 52.
143 Johannes Paul II., Katechese (24. April 1991): Insegnamenti 14/1 (1991), 856.
befreienden Wirken des Geistes zusammen zu arbeiten. Das Geheimnis der Trinität selbst erin­nert uns daran, dass wir nach dem Bild der göttli­chen Gemeinschaft erschaffen sind, weshalb wir uns nicht selber verwirklichen, noch von uns aus retten. Vom Kern des Evangeliums her erken­nen wir die enge Verbindung zwischen Evange­lisierung und menschlicher Förderung, die sich notwendig in allem missionarischen Handeln ausdrücken und entfalten muss. Die Annahme der Erstverkündigung, die dazu einlädt, sich von Gott lieben zu lassen und ihn mit der Liebe zu lieben, die er selbst uns mitteilt, verursacht im Le­ben des Menschen und in seinem Tun eine erste und grundlegende Reaktion: dass er das Wohl der anderen wünscht und anstrebt als etwas, das ihm am Herzen liegt.
179.
Diese unlösbare Verbindung zwischen der Aufnahme der heilbringenden Verkündigung und einer wirklichen Bruderliebe kommt in einigen Texten der Schrift zum Ausdruck, und es ist gut, sie zu bedenken und aufmerksam zu verinnerli­chen, um alle Konsequenzen daraus zu ziehen. Es handelt sich um eine Botschaft, an die wir uns oft gewöhnen, sie fast mechanisch wiederholen, ohne uns jedoch klar zu machen, dass sie sich in unserem Leben und in unseren Gemeinschaften real auswirken muss. Wie gefährlich und schäd­lich ist diese Gewöhnung, die uns dazu führt, das Staunen, die Faszination und die Begeisterung zu verlieren, das Evangelium der Brüderlichkeit und der Gerechtigkeit zu leben! Das Wort Gottes lehrt uns, dass sich im Mitmenschen die konti­nuierliche Fortführung der Inkarnation für jeden von uns findet: »Was ihr für einen meiner gering­sten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Was wir für die anderen tun, hat eine transzendente Dimension: »Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden« (Mt 7,2), und es ist eine Antwort auf die göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet wer­den. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden […] nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden« (Lk 6,36-38). Was diese Texte ausdrücken, ist die absolute Vor­rangigkeit des „Aus-sich-Herausgehens auf den Mitmenschen zu“ als eines der beiden Hauptge­bote, die jede sittliche Norm begründen, und als deutlichstes Zeichen, anhand dessen man den Weg geistlichen Wachstums als Antwort auf das völlig ungeschuldete Geschenk Gottes überprü­fen kann. Aus diesem Grund »ist auch der Dienst der Liebe ein konstitutives Element der kirchli­chen Sendung und unverzichtbarer Ausdruck ih­res eigenen Wesens«.144 Wie die Kirche von Na­tur aus missionarisch ist, so entspringt aus dieser

144 Benedikt XVI., Motu proprio Intima Ecclesiae natura (11. November 2012): AAS 104 (2012), 996.
Natur zwangsläufig die wirkliche Nächstenliebe, das Mitgefühl, das versteht, beisteht und fördert.
Das Reich, das uns ruft
180.
Aus einer Lektüre der Schrift geht außer­dem klar hervor, dass das Angebot des Evange­liums nicht nur in einer persönlichen Beziehung zu Gott besteht. Und unsere Antwort der Liebe dürfte auch nicht als eine bloße Summe kleiner persönlicher Gesten gegenüber irgendeinem Notleidenden verstanden werden; das könnte eine Art „Nächstenliebe à la carte“ sein, eine Rei­he von Taten, die nur darauf ausgerichtet sind, das eigene Gewissen zu beruhigen. Das Ange­bot ist das Reich Gottes (vgl. Lk 4,43); es geht dar­um, Gott zu lieben, der in der Welt herrscht. In dem Maß, in dem er unter uns herrschen kann, wird das Gesellschaftsleben für alle ein Raum der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Würde sein. Sowohl die Verkündigung als auch die christliche Erfahrung neigen dazu, soziale Konsequenzen auszulösen. Suchen wir sein Reich: »Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben« (Mt 6,33). Der Plan Jesu besteht darin, das Reich seines Vaters zu errichten; er verlangt von seinen Jün­gern: »Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe« (Mt 10,7).

181.
Das Reich, das unter uns vorweggenom­men wird und wächst, betrifft alles und erinnert uns an jenes Unterscheidungsprinzip, das Paul VI. in Bezug auf die wahre Entwicklung aufstellte: »jeden Menschen und den ganzen Menschen«145 im Auge zu haben. Wir wissen, dass »die Evan­gelisierung nicht vollkommen [wäre], würde sie nicht dem Umstand Rechnung tragen, dass Evangelium und konkretes Leben des Menschen als Einzelperson und als Mitglied einer Gemein­schaft einander ständig beeinflussen«.146 Es han­delt sich um das der Dynamik des Evangeliums eigene Kriterium der Universalität, da der himm­lische Vater will, dass alle Menschen gerettet wer­den, und sein Heilsplan darin besteht, alles, was im Himmel und auf Erden ist, unter einem ein­zigen Herrn, nämlich Christus, zu vereinen (vgl. Eph 1,10). Der Auftrag lautet: »Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16,15), denn »die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbar­werden der Söhne Gottes« (Röm 8,19). Die gan­ze Schöpfung – das heißt auch alle Aspekte der menschlichen Natur: »Der Missionsauftrag, die Gute Nachricht von Jesus Christus zu verkün­den, bezieht sich auf die ganze Welt. Jesu Lie­besgebot schließt alle Dimensionen des Daseins ein, alle Menschen, alle Milieus und alle Völker. Nichts Menschliches ist ihm fremd.«147 Die wah­

145 Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 14: AAS 59 (1967), 264.
146 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 29: AAS 68 (1976), 25.
147 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 380.
re christliche Hoffnung, die das eschatologische Reich sucht, erzeugt immer Geschichte.
Die Lehre der Kirche zu den sozialen Fragen
182.
Die Lehren der Kirche zu den säkularen Angelegenheiten sind größeren und neuen Ent­wicklungen unterworfen und mögen Diskussi­onsgegenstand sein; wir können jedoch nicht vermeiden, konkret zu sein – ohne zu beanspru­chen, in die Details zu gehen –, damit die großen sozialen Grundsätze nicht bloße allgemeine Hin­weise bleiben, die niemanden unmittelbar ange­hen. Man muss die praktischen Konsequenzen aus ihnen ziehen, damit sie »auch die komple­xen aktuellen Situationen wirksam beeinflussen können«148. Die Hirten haben unter Berücksich­tigung der Beiträge der verschiedenen Wissen­schaften das Recht, Meinungen über all das zu äußern, was das Leben der Menschen betrifft, da die Evangelisierungsaufgabe eine ganzheitli­che Förderung jedes Menschen einschließt und verlangt. Man kann nicht mehr behaupten, die Religion müsse sich auf den Privatbereich be­schränken und sie existiere nur, um die Seelen auf den Himmel vorzubereiten. Wir wissen, dass Gott das Glück seiner Kinder, obwohl sie zur ewigen Fülle berufen sind, auch auf dieser Erde wünscht, denn er hat alles erschaffen, »damit sie sich daran freuen können« (1 Tim 6,17), damit

148 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 9.
alle sich daran freuen können. Daraus folgt, dass die christliche Umkehr verlangt, »besonders […] all das zu überprüfen, was das Sozialwesen aus­macht und zur Erlangung des Allgemeinwohls beiträgt«.149
183.
Folglich kann niemand von uns verlangen, dass wir die Religion in das vertrauliche Innen­leben der Menschen verbannen, ohne jeglichen Einfluss auf das soziale und nationale Gesche­hen, ohne uns um das Wohl der Institutionen der menschlichen Gemeinschaft zu kümmern, ohne uns zu den Ereignissen zu äußern, die die Bürger angehen. Wer würde es wagen, die Botschaft des heiligen Franz von Assisi und der seligen Teresa von Kalkutta in ein Gotteshaus einzuschließen und zum Schweigen zu bringen? Sie könnten es nicht hinnehmen. Ein authentischer Glau­be – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern, Werte zu übermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas Besseres zu hin­terlassen. Wir lieben diesen herrlichen Planeten, auf den Gott uns gesetzt hat, und wir lieben die Menschheit, die ihn bewohnt, mit all ihren Dra­men und ihren Mühen, mit ihrem Streben und ihren Hoffnungen, mit ihren Werten und ihren Schwächen. Die Erde ist unser gemeinsames Haus, und wir sind alle Brüder. Obwohl »die ge­

149 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in America (22. Januar 1999), 27: AAS 91 (1999), 762.
rechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates […] zentraler Auftrag der Politik« ist, »kann und darf [die Kirche] im Ringen um Gerechtigkeit […] nicht abseits bleiben«.150 Alle Christen, auch die Hirten, sind berufen, sich um den Aufbau einer besseren Welt zu kümmern. Darum geht es, denn die Soziallehre der Kirche ist in erster Linie positiv und konstruktiv, sie bietet Orien­tierung für ein verwandelndes Handeln, und in diesem Sinn hört sie nicht auf, ein Zeichen der Hoffnung zu sein, das aus dem liebevollen Her­zen Jesu Christi kommt. Zugleich vereint die Kir­che »ihre eigenen Bemühungen insbesondere mit dem, was die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in theoretisch-reflexiver ebenso wie in praktischer Hinsicht im sozialen Bereich leisten«.151
184.
Es ist hier nicht der Moment, auf all die schwerwiegenden sozialen Probleme einzuge­hen, von denen die heutige Welt betroffen ist – einige von ihnen habe ich im zweiten Kapi­tel kommentiert. Dies ist kein Dokument über soziale Fragen, und um über jene verschiedenen Themenkreise nachzudenken, verfügen wir mit dem Kompendium der Soziallehre der Kirche über ein sehr geeignetes Instrument, dessen Gebrauch und Studium ich nachdrücklich empfehle. Außer­

150 Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), 28: AAS 98 (2006), 239-240.
151 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 12.
dem besitzen weder der Papst noch die Kirche das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit oder für einen Vorschlag zur Lö­sung der gegenwärtigen Probleme. Ich kann hier wiederholen, was Paul VI. in aller Klarheit be­tonte: »Angesichts so verschiedener Situationen ist es für uns schwierig, uns mit einem einzigen Wort zu äußern bzw. eine Lösung von universa­ler Geltung vorzuschlagen. Das ist nicht unsere Absicht und auch nicht unsere Aufgabe. Es ob­liegt den christlichen Gemeinden, die Situation eines jeden Landes objektiv zu analysieren.« 152
185.
In der Folge möchte ich versuchen, mich auf zwei große Fragen zu konzentrieren, die in diesem Augenblick der Geschichte grundlegend erscheinen. Ich werde sie mit einer gewissen Aus­führlichkeit entwickeln, weil ich meine, dass sie die Zukunft der Menschheit bestimmen werden. Es handelt sich an erster Stelle um die gesell­schaftliche Eingliederung der Armen und außer­dem um den Frieden und den sozialen Dialog.

II.
Die gesellschaftliche Eingliederung der Armen

186.
Aus unserem Glauben an Christus, der arm geworden und den Armen und Ausgeschlos­senen immer nahe ist, ergibt sich die Sorge um

152 Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens zum 80. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum (14. Mai 1971), 4: AAS 63 (1971), 403.
die ganzheitliche Entwicklung der am stärksten vernachlässigten Mitglieder der Gesellschaft.
Gemeinsam mit Gott hören wir einen Schrei
187.
Jeder Christ und jede Gemeinschaft ist berufen, Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein, so dass sie sich vollkommen in die Gesellschaft einfügen können; das setzt voraus, dass wir gefügig sind und aufmerksam, um den Schrei des Armen zu hören und ihm zu Hilfe zu kommen. Es genügt, in der Heiligen Schrift zu blättern, um zu ent­decken, wie der gute himmlische Vater auf den Schrei der Armen hören möchte – »Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich ge­hört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie zu befreien […] Und jetzt geh! Ich sende dich« (Ex 3,7-8.10) – und wie zuvorkommend er ihren Nöten gegenüber ist: »Als aber die Is­raeliten zum Herrn schrien, gab ihnen der Herr einen Retter« (Ri 3,15). Diesem Schrei gegenüber taub zu bleiben, wenn wir doch die Werkzeuge Gottes sind, um den Armen zu hören, entfernt uns dem Willen des himmlischen Vaters und sei­nem Plan, zumal dieser Arme »den Herrn gegen dich anruft und Strafe für diese Sünde über dich kommt« (Dtn 15,9). Und der Mangel an Solida­rität gegenüber seinen Nöten beeinflusst unmit­telbar unsere Beziehung zu Gott: »Verbirg dich nicht vor dem Verzweifelten und gib ihm keinen Anlass, dich zu verfluchen. Schreit der Betrübte im Schmerz seiner Seele, so wird Gott, sein Fels, auf sein Wehgeschrei hören« (Sir 4,5-6). Immer kehrt die alte Frage wieder: »Wenn jemand Ver­mögen hat und sein Herz vor dem Bruder ver­schließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottes­liebe in ihm bleiben?« (1 Joh 3,17). Erinnern wir uns auch, mit welcher Überzeugung der Apostel Jakobus das Bild des Schreis der Unterdrückten aufnahm: »Der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorent­halten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere« (5,4).

188.
Die Kirche hat erkannt, dass die Forde­rung, auf diesen Ruf zu hören, aus der Befrei­ung selbst folgt, die die Gnade in jedem von uns wirkt, und deshalb handelt es sich nicht um einen Auftrag, der nur einigen vorbehalten ist: »Die Kirche, die dem Evangelium von der Barmher­zigkeit und der Liebe zum Menschen folgt, hört den Ruf nach Gerechtigkeit und möchte mit al­len ihren Kräften darauf antworten.«153 In die­sem Rahmen versteht man die Aufforderung Jesu an seine Jünger: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Mk 6,37), und das beinhaltet sowohl die Mitar­beit, um die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben und die ganzheitliche Entwicklung

153 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis nuntius (6. August 1984), XI, 1: AAS 76 (1984), 903.
der Armen zu fördern, als auch die einfachsten und täglichen Gesten der Solidarität angesichts des ganz konkreten Elends, dem wir begegnen. Das Wort „Solidarität“ hat sich ein wenig abge­nutzt und wird manchmal falsch interpretiert, doch es bezeichnet viel mehr als einige gelegent­liche großherzige Taten. Es erfordert, eine neue Mentalität zu schaffen, die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt.
189.
Die Solidarität ist eine spontane Reaktion dessen, der die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung der Güter als Wirklichkeiten erkennt, die älter sind als der Pri­vatbesitz. Der private Besitz von Gütern recht­fertigt sich dadurch, dass man sie so hütet und mehrt, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen; deshalb muss die Solidarität als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht. Wenn diese Einsichten und eine solidarische Gewohnheit uns in Fleisch und Blut übergehen, öffnen sie den Weg für weitere struk­turelle Umwandlungen und machen sie möglich. Eine Änderung der Strukturen, die hingegen keine neuen Einsichten und Verhaltensweisen hervorbringt, wird dazu führen, dass ebendiese Strukturen früher oder später korrupt, drückend und unwirksam werden.

190.
Manchmal geht es darum, den Schrei ganzer Völker, der ärmsten Völker der Erde zu hören, denn »der Friede gründet sich nicht nur auf die Achtung der Menschenrechte, sondern auch auf die Achtung der Rechte der Völker«.154 Bedauerlicherweise können sogar die Menschen­rechte als Rechtfertigung für eine erbitterte Ver­teidigung der Rechte des Einzelnen oder der Rechte der reichsten Völker genutzt werden. Bei allem Respekt vor der Unabhängigkeit und der Kultur jeder einzelnen Nation muss doch im­mer daran erinnert werden, dass der Planet der ganzen Menschheit gehört und für die ganze Menschheit da ist und dass allein die Tatsache, an einem Ort mit weniger Ressourcen oder einer niedrigeren Entwicklungsstufe geboren zu sein, nicht rechtfertigt, dass einige Menschen weniger würdevoll leben. Es muss noch einmal gesagt werden: »Die am meisten Begünstigten müs­sen auf einige ihrer Rechte verzichten, um mit größerer Freigebigkeit ihre Güter in den Dienst der anderen zu stellen.«155 Um in angemessener Weise von unseren Rechten zu sprechen, müssen wir unseren Gesichtskreis erweitern und unsere Ohren dem Schrei anderer Völker oder anderer Regionen unseres Landes öffnen. Wir haben es nötig, in der Solidarität zu wachsen: »Sie muss es allen Völkern erlauben, ihr Geschick selbst in

154 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 157.
155 Paul VI., Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens zum 80. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum (14. Mai 1971), 23: AAS 63 (1971), 418.
die Hand zu nehmen«,156 so, wie »jeder Mensch gerufen [ist], sich zu entwickeln«.157
191.
An jedem Ort und bei jeder Gelegenheit sind die Christen, ermutigt von ihren Hirten, auf­gerufen, den Schrei der Armen zu hören. Dies haben die Bischöfe Brasiliens deutlich betont: »Wir möchten jeden Tag Freude und Hoffnung, Trauer und Angst des brasilianischen Volkes, be­sonders der Bevölkerungen der Stadtrandgebiete und der ländlichen Regionen auf uns nehmen, die – ohne Land, ohne Obdach, ohne Brot, ohne Gesundheit – in ihren Rechten verletzt sind. Da wir ihr Elend sehen, ihr Schreien hören und ihre Leiden kennen, empört es uns zu wissen, dass ausreichend Nahrung für alle da ist und dass der Hunger auf die schlechte Verteilung der Güter und des Einkommens zurückzuführen ist. Das Problem wird noch verstärkt durch die weit ver­breitete Praxis der Verschwendung.«158

192.
Wir wünschen uns jedoch noch mehr. Unser Traum hat noch höhere Ziele. Wir spre­chen nicht nur davon, allen die Nahrung oder eine »menschenwürdige Versorgung« zu sichern, sondern dass sie einen »Wohlstand in seinen viel­

156 Ders., Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 65: AAS 59 (1967), 289.
157 Ebd., 15: AAS 59 (1967), 265.
158 Conferência Nacional dos Bispos do Brasil, Dokument Exigências evangélicas e éticas de superação da miséria e da fome (April 2002), Einführung, 2.
fältigen Aspekten« erreichen.159 Das schließt die Erziehung, den Zugang zum Gesundheitswesen und besonders die Arbeit ein, denn in der freien, schöpferischen, mitverantwortlichen und soli­darischen Arbeit drückt der Mensch die Würde seines Lebens aus und steigert sie. Der gerech­te Lohn ermöglicht den Zugang zu den ande­ren Gütern, die zum allgemeinen Gebrauch be­stimmt sind.
Treue zum Evangelium, um nicht vergeblich zu laufen
193.
Der Aufruf, auf den Schrei der Armen zu hören, nimmt in uns menschliche Gestalt an, wenn uns das Leiden anderer zutiefst erschüt­tert. Lesen wir noch einmal, was das Wort Gottes über die Barmherzigkeit sagt, damit es kraftvoll im Leben der Kirche nachhallt. Das Evangeli­um verkündet: »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7). Der Apostel Jakobus lehrt, dass die Barmherzigkeit den an­deren gegenüber uns erlaubt, siegreich aus dem göttlichen Gericht hervorzugehen: »Redet und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht« (2,12-13). In diesem Text er­weist Jakobus sich als Erbe des größten Reich­tums der nachexilischen jüdischen Spiritualität,

159 Johannes XXIII., Enzyklika Mater et Magistra (15. Mai 1961), 3: AAS 53 (1961), 402.
die der Barmherzigkeit einen speziellen Heils­wert zuschrieb: »Lösch deine Sünden aus durch rechtes Tun, tilge deine Vergehen, indem du Er­barmen hast mit den Armen. Dann mag dein Glück vielleicht von Dauer sein« (Dan 4,24). Aus derselben Perspektive spricht die Weisheitslitera­tur vom Almosen als einer konkreten Übung der Barmherzigkeit gegenüber den Notleidenden: »Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde« (Tob 12,9). In noch plastische­rer Weise wird das im Buch Jesus Sirach ausge­drückt: »Wie Wasser loderndes Feuer löscht, so sühnt Mildtätigkeit Sünde« (3,30). Zum gleichen Schluss kommt auch das Neue Testament: »Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander; denn die Liebe deckt viele Sünden zu« (1 Petr 4,8). Die­se Wahrheit drang tief in das Denken der Kir­chenväter ein und leistete als kulturelle Alterna­tive einen prophetischen Widerstand gegen den hedonistischen heidnischen Individualismus. Wir erwähnen nur ein Beispiel: »Wie wir in der Ge­fahr eines Brandes eilen, um Löschwasser zu su­chen […] so ist es auch, wenn aus unserem Stroh die Flamme der Sünde aufsteigen würde und wir darüber verstört wären: Wird uns dann die Ge­legenheit zu einem Werk der Barmherzigkeit ge­geben, freuen wir uns über dieses Werk, als sei es eine Quelle, die uns angeboten wird, damit wir den Brand löschen können.«160
160 Augustinus, De Catechizandis Rudibus, I, XIV, 22: PL 40, 327.
194.
Das ist eine so klare, so direkte, so ein­fache und viel sagende Botschaft, dass keine kirchliche Hermeneutik das Recht hat, sie zu re­lativieren. Die Reflexion der Kirche über diese Texte dürfte deren ermahnende Bedeutung nicht verdunkeln oder schwächen, sondern vielmehr helfen, sie sich mutig und eifrig zu Eigen zu ma­chen. Warum komplizieren, was so einfach ist? Die begrifflichen Werkzeuge sind dazu da, den Kontakt mit der Wirklichkeit, die man erklären will, zu fördern, und nicht, um uns von ihr zu entfernen. Das gilt vor allem für die biblischen Ermahnungen, die mit großer Bestimmtheit zur Bruderliebe, zum demütigen und großherzigen Dienst, zur Gerechtigkeit und zur Barmherzig­keit gegenüber dem Armen auffordern. Jesus hat uns mit seinen Worten und seinen Taten diesen Weg der Anerkennung des anderen gewiesen. Wa­rum verdunkeln, was so klar ist? Sorgen wir uns nicht nur darum, nicht in lehrmäßige Irrtümer zu fallen, sondern auch darum, diesem leuchten­den Weg des Lebens und der Weisheit treu zu sein. Denn »den Verteidigern der „Orthodoxie“ wirft man manchmal Passivität, Nachsichtigkeit und schuldhafte Mitwisserschaft gegenüber un­erträglichen Situationen der Ungerechtigkeit und gegenüber politischen Regimen, die diese beibe­halten, vor«.161

161 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis nuntius (6. August 1984), XI, 18: AAS 76 (1984), 907-908.
195.
Als der heilige Paulus sich zu den Apos-teln nach Jerusalem begab, um zu klären, ob er sich vergeblich mühte oder gemüht hatte (vgl. Gal 2,2), war das entscheidende Kriterium für die Echtheit, das sie ihm vorgaben, dass er die Ar­men nicht vergessen sollte (vgl. Gal 2,10). Dieses große Kriterium, dass die paulinischen Gemein­den sich nicht vom individualistischen Lebens­stil der Heiden mitreißen lassen sollten, besitzt im gegenwärtigen Kontext, in dem die Tendenz zur Entwicklung eines neuen individualistischen Heidentums besteht, eine beachtliche Aktuali­tät. Die eigene Schönheit des Evangeliums kann von uns nicht immer angemessen zum Ausdruck gebracht werden, doch es gibt ein Zeichen, das niemals fehlen darf: die Option für die Letzten, für die, welche die Gesellschaft aussondert und wegwirft.

196.
Manchmal sind wir hartherzig und starr­sinnig, vergessen, vergnügen uns und geraten in Verzückung angesichts der unermesslichen Mög­lichkeiten an Konsum und Zerstreuung, die die­se Gesellschaft bietet. So entsteht eine Art von Entfremdung, die uns alle trifft, denn »entfrem­det wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Organisationsformen, in Produktion und Kon­sum, die Verwirklichung dieser Hingabe und die Bildung dieser zwischenmenschlichen Solidarität erschwert«.162

162 Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 41: AAS 83 (1991), 844-845.
Der bevorzugte Platz der Armen im Volk Gottes
197.
Im Herzen Gottes gibt es einen so bevor­zugten Platz für die Armen, dass er selbst »arm wurde« (2 Kor 8,9). Der ganze Weg unserer Erlö­sung ist von den Armen geprägt. Dieses Heil ist zu uns gekommen durch das „Ja“ eines demü­tigen Mädchens aus einem kleinen, abgelegenen Dorf am Rande eines großen Imperiums. Der Retter ist in einer Krippe geboren, inmitten von Tieren, wie es bei den Kindern der Ärmsten ge­schah; zu seiner Darstellung im Tempel wurden zwei Turteltauben dargebracht, das Opfer de­rer, die sich nicht erlauben konnten, ein Lamm zu bezahlen (vgl. Lk 2,24; Lev 5,7); er ist in ei­nem Haus einfacher Handwerker aufgewachsen und hat sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit verdient. Als er mit der Verkündigung des Got­tesreichs begann, folgten ihm Scharen von Ent­rechteten, und so zeigte sich, was er selbst gesagt hatte: »Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht brin­ge« (Lk 4,18). Denen, die unter der Last von Leid und Armut lebten, versicherte er, dass Gott sie im Zentrum seines Herzens trug: »Selig, ihr Ar­men, denn euch gehört das Reich Gottes« (Lk 6,20); mit ihnen identifizierte er sich: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben« und lehrte, dass die Barmherzigkeit ihnen gegenüber der Schlüssel zum Himmel ist (vgl. Mt 25,35f).

198.
Für die Kirche ist die Option für die Ar­men in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziolo­gische, politische oder philosophische Frage. Gott gewährt ihnen »seine erste Barmherzigkeit«.163 Diese göttliche Vorliebe hat Konsequenzen im Glaubensleben aller Christen, die ja dazu berufen sind, so gesinnt zu sein wie Jesus (vgl. Phil 2,5). Von ihr inspiriert, hat die Kirche eine Option für die Armen gefällt, die zu verstehen ist als »beson­derer Vorrang in der Weise, wie die christliche Liebe ausgeübt wird; eine solche Option wird von der ganzen Tradition der Kirche bezeugt«.164 Diese Option, lehrte Benedikt XVI., ist »im chris-
tologischen Glauben an jenen Gott implizit ent­halten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen«.165 Aus die­sem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen. Sie haben uns vieles zu lehren. Sie haben nicht nur Teil am sensus fidei, sondern kennen außerdem dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus. Es ist nötig, dass wir alle uns von ihnen evangelisieren lassen. Die neue Evan­gelisierung ist eine Einladung, die heilbringende Kraft ihrer Leben zu erkennen und sie in den

163 Ders., Homilie während der Eucharistiefeier für die Evangelisierung der Völker, in Santo Domingo (11. Oktober 1984), 5: AAS 77 (1985) 358.
164 Ders., Enzyklika Sollicitudo rei socialis (30. Dezember 1987), 42: AAS 80 (1988), 572.
165 Ansprache zur Eröffnung der Arbeiten der V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik (13. Mai 2007), 3: AAS 99 (2007), 450.
Mittelpunkt des Weges der Kirche zu stellen. Wir sind aufgerufen, Christus in ihnen zu entdecken, uns zu Wortführern ihrer Interessen zu machen, aber auch ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will.
199.
Unser Einsatz besteht nicht ausschließ­lich in Taten oder in Förderungs- und Hilfspro­grammen; was der Heilige Geist in Gang setzt, ist nicht ein übertriebener Aktivismus, sondern vor allem eine aufmerksame Zuwendung zum ande­ren, indem man ihn »als eines Wesens mit sich selbst betrachtet«.166 Diese liebevolle Zuwen­dung ist der Anfang einer wahren Sorge um sei­ne Person, und von dieser Basis aus bemühe ich mich dann wirklich um sein Wohl. Das schließt ein, den Armen in seinem besonderen Wert zu schätzen, mit seiner Wesensart, mit seiner Kultur und mit seiner Art, den Glauben zu leben. Die echte Liebe ist immer kontemplativ, sie erlaubt uns, dem anderen nicht aus Not oder aus Eitel­keit zu dienen, sondern weil es schön ist, jenseits des Scheins. »Auf die Liebe, durch die einem der andere Mensch angenehm ist, ist es zurückzufüh­ren, dass man ihm unentgeltlich etwas gibt.«167
Der Arme wird, wenn er geliebt wird, »hochgeschätzt«,168 und das unterscheidet die

166 Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 27, a. 2.
167 Ebd., I-II, q. 110, a. 1.
168 Ebd., I-II, q. 26, a. 3.
authentische Option für die Armen von jeder Ideologie, von jeglicher Absicht, die Armen zu­gunsten persönlicher oder politischer Interessen zu gebrauchen. Nur das macht es möglich, »dass sich die Armen in jeder christlichen Gemeinde wie „zu Hause“ fühlen. Wäre dieser Stil nicht die großartigste und wirkungsvollste Vorstellung der Frohen Botschaft vom Reich Gottes?«.169 Ohne die Sonderoption für die Armen »läuft die Verkündigung, die auch die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in jenem Meer von Worten zu ertrinken, dem die heutige Kommunikationsgesellschaft uns täglich aussetzt«.170
200.
Da dieses Schreiben an die Mitglieder der katholischen Kirche gerichtet ist, möchte ich die schmerzliche Feststellung machen, dass die schlimmste Diskriminierung, unter der die Ar­men leiden, der Mangel an geistlicher Zuwen­dung ist. Die riesige Mehrheit der Armen ist besonders offen für den Glauben; sie brauchen Gott, und wir dürfen es nicht unterlassen, ih­nen seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort, die Feier der Sakramente anzubieten und ihnen einen Weg des Wachstums und der Reifung im Glauben aufzuzeigen. Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen.

169 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte (6. Januar 2001), 50: AAS 93 (2001), 303.
170 Ebd.
201.
Niemand dürfte sagen, dass er sich von den Armen fern hält, weil seine Lebensentschei­dungen es mit sich bringen, anderen Aufgaben mehr Achtung zu schenken. Das ist eine in aka­demischen, unternehmerischen oder beruflichen und sogar kirchlichen Kreisen häufige Entschul­digung. Obwohl man im Allgemeinen sagen kann, dass die Berufung und die besondere Sen­dung der gläubigen Laien die Umwandlung der verschiedenen weltlichen Bereiche ist, damit alles menschliche Tun vom Evangelium verwandelt wird,171 darf sich niemand von der Sorge um die Armen und um die soziale Gerechtigkeit frei­gestellt fühlen: »Von allen […] ist die geistliche Bekehrung, die intensive Gottes- und Nächsten­liebe, der Eifer für Gerechtigkeit und Frieden, der evangeliumsgemäße Sinn für die Armen und die Armut gefordert.«172 Ich fürchte, dass auch diese Worte nur Gegenstand von Kommenta­ren ohne praktische Auswirkungen sein werden. Trotzdem vertraue ich auf die Offenheit und die gute Grundeinstellung der Christen, und ich bit­te euch, gemeinschaftlich neue Wege zu suchen, um diesen erneuten Vorschlag anzunehmen.

Wirtschaft und Verteilung der Einkünfte
202.
Die Notwendigkeit, die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben, kann nicht

171 Vgl. Propositio 45.
172 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis nuntius (6. August 1984), XI, 18: AAS 76 (1984), 908.
warten, nicht nur wegen eines pragmatischen Erfordernisses, Ergebnisse zu erzielen und die Gesellschaft zu ordnen, sondern um sie von einer Krankheit zu heilen, die sie anfällig und unwürdig werden lässt und sie nur in neue Kri­sen führen kann. Die Hilfsprojekte, die einigen dringlichen Erfordernissen begegnen, sollten nur als provisorische Maßnahmen angesehen wer­den. Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Fi­nanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt,173 werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichvertei­lung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.
203.
Die Würde jedes Menschen und das Ge­meinwohl sind Fragen, die die gesamte Wirt­schaftspolitik strukturieren müssten, doch manchmal scheinen sie von außen hinzugefügte Anhänge zu sein, um eine politische Rede zu ver­vollständigen, ohne Perspektiven oder Program­me für eine wirklich ganzheitliche Entwicklung. Wie viele Worte sind diesem System unbequem geworden! Es ist lästig, wenn man von Ethik

173 Das schließt ein, »die strukturellen Ursachen der Fehlfunktionen der Weltwirtschaft zu beseitigen«: Benedikt XVI., Ansprache an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps (8. Januar 2007): AAS 99 (2007), 73.
spricht, es ist lästig, dass man von weltweiter So­lidarität spricht, es ist lästig, wenn man von einer Verteilung der Güter spricht, es ist lästig, wenn man davon spricht, die Arbeitsplätze zu verteidi­gen, es ist lästig, wenn man von der Würde der Schwachen spricht, es ist lästig, wenn man von einem Gott spricht, der einen Einsatz für die Gerechtigkeit fordert. Andere Male geschieht es, dass diese Worte Gegenstand einer opportu­nistischen Manipulation werden, die sie entehrt. Die bequeme Gleichgültigkeit gegenüber diesen Fragen entleert unser Leben und unsere Worte jeglicher Bedeutung. Die Tätigkeit eines Unter­nehmers ist eine edle Arbeit, vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt; das ermöglicht ihm, mit seinem Bemühen, die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen, wirklich dem Gemeinwohl zu dienen.
204.
Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. Das Wachstum in Gerechtigkeit er­fordert etwas, das mehr ist als Wirtschaftswachs­tum, auch wenn es dieses voraussetzt; es verlangt Entscheidungen, Programme, Mechanismen und Prozesse, die ganz spezifisch ausgerichtet sind auf eine bessere Verteilung der Einkünfte, auf die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und auf eine ganzheitliche Förderung der Armen, die mehr ist als das bloße Sozialhilfesystem. Es liegt mir völlig fern, einen unverantwortlichen Popu­lismus vorzuschlagen, aber die Wirtschaft darf nicht mehr auf „Heilmittel“ zurückgreifen, die ein neues Gift sind, wie wenn man sich einbildet, die Ertragsfähigkeit zu steigern, indem man den Arbeitsmarkt einschränkt und auf diese Weise neue Ausgeschlossene schafft.

205.
Ich bitte Gott, dass die Zahl der Politiker zunimmt, die fähig sind, in einen echten Dialog einzusteigen, der sich wirksam darauf ausrich­tet, die tiefen Wurzeln und nicht den äußeren Anschein der Übel unserer Welt zu heilen! Die so in Misskredit gebrachte Politik ist eine sehr hohe Berufung, ist eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl an­strebt.174 Wir müssen uns davon überzeugen, dass die Liebe »das Prinzip nicht nur der Mikro-Bezie­hungen – in Freundschaft, Familie und kleinen Gruppen – [ist], sondern auch der Makro-Bezie­hungen – in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen«.175 Ich bete zum Herrn, dass er uns mehr Politiker schenke, denen die Gesellschaft, das Volk, das Leben der Armen wirklich am Herzen liegt! Es ist unerläss-lich, dass die Regierenden und die Finanzmacht den Blick erheben und ihre Perspektiven erwei­tern, dass sie dafür sorgen, dass es für alle Bür­ger eine würdevolle Arbeit sowie Zugang zum Bildungs- und zum Gesundheitswesen gibt. Und

174 Vgl. Commission sociale des Évêques de France, Erklärung Réhbiliter la politique (17. Februar 1999); Pius XI., Botschaft, 18. Dezember 1927.
175 Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 2: AAS 101 (2009), 642.
warum sollte man sich nicht an Gott wenden, da­mit er ihre Pläne inspiriert? Ich bin überzeugt, dass sich von einer Öffnung für die Transzen­denz her eine neue politische und wirtschaftliche Mentalität bilden könnte, die helfen würde, die absolute Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl zu überwinden.
206.
Die Wirtschaft müsste, wie das griechische Wort oikonomía – Ökonomie – sagt, die Kunst sein, eine angemessene Verwaltung des gemein­samen Hauses zu erreichen, und dieses Haus ist die ganze Welt. Jede wirtschaftliche Unterneh­mung von einer gewissen Tragweite, die in einem Teil des Planeten durchgeführt wird, wirkt sich auf das Ganze aus. Darum kann keine Regierung außerhalb einer gemeinsamen Verantwortung handeln. Tatsächlich wird es immer schwieriger, auf lokaler Ebene Lösungen für die enormen globalen Widersprüche zu finden, weshalb die örtliche Politik mit zu lösenden Problemen über­häuft wird. Wenn wir wirklich eine gesunde Welt­wirtschaft erreichen wollen, bedarf es in dieser geschichtlichen Phase einer effizienteren Art der Interaktion, die bei voller Berücksichtigung der Souveränität der Nationen den wirtschaftlichen Wohlstand aller und nicht nur einiger Länder si­chert.

207.
Jede beliebige Gemeinschaft in der Kir­che, die beansprucht, in ihrer Ruhe zu verhar­ren, ohne sich kreativ darum zu kümmern und wirksam daran mitzuarbeiten, dass die Armen in Würde leben können und niemand ausgeschlos­sen wird, läuft die Gefahr der Auflösung, auch wenn sie über soziale Themen spricht und die Regierungen kritisiert. Sie wird schließlich leicht in einer mit religiösen Übungen, unfruchtbaren Versammlungen und leeren Reden heuchlerisch verborgenen spirituellen Weltlichkeit untergehen.

208.
Falls jemand sich durch meine Worte be­leidigt fühlt, versichere ich ihm, dass ich sie mit Liebe und in bester Absicht sage, weit entfernt von jedem persönlichen Interesse oder einer po­litischen Ideologie. Mein Wort ist nicht das eines Feindes, noch das eines Gegners. Es geht mir einzig darum, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die Sklaven einer individualistischen, gleichgül­tigen und egoistischen Mentalität sind, sich von jenen unwürdigen Fesseln befreien und eine Art zu leben und zu denken erreichen können, die menschlicher, edler und fruchtbarer ist und ihrer Erdenwanderung Würde verleiht.

Sich der Schwachen annehmen
209.
Jesus, der Evangelisierende schlechthin und das Evangelium in Person, identifiziert sich speziell mit den Geringsten (vgl. Mt 25,40). Das erinnert uns daran, dass wir Christen alle beru­fen sind, uns um die Schwächsten der Erde zu kümmern. Doch in dem geltenden „privatrecht­lichen“ Erfolgsmodell scheint es wenig sinnvoll, zu investieren, damit diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind, die Schwachen oder die weniger Begabten es im Leben zu etwas bringen können.

210.
Es ist unerlässlich, neuen Formen von Armut und Hinfälligkeit – den Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den eingeborenen Bevölkerungen, den immer mehr vereinsamten und verlassenen alten Menschen usw. – unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wir sind berufen, in ihnen den leidenden Christus zu erkennen und ihm nahe zu sein, auch wenn uns das augenscheinlich keine greifbaren und unmit­telbaren Vorteile bringt. Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt. Darum rufe ich die Länder zu einer großherzigen Öffnung auf, die, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen. Wie schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor ma­chen! Wie schön sind die Städte, die auch in ihrer architektonischen Planung reich sind an Räu­men, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen!

211.
Immer hat mich die Situation derer mit Schmerz erfüllt, die Opfer der verschiedenen Formen von Menschenhandel sind. Ich würde mir wünschen, dass man den Ruf Gottes hörte, der uns alle fragt: »Wo ist dein Bruder?« (Gen 4,9). Wo ist dein Bruder, der Sklave? Wo ist der, den du jeden Tag umbringst in der kleinen illegalen Fabrik, im Netz der Prostitution, in den Kindern, die du zum Betteln gebrauchst, in dem, der heim­lich arbeiten muss, weil er nicht legalisiert ist? Tun wir nicht, als sei alles in Ordnung! Es gibt viele Arten von Mittäterschaft. Die Frage geht alle an! Dieses mafiöse und perverse Verbrechen hat sich in unseren Städten eingenistet, und die Hände vieler triefen von Blut aufgrund einer be­quemen, schweigenden Komplizenschaft.

212.
Doppelt arm sind die Frauen, die Situa­tionen der Ausschließung, der Misshandlung und der Gewalt erleiden, denn oft haben sie geringere Möglichkeiten, ihre Rechte zu verteidigen. Und doch finden wir auch unter ihnen fortwährend die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien.

213.
Unter diesen Schwachen, deren sich die Kirche mit Vorliebe annehmen will, sind auch die ungeborenen Kinder. Sie sind die Schutzlo­sesten und Unschuldigsten von allen, denen man heute die Menschenwürde absprechen will, um mit ihnen machen zu können, was man will, in­dem man ihnen das Leben nimmt und Gesetzge­bungen fördert, die erreichen, dass niemand das verbieten kann. Um die Verteidigung des Lebens der Ungeborenen, die die Kirche unternimmt, leichthin ins Lächerliche zu ziehen, stellt man ihre Position häufig als etwas Ideologisches, Rück­schrittliches, Konservatives dar. Und doch ist diese Verteidigung des ungeborenen Lebens eng mit der Verteidigung jedes beliebigen Menschen­rechtes verbunden. Sie setzt die Überzeugung voraus, dass ein menschliches Wesen immer etwas Heiliges und Unantastbares ist, in jeder Situation und jeder Phase seiner Entwicklung. Es trägt sei­ne Daseinsberechtigung in sich selbst und ist nie ein Mittel, um andere Schwierigkeiten zu lösen. Wenn diese Überzeugung hinfällig wird, bleiben keine festen und dauerhaften Grundlagen für die Verteidigung der Menschenrechte; diese wären dann immer den zufälligen Nützlichkeiten der je­weiligen Machthaber unterworfen. Dieser Grund allein genügt, um den unantastbaren Wert eines jeden Menschenlebens anzuerkennen. Wenn wir es aber auch vom Glauben her betrachten, dann »schreit jede Verletzung der Menschenwürde vor dem Angesicht Gottes nach Rache und ist Belei­digung des Schöpfers des Menschen«.176

214.
Gerade weil es eine Frage ist, die mit der inneren Kohärenz unserer Botschaft vom Wert der menschlichen Person zu tun hat, darf man nicht erwarten, dass die Kirche ihre Position zu dieser Frage ändert. Ich möchte diesbezüglich ganz ehrlich sein. Dies ist kein Argument, das mutmaßlichen Reformen oder „Modernisierun­gen“ unterworfen ist. Es ist nicht fortschrittlich,

176 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 37: AAS 81 (1989), 461.
sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet. Doch es trifft auch zu, dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden, wo der Schwangerschaftsabbruch ihnen als eine schnelle Lösung ihrer tiefen Ängste erscheint, besonders, wenn das Leben, das in ihnen wächst, als Folge einer Gewalt oder im Kontext extremer Armut entstanden ist. Wer hätte kein Verständnis für diese so schmerzlichen Situationen?
215.
Es gibt noch andere schwache und schutz­lose Wesen, die wirtschaftlichen Interessen oder einer wahllosen Ausnutzung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Ich beziehe mich auf die Gesamtheit der Schöpfung. Wir sind als Men­schen nicht bloß Nutznießer, sondern Hüter der anderen Geschöpfe. Durch unsere Leiblichkeit hat Gott uns so eng mit der Welt, die uns umgibt, verbunden, dass die Desertifikation des Bodens so etwas wie eine Krankheit für jeden Einzelnen ist, und wir können das Aussterben einer Art be­klagen, als wäre es eine Verstümmelung. Lassen wir nicht zu, dass an unserem Weg Zeichen der Zerstörung und des Todes zurückbleiben, die unserem Leben und dem der kommenden Gene­rationen schaden.177 In diesem Sinne mache ich mir die schöne und prophetische Klage zu Eigen, die vor einigen Jahren die Bischöfe der Philippi­

177 Vgl. Propositio 56.
nen geäußert haben: »Eine unglaubliche Vielfalt von Insekten lebte im Wald, und sie waren mit jeder Art von eigenen Aufgaben betraut […] Die Vögel flogen in der Luft, ihre glänzenden Federn und ihre verschiedenen Gesänge ergänzten das Grün der Wälder mit Farbe und Melodien […] Gott wollte diese Erde für uns, seine besonderen Geschöpfe, aber nicht, damit wir sie zerstören und in eine Wüstenlandschaft verwandeln könn­ten […] Nach einer einzigen Regennacht schau auf die schokoladen-braunen Flüsse in deiner Umgebung und erinnere dich, dass sie das leben­dige Blut der Erde zum Meer tragen […] Wie können die Fische in Abwasserkanälen wie dem Pasig und vielen anderen Flüssen schwimmen, die wir verseucht haben? Wer hat die wunderba­re Meereswelt in leb- und farblose Unterwasser-Friedhöfe verwandelt?«178
216.
Klein aber stark in der Liebe Gottes wie der heilige Franziskus, sind wir als Christen alle berufen, uns der Schwäche des Volkes und der Welt, in der wir leben, anzunehmen.

III.
Das Gemeingut und der soziale Frieden

217.
Wir haben ausgiebig über die Freude und über die Liebe gesprochen; das Wort Gottes er­

178 Catholic Bishops’ Conference of the Philippines, Pastoralbrief What is Happening to our Beuatiful Land? (29. Januar 1988).
wähnt aber ebenso die Frucht des Friedens (vgl. Gal 5, 22).
218.
Der soziale Frieden kann nicht als Irenis­mus oder als eine bloße Abwesenheit von Gewalt verstanden werden, die durch die Herrschaft eines Teils der Gesellschaft über die anderen erreicht wird. Auch wäre es ein falscher Friede, wenn
er als Vorwand diente, um eine Gesellschafts­struktur zu rechtfertigen, welche die Armen zum Schweigen bringt oder ruhig stellt. Dann könn­ten die Wohlhabenden ihren Lebensstil seelen­ruhig weiter führen, während die anderen sich durchschlagen müssten, so gut wie es eben geht. Die sozialen Forderungen, die mit der Verteilung der Einkommen, der sozialen Einbeziehung der Armen und den Menschenrechten zusammen­hängen, dürfen nicht unter dem Vorwand zum Schweigen gebracht werden, einen Konsens auf dem Papier zu haben oder einen oberflächlichen Frieden für eine glückliche Minderheit zu schaf­fen. Die Würde des Menschen und das Gemein­gut gelten mehr als das Wohlbefinden einiger, die nicht auf ihre Privilegien verzichten wollen. Wenn jene Werte bedroht sind, muss eine pro­phetische Stimme erhoben werden.

219.
Ebenso besteht der Friede »nicht einfach im Schweigen der Waffen, nicht einfach im im­mer schwankenden Gleichgewicht der Kräfte. Er muss Tag für Tag aufgebaut werden mit dem Ziel einer von Gott gewollten Ordnung, die eine voll­kommenere Gerechtigkeit unter den Menschen herbeiführt«.179 Letztendlich hat ein Friede, der nicht Frucht der Entwicklung der gesamten Ge­sellschaft ist, nur wenig Zukunft. Immer werden neue Konflikte und verschiedene Formen der Gewalt gesät werden.

220.
In jeder Nation entfalten die Einwohner die soziale Komponente ihres Lebens, indem sie sich als verantwortliche Bürger im Schoß eines Volkes verhalten und nicht als Masse, die sich von herrschenden Kräften treiben lässt. Denken wir daran, dass »die verantwortliche Wahrneh­mung der Bürgerpflicht eine Tugend ist und die Teilnahme am politischen Leben eine moralische Verpflichtung bedeutet«.180 Um ein Volk zu wer­den braucht es allerdings etwas mehr. Es ist ein fortschreitender Prozess, an dem sich jede neue Generation beteiligen muss. Es ist eine langsa­me und anstrengende Aufgabe, die verlangt, dass wir uns integrieren und bereit sind, geradezu eine Kultur der Begegnung in einer vielgestaltigen Harmonie zu entfalten lernen.

221.
Um mit dem Aufbau eines Volkes in Frieden, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit fort­zuschreiten, gibt es vier Prinzipien, die mit den bipolaren Spannungen zusammenhängen, die in jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit vorkom­

179 Paul VI., Enzykliky Populorum Progressio (26. März 1967), 76: AAS 59 (1967), 294-295.
180 United States Conference of Catholic Bishops, Pastoralbrief Forming Consciences for Faithful Citizenship (2007), 13.
men. Diese leiten sich von den Grundpfeilern der kirchlichen Soziallehre (Menschenwürde, Gemeinwohl, Subsidiarität, Solidarität) her, die als »das erste und grundlegende Bezugssystem für die Interpretation und Bewertung der gesell­schaftlichen Entscheidungen«181 dienen. Im Licht dessen möchte ich jetzt diese vier spezifischen Prinzipien vorstellen, welche die Entwicklung des sozialen Zusammenlebens und den Aufbau eines Volkes leiten, wo die Verschiedenheiten sich in einem gemeinsamen Vorhaben harmoni­sieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Anwen­dung dieser Prinzipien in jeder Nation und auf der ganzen Welt ein echter Weg zum Frieden hin sein kann.
Die Zeit ist mehr wert als der Raum
222.
Es gibt eine bipolare Spannung zwischen der Fülle und der Beschränkung. Die Fülle weckt den Willen, sie ganz zu besitzen, während die Beschränkung uns wie eine vor uns aufgerichtete Wand erscheint. Die „Zeit”, im weiteren Sinne, steht in Beziehung zur Fülle, und zwar als Aus­druck für den Horizont, der sich vor uns auftut. Zugleich ist der aktuelle Augenblick ein Aus­druck für die Beschränkung, die man in einem begrenzten Raum lebt. Die Bürger leben in der Spannung zwischen dem Auf und Ab des Au­genblicks und dem Licht der Zeit, dem größeren

181 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 161.
Horizont, der Utopie, die uns für die Zukunft öffnet, die uns als letzter Grund an sich zieht. Daraus ergibt sich ein erstes Prinzip, um beim Aufbau eines Volkes voranzuschreiten: Die Zeit ist mehr wert als der Raum.
223.
Dieses Prinzip erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Es hilft uns, schwierige und widrige Situationen mit Geduld zu ertragen oder Änderungen bei unseren Vorhaben hinzu­nehmen, die uns die Dynamik der Wirklichkeit auferlegt. Es lädt uns ein, die Spannung zwischen Fülle und Beschränkung anzunehmen, indem wir der Zeit die Priorität einräumen. Eine der Sün­den, die wir gelegentlich in der sozialpolitischen Tätigkeit beobachten, besteht darin, dem Raum gegenüber der Zeit und den Abläufen Vorrang zu geben. Dem Raum Vorrang geben bedeutet sich vormachen, alles in der Gegenwart gelöst zu haben und alle Räume der Macht und der Selbstbestätigung in Besitz nehmen zu wollen. Damit werden die Prozesse eingefroren. Man beansprucht, sie aufzuhalten. Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Pro­zesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen. Die Zeit bestimmt die Räume, macht sie hell und ver­wandelt sie in Glieder einer sich stetig ausdeh­nenden Kette, ohne Rückschritt. Es geht darum, Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und Menschen so­wie Gruppen einbeziehen, welche diese voran­treiben, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringt. Dies geschehe ohne Ängstlichkeit, sondern mit klaren Überzeugun­gen und mit Entschlossenheit.

224.
Bisweilen frage ich mich, wer diese sind, die sich in der heutigen Welt wirklich dafür ein­setzen, Prozesse in Gang zu bringen, die ein Volk aufbauen; nicht, um unmittelbare Ergebnisse zu erhalten, die einen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen, aber nicht die menschliche Fülle aufbauen. Die Geschichte wird die letzteren vielleicht nach jenem Kriteri­um beurteilen, das Romano Guardini dargelegt hat: »Der Maßstab, an welchem eine Zeit allein gerecht gemessen werden kann, ist die Frage, wie weit in ihr, nach ihrer Eigenart und Möglichkeit, die Fülle der menschlichen Existenz sich entfaltet und zu echter Sinngebung gelangt«.182

225.
Dieses Kriterium lässt sich auch gut auf die Evangelisierung anwenden, die uns dazu aufruft, den größeren Horizont im Auge zu be­halten und die geeigneten Prozesse mit langem Atem anzugehen. Der Herr selbst hat in seinem Leben auf dieser Erde seine Jünger oft darauf aufmerksam gemacht, dass es Ereignisse geben werde, die sie noch nicht verstehen könnten, dass sie aber auf den Heiligen Geist warten sollten (vgl. Joh 16, 12-13). Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen (vgl. Mt 13, 24-30) veranschaulicht einen wichtigen Aspekt der Evangelisierung. Es

182 Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 30-31.
zeigt uns, wie der Feind den Raum des Gottes­reiches besetzen kann und Schaden mit dem Un­kraut anrichtet. Er wird aber durch die Güte des Weizens besiegt, was mit der Zeit offenbar wird.
Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt
226.
Der Konflikt darf nicht ignoriert oder beschönigt werden. Man muss sich ihm stellen. Aber wenn wir uns in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, unsere Horizonte werden kleiner, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. Wenn wir im Auf und Ab der Konflikte verhar­ren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit.

227.
Wenn ein Konflikt entsteht, schauen eini­ge nur zu und gehen ihre Wege, als ob nichts pas­siert wäre. Andere gehen in einer Weise darauf ein, dass sie zu seinen Gefangenen werden, ih­ren Horizont einbüßen und auf die Institutionen ihre eigene Konfusion und Unzufriedenheit pro­jezieren. Damit wird die Einheit unmöglich. Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit, und dies ist der beste Weg, dem Konflikt zu begegnen. Es ist die Bereitschaft, den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen. »Selig, die Frieden stiften« (Mt 5, 9).

228.
Auf diese Weise wird es möglich sein, dass sich aus dem Streit eine Gemeinschaft ent­wickelt. Das kann aber nur durch die großen Per­sönlichkeiten geschehen, die sich aufschwingen, über die Ebene des Konflikts hinauszugehen und den anderen in seiner tiefgründigsten Würde zu sehen. Dazu ist es notwendig, sich auf ein Prin­zip zu berufen, das zum Aufbau einer sozialen Freundschaft unabdingbar ist, und dieses lautet: Die Einheit steht über dem Konflikt. Die Solida­rität, verstanden in ihrem tiefsten und am meis-ten herausfordernden Sinn, wird zu einer Wei­se, Geschichte in einem lebendigen Umfeld zu schreiben, wo die Konflikte, die Spannungen und die Gegensätze zu einer vielgestaltigen Einheit führen können, die neues Leben hervorbringt. Es geht nicht darum, für einen Synkretismus ein­zutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren, sondern es geht um eine Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält.

229.
Dieses Kriterium aus dem Evangelium er­innert uns daran, dass Jesus alles in sich vereint hat, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Zeit und Ewigkeit, Fleisch und Geist, Person und Gesellschaft. Das Merkmal dieser Einheit und Versöhnung aller Dinge in ihm ist der Friede. Christus »ist unser Friede« (Eph 2,14). Die Bot­schaft des Evangeliums beginnt immer mit dem Friedensgruß, und der Friede krönt und festigt in jedem Augenblick die Beziehungen zwischen den Jüngern. Der Friede ist möglich, weil der Herr die Welt und ihre beständige Konfliktgela­denheit überwunden hat. Der Herr ist es ja, »der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (Kol 1,20). Wenn wir uns diese biblischen Texte aber genau anschauen, werden wir eines feststel­len müssen: Der erste Bereich, wo wir aufgerufen werden, diese Befriedung in der Verschiedenheit zu vollziehen, ist unsere eigene Innerlichkeit, un­ser eigenes Leben, das immer von einer dialekti­schen Zersplitterung bedroht ist.183 Mit Herzen, die in tausend Stücke zerbrochen sind, wird es schwer sein, einen authentischen sozialen Frie­den aufzubauen.

230.
Die Botschaft des Friedens ist nicht die ei­nes ausgehandelten Friedens, sondern erwächst aus der Überzeugung, dass die Einheit, die vom Heiligen Geist kommt, alle Unterschiede in Einklang bringen kann. Sie überwindet jeden Konflikt in einer neuen und verheißungsvollen Synthese. Die Verschiedenheit ist schön, wenn sie es annimmt, beständig in einen Prozess der Versöhnung einzutreten, und sogar eine Art Kul­turvertrag zu schließen, der zu einer »versöhn­ten Verschiedenheit« führt, wie es die Bischöfe des Kongo formuliert haben: »Die Vielfalt der Ethnien ist unser Reichtum [...] Nur in Einheit, durch die Umkehr der Herzen und durch die Versöhnung, können wir dazu beitragen, dass unser Land weiterkommt«.184

183 Vgl. I. Quiles, S.I., Filosofía de la educación personalista, Buenos Aires, 1981, 46-53.
184 Comité permanent de la Conférence Episcopale Nationale du Congo, Message sur la situation sécuritaire dans le pays (5. Dezember 2012), 11.
Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee
231.
Es gibt auch eine bipolare Spannung zwi­schen der Idee und der Wirklichkeit. Die Wirk­lichkeit ist etwas, das einfach existiert, die Idee wird erarbeitet. Zwischen den beiden muss ein ständiger Dialog hergestellt und so vermieden werden, dass die Idee sich schließlich von der Wirklichkeit löst. Es ist gefährlich, im Reich allein des Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben. Daraus folgt, dass ein drittes Prinzip postuliert werden muss: Die Wirklichkeit steht über der Idee. Das schließt ein, verschiedene Formen der Verschleierung der Wirklichkeit zu vermeiden: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten No­minalismen, die mehr formalen als realen Pro­jekte, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.

232.
Die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dient dazu, die Wirklichkeit zu erfassen, zu ver­stehen und zu lenken. Die von der Wirklichkeit losgelöste Idee ruft wirkungslose Idealismen und Nominalismen hervor, die höchstens klassifizie­ren oder definieren, aber kein persönliches En­gagement hervorrufen. Was ein solches Enga­gement auslöst, ist die durch die Argumentation erhellte Wirklichkeit. Man muss vom formalen Nominalismus zur harmonischen Objektivität übergehen. Andernfalls wird die Wahrheit mani­puliert, so wie man die Körperpflege durch Kos­metik ersetzt.185 Es gibt Politiker – und auch re­ligiöse Führungskräfte –, die sich fragen, warum das Volk sie nicht versteht und ihnen nicht folgt, wenn doch ihre Vorschläge so logisch und klar sind. Wahrscheinlich ist das so, weil sie sich im Reich der reinen Ideen aufhalten und die Politik oder den Glauben auf die Rhetorik beschränkt haben. Andere haben die Einfachheit vergessen und von außen eine Rationalität importiert, die den Leuten fremd ist.

233.
Die Wirklichkeit steht über der Idee. Die­ses Kriterium ist verbunden mit der Inkarnation des Wortes und seiner Umsetzung in die Pra­xis: »Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott« (1 Joh 4,2). Das Krite­rium der Wirklichkeit – eines Wortes, das bereits Fleisch angenommen hat und stets versucht, sich zu „inkarnieren“ – ist wesentlich für die Evange­lisierung. Es bringt uns einerseits dazu, die Ge­schichte der Kirche als Heilsgeschichte zur Gel­tung zu bringen, unserer Heiligen zu gedenken, die das Evangelium im Leben unserer Völker inkulturiert haben, die reiche zweitausendjährige Tradition der Kirche aufzunehmen, ohne uns an­zumaßen, eine von diesem Schatz getrennte Leh­re zu entwickeln, als wollten wir das Evangelium erfinden. Andererseits drängt uns dieses Kriteri­um, das Wort in die Tat umzusetzen, Werke der

185 Vgl. Platon, Gorgias, 465.
Gerechtigkeit und Liebe zu vollbringen, in denen dieses Wort fruchtbar ist. Das Wort nicht in die Praxis umzusetzen, es nicht in die Wirklichkeit zu führen bedeutet, auf Sand zu bauen, in der reinen Idee verhaftet zu bleiben und in Formen von Innerlichkeitskult und Gnostizismus zu ver­fallen, die keine Frucht bringen und die Dynamik des Wortes zur Sterilität verurteilen.
Das Ganze ist dem Teil übergeordnet
234.
Auch zwischen der Globalisierung und der Lokalisierung entsteht eine Spannung. Man muss auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche Kleinlichkeit zu fallen. Zugleich ist es nicht angebracht, das, was ortsgebunden ist und uns mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität bleiben lässt, aus dem Auge zu verlieren. Wenn die Pole miteinander vereint sind, verhin­dern sie, in eines der beiden Extreme zu fallen: das eine, dass die Bürger in einem abstrakten und globalisierenden Universalismus leben, als an­gepasste Passagiere im letzten Waggon, die mit offenem Mund und programmiertem Applaus das Feuerwerk der Welt bewundern, das anderen gehört; das andere, dass sie ein folkloristisches Museum ortsbezogener Eremiten werden, die dazu verurteilt sind, immer dieselben Dinge zu wiederholen, unfähig, sich von dem, was anders ist, hinterfragen zu lassen und die Schönheit zu bewundern, die Gott außerhalb ihrer Grenzen verbreitet.

235.
Das Ganze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte Sondersituationen betreffen, sondern muss immer den Blick ausweiten, um ein grö­ßeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben. Es ist notwendig, die Wurzeln in den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des ei­genen Ortes, die ein Geschenk Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch mit einer weiteren Perspektive. Eben­so geschieht es mit einem Menschen, der seine persönliche Eigenheit bewahrt und seine Iden­tität nicht verbirgt, wenn er sich von Herzen in eine Gemeinschaft einfügt: Er gibt sich nicht auf, sondern empfängt immer neue Anregungen für seine eigene Entwicklung. Es ist weder die glo­bale Sphäre, die vernichtet, noch die isolierte Be­sonderheit, die unfruchtbar macht.

236.
Das Modell ist nicht die Kugel, die den Teilen nicht übergeordnet ist, wo jeder Punkt gleich weit vom Zentrum entfernt ist und es kei­ne Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Punkt gibt. Das Modell ist das Polyeder, welches das Zusammentreffen aller Teile wieder­gibt, die in ihm ihre Eigenart bewahren. Sowohl das pastorale als auch das politische Handeln sucht in diesem Polyeder das Beste jedes Einzel­nen zu sammeln. Dort sind die Armen mit ihrer Kultur, ihren Plänen und ihren eigenen Möglich­keiten eingegliedert. Sogar die Menschen, die we­gen ihrer Fehler kritisiert werden können, haben etwas beizutragen, das nicht verloren gehen darf. Es ist der Zusammenschluss der Völker, die in der Weltordnung ihre Besonderheit bewahren; es ist die Gesamtheit der Menschen in einer Gesell­schaft, die ein Gemeinwohl sucht, das wirklich alle einschließt.

237.
Uns Christen sagt dieses Prinzip auch et­was über das Ganze oder die Vollständigkeit des Evangeliums, das die Kirche uns übermittelt und das zu predigen sie uns sendet. Sein vollkomme­ner Reichtum schließt alle ein: Akademiker und Arbeiter, Unternehmer und Künstler, alle. Die „Volksmystik“ nimmt auf ihre Weise das ganze Evangelium auf und lässt es Gestalt annehmen, indem sie ihm in Formen des Gebetes, der Brü­derlichkeit, der Gerechtigkeit, des Kampfes und des Festes Ausdruck verleiht. Die Frohe Bot­schaft ist die Freude eines Vaters, der nicht will, dass auch nur einer seiner Kleinen verloren geht. So bricht die Freude im Guten Hirten auf, der dem verlorenen Schaf begegnet und es in den Schafstall zurückbringt. Das Evangelium ist ein Sauerteig, der die gesamte Masse fermentiert, und eine Stadt, die hoch auf dem Berg erstrahlt und allen Völkern Licht bringt. Das Evangelium besitzt ein ihm innewohnendes Kriterium der Vollständigkeit: Es hört nicht auf, Frohe Bot­schaft zu sein, solange es nicht allen verkündet ist, solange es nicht alle Dimensionen des Men­schen befruchtet und heilt und solange es nicht alle Menschen beim Mahl des Gottesreiches ver­eint. Das Ganze ist dem Teil übergeordnet.

IV.
Der soziale Dialog
als Beitrag zum Frieden

238.
Die Evangelisierung schließt auch einen Weg des Dialogs ein. Für die Kirche gibt es in dieser Zeit besonders drei Bereiche des Dialogs, in denen sie präsent sein muss, um einen Dienst zugunsten der vollkommenen Entwicklung des Menschen zu leisten und das Gemeinwohl zu ver­folgen: im Dialog mit den Staaten, im Dialog mit der Gesellschaft – der den Dialog mit den Kul­turen und den Wissenschaften einschließt – und im Dialog mit anderen Glaubenden, die nicht zur katholischen Kirche gehören. In allen diesen Fäl­len »spricht die Kirche von dem Licht her, das ihr der Glaube schenkt«,186 bringt ihre Erfahrung aus zwei Jahrtausenden ein und bewahrt immer das Leben und Leiden der Menschen im Gedächt­nis. Das geht über den menschlichen Verstand hinaus, hat aber auch eine Bedeutung, die jene bereichern kann, die nicht glauben, und die die Vernunft einlädt, ihre Perspektiven zu erweitern.

239.
Die Kirche verkündet »das Evangelium vom Frieden« (Eph 6,15) und ist für die Zusam­menarbeit mit allen nationalen und internatio­nalen Autoritäten offen, um für dieses so große

186 Benedikt XVI., Ansprache an die Römische Kurie (21. Dezember 2012): AAS 105 (2013), 51.
universale Gut Sorge zu tragen. Mit der Verkün­digung Jesu Christi, der der Friede selbst ist (vgl. Eph 2,14), spornt die neue Evangelisierung jeden Getauften an, ein Werkzeug der Befriedung und ein glaubwürdiges Zeugnis eines versöhnten Le­bens zu sein.187 Es ist Zeit, in Erfahrung zu brin­gen, wie man in einer Kultur, die den Dialog als Form der Begegnung bevorzugt, die Suche nach Einvernehmen und Übereinkünften planen kann, ohne sie jedoch von der Sorge um eine gerechte Gesellschaft zu trennen, die erinnerungsfähig ist und niemanden ausschließt. Der hauptsächliche Urheber und der historische Träger dieses Pro­zesses sind die Menschen und ihre Kultur, nicht eine Klasse, eine Fraktion, eine Gruppe, eine Eli­te. Wir brauchen keinen Plan einiger weniger für einige wenige, oder einer erleuchteten bzw. stell­vertretenden Minderheit, die sich ein Kollektiv-empfinden aneignet. Es geht um ein Abkommen für das Zusammenleben, um eine gesellschaftli­che und kulturelle Übereinkunft.
240.
Dem Staat obliegt die Pflege und die För­derung des Gemeinwohls der Gesellschaft.188 Auf der Grundlage der Prinzipien der Subsidia­rität und der Solidarität sowie mit einem beacht­lichen Engagement im politischen Dialog und in der Konsensbildung spielt er eine fundamentale

187 Vgl. Propositio 14.
188 Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, 1910. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 168.
und nicht übertragbare Rolle in der Verfolgung der ganzheitlichen Entwicklung aller. Diese Rol­le erfordert unter den aktuellen Gegebenheiten eine tiefe soziale Demut.
241.
Im Dialog mit dem Staat und der Gesell­schaft verfügt die Kirche nicht über Lösungen für alle Detailfragen. Dennoch begleitet sie ge­meinsam mit den verschiedenen gesellschaftli­chen Kräften die Vorschläge, die der Würde der Person und dem Gemeinwohl am besten ent­sprechen können. Dabei weist sie stets mit aller Klarheit auf die Grundwerte des menschlichen Lebens hin, um Überzeugungen zu vermitteln, die dann in politisches Handeln umgesetzt wer­den können.

Der Dialog zwischen Glaube, Vernunft und den Wissen­schaften
242.
Auch der Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube ist Teil des evangelisierenden Han­delns, das den Frieden fördert.189 Der Szientis­mus und der Positivismus weigern sich, »neben den Erkenntnisformen der positiven Wissen­schaften andere Weisen der Erkenntnis als gültig zuzulassen«.190 Die Kirche schlägt einen anderen Weg vor, der eine Synthese verlangt zwischen einem verantwortlichen Gebrauch der besonde­

189 Vgl. Propositio 54.
190 Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 88: AAS 91 (1999), 74.
ren Methoden der empirischen Wissenschaften und den anderen Lehren wie der Philosophie, der Theologie und dem Glauben selbst, der den Menschen bis zum Mysterium erhebt, das die Natur und die menschliche Intelligenz übersteigt. Der Glaube hat keine Angst vor der Vernunft; im Gegenteil, er sucht sie und vertraut ihr, denn »das Licht der Vernunft und das des Glaubens kommen beide von Gott«191 und können daher einander nicht widersprechen. Die Evangeli­sierung achtet auf die wissenschaftlichen Fort­schritte, um sie mit dem Licht des Glaubens und des Naturrechts zu erleuchten, damit sie immer die Zentralität und den höchsten Wert des Men­schen in allen Phasen seines Lebens respektieren. Die gesamte Gesellschaft kann bereichert wer­den dank diesem Dialog, der dem Denken neue Horizonte öffnet und die Möglichkeiten der Ver­nunft erweitert. Auch das ist ein Weg der Har­monie und der Befriedung.
243.
Die Kirche verlangt nicht, den bewun­dernswerten Fortschritt der Wissenschaften an­zuhalten. Im Gegenteil, sie freut sich und findet sogar Gefallen daran, da sie die enorme Leis-tungsfähigkeit erkennt, die Gott dem menschli­chen Geist verliehen hat. Wenn die Wissenschaf­ten in akademischer Ernsthaftigkeit im Bereich

191 Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles, I, VII; vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 43: AAS 91 (1999), 39.
ihres spezifischen Gegenstands verbleiben und so im Zuge ihres Fortschritts eine bestimmte Schlussfolgerung deutlich machen, die von der Vernunft nicht verneint werden kann, wider­spricht der Glaube diesem Ergebnis nicht. Die Glaubenden können ebenso wenig beanspru­chen, dass eine ihnen angenehme wissenschaft­liche Meinung, die nicht einmal ausreichend be­wiesen ist, das Gewicht eines Glaubensdogmas gewinnt. Bei manchen Gelegenheiten gehen aber einige Wissenschaftler über den formalen Gegenstand ihrer Disziplin hinaus und über­nehmen sich mit Behauptungen oder Schlussfol­gerungen, die den eigentlich wissenschaftlichen Bereich überschreiten. In einem solchen Fall ist es nicht die Vernunft, die da vorgeschlagen wird, sondern eine bestimmte Ideologie, die einem echten, friedlichen und fruchtbaren Dialog den Weg versperrt.
Der ökumenische Dialog
244.
Das ökumenische Engagement entspricht dem Gebet Jesu, des Herrn, der darum bittet, dass »Alle eins sein« sollen (Joh 17,21). Die Glaubwür­digkeit der christlichen Verkündigung wäre sehr viel größer, wenn die Christen ihre Spaltungen überwinden würden und die Kirche erreichen könnte, »dass sie die ihr eigene Fülle der Katho­lizität in jenen Söhnen wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind«.192 Wir müssen uns immer daran erinnern, dass wir Pilger sind und dass wir gemeinsam pilgern. Da­für soll man das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen, und vor allem auf das schauen, was wir suchen: den Frieden im Angesicht des einen Gottes. Sich dem anderen anvertrauen ist etwas „Selbstge­machtes“. Der Friede ist selbstgemacht. Jesus hat uns gesagt: »Selig, die Frieden herstellen« (vgl. Mt 5,9). In diesem Einsatz erfüllt sich auch unter uns die alte Weissagung: »Dann schmieden sie Pflug­scharen aus ihren Schwertern« (Jes 2,4).

245.
In diesem Licht ist die Ökumene ein Bei­trag zur Einheit der Menschheitsfamilie. Die Anwesenheit Seiner Heiligkeit Bartholomäus I., des Patriarchen von Konstantinopel, und Sei­ner Gnaden Rowan Douglas Williams, des Erz­bischofs von Canterbury in der Synode193 war ein echtes Geschenk Gottes und ein wertvolles christliches Zeugnis.

246.
Angesichts der Gewichtigkeit, die das Ne­gativ-Zeugnis der Spaltung unter den Christen besonders in Asien und Afrika hat, wird die Su­che nach Wegen zur Einheit dringend. Die Mis­sionare in jenen Kontinenten sprechen immer wieder von den Kritiken, Klagen und dem Spott,

192 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 4.
193 Vgl. Propositio 52.
der ihnen aufgrund des Skandals der Spaltungen unter den Christen begegnet. Wenn wir uns auf die Überzeugungen konzentrieren, die uns ver­binden, und uns an das Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten erinnern, werden wir rasch auf gemeinsame Formen der Verkündigung, des Dienstes und des Zeugnisses zugehen können. Die riesige Menge derer, die die Verkündigung Jesu Christi nicht angenommen haben, kann uns nicht gleichgültig lassen. Daher ist der Einsatz für eine Einheit, die die Annahme Jesu Christi erleichtert, nicht länger bloße Diplomatie oder eine erzwungene Pflichterfüllung und verwandelt sich in einen unumgänglichen Weg der Evangeli­sierung. Die Zeichen der Spaltung unter Christen in Ländern, die bereits von der Gewalt zerrissen sind, fügen weiteren Konfliktstoff von Seiten de­rer hinzu, die ein aktives Ferment des Friedens sein müssten. So zahlreich und so kostbar sind die Dinge, die uns verbinden! Und wenn wir wirklich an das freie und großherzige Handeln des Geistes glauben, wie viele Dinge können wir voneinander lernen! Es handelt sich nicht nur darum, Informationen über die anderen zu er­halten, um sie besser kennen zu lernen, sondern darum, das, was der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist. Um nur ein Beispiel zu geben: Im Dialog mit den orthodoxen Brüdern haben wir Katholiken die Möglichkeit, etwas mehr über die Bedeutung der bischöflichen Kollegialität und über ihre Erfahrung der Synodalität zu lernen. Durch einen Austausch der Gaben kann der Geist uns immer mehr zur Wahrheit und zum Guten führen.
Die Beziehungen zum Judentum
247.
Ein ganz besonderer Blick ist auf das jü­dische Volk gerichtet, dessen Bund mit Gott nie­mals aufgehoben wurde, denn »unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt« (Röm 11,29). Die Kirche, die mit dem Judentum einen wichtigen Teil der Heiligen Schrift gemein­sam hat, betrachtet das Volk des Bundes und sei­nen Glauben als eine heilige Wurzel der eigenen christlichen Identität (vgl. Röm 11,16-18). Als Christen können wir das Judentum nicht als eine fremde Religion ansehen, noch rechnen wir die Juden zu denen, die berufen sind, sich von den Götzen abzuwenden und sich zum wahren Gott zu bekehren (vgl. 1 Thess 1,9). Wir glauben ge­meinsam mit ihnen an den einen Gott, der in der Geschichte handelt, und nehmen mit ihnen das gemeinsame offenbarte Wort an.

248.
Der Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels gehören zum Leben der Jünger Jesu. Die Zuneigung, die sich entwickelt hat, lässt uns die schrecklichen Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren und sind, aufrichtig und bitter bedauern, besonders, wenn Christen darin verwickelt waren und sind.

249.
Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes und lässt einen Weisheitsschatz entste­hen, der aus der Begegnung mit dem göttlichen Wort entspringt. Darum ist es auch für die Kir­che eine Bereicherung, wenn sie die Werte des Judentums aufnimmt. Obwohl einige christliche Überzeugungen für das Judentum unannehm­bar sind und die Kirche nicht darauf verzichten kann, Jesus als den Herrn und Messias zu ver­künden, besteht eine reiche Komplementarität, die uns erlaubt, die Texte der hebräischen Bi­bel gemeinsam zu lesen und uns gegenseitig zu helfen, die Reichtümer des Wortes Gottes zu ergründen sowie viele ethische Überzeugungen und die gemeinsame Sorge um die Gerechtigkeit und die Entwicklung der Völker miteinander zu teilen.

Der interreligiöse Dialog
250.
Eine Haltung der Offenheit in der Wahr­heit und in der Liebe muss den interreligiösen Dialog mit den Angehörigen der nicht christli­chen Religionen kennzeichnen, trotz der ver­schiedenen Hindernisse und Schwierigkeiten, besonders der Fundamentalismen auf beiden Seiten. Dieser interreligiöse Dialog ist eine not­wendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist zuallererst ein Dialog des Lebens bzw. bedeutet einfach, wie es die Bischöfe Indiens vorschlagen, »ihnen gegenüber offen zu sein und dabei ihre Freuden und Leiden zu teilen«.194 So lernen wir auch, die anderen in ihrem Anders­sein, Andersdenken und in ihrer anderen Art, sich auszudrücken, anzunehmen. Von hier aus können wir gemeinsam die Verpflichtung über­nehmen, der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen, was zu einem grundlegenden Maßstab eines jeden Austauschs werden muss. Ein Dia­log, in dem es um den sozialen Frieden und die Gerechtigkeit geht, wird über das bloß Pragma­tische hinaus von sich aus zu einem ethischen Einsatz, der neue soziale Bedingungen schafft. Das Mühen um ein bestimmtes Thema kann zu einem Prozess werden, in dem durch das Hören auf den anderen beide Seiten Reinigung und Be­reicherung empfangen. Daher kann dieses Mü­hen auch die Liebe zur Wahrheit bedeuten.

251.
Bei diesem Dialog, der stets freundlich und herzlich ist, darf niemals die wesentliche Bindung zwischen Dialog und Verkündigung vernachlässigt werden, die die Kirche dazu bringt, die Beziehungen zu den Nicht-Christen aufrecht zu erhalten und zu intensivieren.195 Ein versöhn­licher Synkretismus wäre im Grunde ein Totali­tarismus derer, die sich anmaßen, Versöhnung zu bringen, indem sie von den Werten absehen, die

194 Catholic Bishops’ Conference of India, Abschlus­serklärung der XXX. Generalversammlung: The Church’s Role for a Better India (8. März 2012), 8.9.
195 Vgl. Propositio 53.
sie übersteigen und deren Eigentümer sie nicht sind. Die wahre Offenheit schließt ein, mit einer klaren und frohen Identität in den eigenen tiefs-ten Überzeugungen fest zu stehen, aber »offen [zu] sein, um die des anderen zu verstehen«, »im Wissen darum, dass der Dialog jeden bereichern kann«.196 Eine diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden, nützt uns nicht, da dies eine Art und Weise wäre, den anderen zu täuschen und ihm das Gut vorzuent­halten, das man als Gabe empfangen hat, um es großzügig zu teilen. Die Evangelisierung und der interreligiöse Dialog sind weit davon entfernt, einander entgegengesetzt zu sein, vielmehr un­terstützen und nähren sie einander.197
252.
In dieser Zeit gewinnt die Beziehung zu den Angehörigen des Islam große Bedeutung, die heute in vielen Ländern christlicher Tradition besonders gegenwärtig sind und dort ihren Kult frei ausüben und in die Gesellschaft integriert leben können. Nie darf vergessen werden, dass sie »sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzi­gen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird«.198 Die heiligen Schriften des Islam bewah­

196 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Missio (7. Dezember 1990), 56: AAS 83 (1991), 304.
197 Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Römische Kurie (21. Dezember 2012): AAS 105 (2013), 51; Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Ad gentes über die Missionstätigkeit der Kirche, 9; Katechismus der Katholischen Kirche, 856.
198 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 16.
ren Teile der christlichen Lehre; Jesus Christus und Maria sind Gegenstand tiefer Verehrung, und es ist bewundernswert zu sehen, wie junge und
alte Menschen, Frauen und Männer des Islams fähig sind, täglich dem Gebet Zeit zu widmen und an ihren religiösen Riten treu teilzunehmen. Zugleich sind viele von ihnen tief davon über­zeugt, dass das eigene Leben in seiner Gesamt­heit von Gott kommt und für Gott ist. Ebenso sehen sie die Notwendigkeit, ihm mit ethischem Einsatz und mit Barmherzigkeit gegenüber den Ärmsten zu antworten.
253.
Um den Dialog mit dem Islam zu führen, ist eine entsprechende Bildung der Gesprächs­partner unerlässlich, nicht nur damit sie fest und froh in ihrer eigenen Identität verwurzelt sind, sondern auch um fähig zu sein, die Werte der anderen anzuerkennen, die Sorgen zu verstehen, die ihren Forderungen zugrunde liegen, und die gemeinsamen Überzeugungen ans Licht zu bringen. Wir Christen müssten die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufnehmen, so wie wir hoffen und bitten, in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet zu werden. Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können. Angesichts der Zwischenfälle ei­nes gewalttätigen Fundamentalismus muss die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeine­rungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans ste­hen jeder Gewalt entgegen.

254.
Die Nichtchristen können, dank der un­geschuldeten göttlichen Initiative und wenn sie treu zu ihrem Gewissen stehen, »durch Gottes Gnade gerechtfertigt«199 und auf diese Weise »mit dem österlichen Geheimnis Christi verbunden werden«.200 Aber aufgrund der sakramentalen Dimension der heiligmachenden Gnade neigt das göttliche Handeln in ihnen dazu, Zeichen, Riten und sakrale Ausdrucksformen hervorzurufen, die ihrerseits andere in eine gemeinschaftliche Erfahrung eines Weges zu Gott einbeziehen.201 Sie haben nicht die Bedeutung und die Wirksam­keit der von Christus eingesetzten Sakramente, können aber Kanäle sein, die der Geist selber schafft, um die Nichtchristen vom atheistischen Immanentismus oder von rein individuellen reli­giösen Erfahrungen zu befreien. Derselbe Geist erweckt überall Formen praktischer Weisheit, die helfen, die Unbilden des Lebens zu ertragen und friedvoller und harmonischer zu leben. Auch wir Christen können aus diesem durch die Jahrhun­derte hindurch gefestigten Reichtum Nutzen zie­

199 Internationale Theologenkommission, Das Christen­tum und die Religionen (1996), 72: Ench. Vat. 15, Nr. 1061.
200 Ebd.
201 Vgl. ebd., 81-87: Ench. Vat. 15, Nr. 1070-1076.
hen, der uns hilfreich sein kann, unsere besonde­ren Überzeugungen besser zu leben.
Der soziale Dialog in einem Kontext religiöser Freiheit
255.
Die Synodenväter haben an die Bedeutung der Achtung der Religionsfreiheit erinnert, die als ein fundamentales Menschenrecht betrachtet wird.202 »Sie schließt die Freiheit ein, die Religion zu wählen, die man für die wahre hält, und den eigenen Glauben öffentlich zu bekunden.«203 Ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert, beinhaltet keine Privatisierung der Religionen mit der Zu­mutung, sie zum Schweigen zu bringen und auf die Verborgenheit des Gewissens jedes Einzel­nen zu beschränken oder sie ins Randdasein des geschlossenen, eingefriedeten Raums der Kir­chen, Synagogen oder Moscheen zu verbannen. Das wäre dann letztlich eine neue Form von Dis­kriminierung und Autoritarismus. Der Respekt, der den Minderheiten von Agnostikern oder Nichtglaubenden gebührt, darf nicht auf eine willkürliche Weise durchgesetzt werden, die die Überzeugungen der gläubigen Mehrheiten zum Schweigen bringt oder die Reichtümer der reli­giösen Traditionen unbeachtet lässt. Das würde

202 Vgl. Propositio 16.
203 Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente (14. September 2012), 26: AAS 104 (2012), 762.
auf lange Sicht mehr den Groll schüren als die Toleranz und den Frieden fördern.
256.
Wenn man sich nach der öffentlichen Auswirkung der Religion fragt, muss man ver­schiedene Weisen, sie zu leben, unterscheiden. Sowohl Intellektuelle als auch journalistische Kommentare fallen häufig in grobe und wenig akademische Verallgemeinerungen, wenn sie von den Fehlern der Religionen sprechen, und oft sind sie nicht imstande zu unterscheiden, dass nicht alle Glaubenden – noch alle religiösen Füh­rungskräfte – gleich sind. Einige Politiker nutzen diese Verwirrung, um diskriminierende Aktionen zu rechtfertigen. Andere Male werden Schriften verachtet, die im Bereich einer Glaubensüber­zeugung entstanden sind, und man vergisst da­bei, dass die klassischen religiösen Texte für alle Zeiten von Bedeutung sein können und eine motivierende Kraft besitzen, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht. Sie werden ver­achtet wegen ihres Mangels an rationalistischer Sichtweise. Ist es vernünftig und intelligent, sie in die Verborgenheit zu verbannen, nur weil sie im Kontext einer religiösen Überzeugung entstan­den sind? Sie tragen zutiefst humanistische Prin­zipien in sich, die einen rationalen Wert besitzen, obwohl sie von Symbolen und religiösen Lehren durchdrungen sind.

257.
Als Glaubende fühlen wir uns auch de­nen nahe, die sich nicht als Angehörige einer religiösen Tradition bekennen, aber aufrichtig nach der Wahrheit, der Güte und der Schönheit suchen, die für uns ihren maximalen Ausdruck und ihre Quelle in Gott finden. Wir empfinden sie als wertvolle Verbündete im Einsatz zur Ver­teidigung der Menschenwürde, im Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens der Völker und in der Bewahrung der Schöpfung. Ein besonderer Raum ist jener der sogenannten neuen Areopage wie der „Vorhof der Heiden“, wo »Glaubende und Nichtglaubende über die grundlegenden Themen der Ethik, der Kunst und der Wissen­schaft sowie über die Suche nach dem Trans-zendenten miteinander ins Gespräch kommen können«.204 Auch das ist ein Weg des Friedens für unsere verwundete Welt.

258.
Ausgehend von einigen sozialen Themen, die im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit wichtig sind, habe ich noch einmal versucht, die unausweichliche soziale Dimension der Verkün­digung des Evangeliums deutlich darzulegen, um alle Christen zu ermutigen, sie in ihren Worten, Verhaltensweisen und Taten immer zum Aus­druck zu bringen.

204 Propositio 55.
FÜNFTES KAPITEL
EVANGELISIERENDE MIT GEIST
259.
Evangelisierende mit Geist sind Verkün­der des Evangeliums, die sich ohne Furcht dem Handeln des Heiligen Geistes öffnen. Zu Pfings-ten ließ der Heilige Geist die Apostel aus sich selbst herausgehen und verwandelte sie in Ver­künder der Großtaten Gottes, die ein jeder in seiner Sprache zu verstehen begann. Der Heilige Geist verleiht außerdem die Kraft, die Neuheit des Evangeliums mit Freimut (parrhesía) zu ver­künden, mit lauter Stimme, zu allen Zeiten und an allen Orten, auch gegen den Strom. Rufen wir ihn heute an, fest verankert im Gebet, ohne das alles Tun ins Leere zu laufen droht und die Ver­kündigung letztlich keine Seele hat. Jesus sucht Verkünder des Evangeliums, welche die Frohe Botschaft nicht nur mit Worten verkünden, son­dern vor allem mit einem Leben, das in der Ge­genwart Gottes verwandelt wurde.

260.
In diesem letzten Kapitel werde ich keine Zusammenfassung der christlichen Spiritualität bieten, noch große Themen wie das Gebet, die eucharistische Anbetung oder die Feier des Glau­bens entfalten, über die wir bereits wertvolle Tex­te des Lehramtes und berühmte Schriften großer Autoren haben. Ich beanspruche nicht, solchen Reichtum zu ersetzen oder zu übertreffen. Ich möchte einfach einige Überlegungen zum Geist der neuen Evangelisierung darlegen.

261.
Wenn man sagt, etwas »hat Geist«, meint man damit für gewöhnlich innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Han­deln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen. Eine Evangelisierung mit Geist unterscheidet sich sehr von einer Ansammlung von Aufgaben, die als eine drückende Verpflich­tung erlebt werden, die man bloß toleriert oder auf sich nimmt als etwas, das den eigenen Neigungen und Wünschen widerspricht. Wie wünschte ich die richtigen Worte zu finden, um zu einer Etappe der Evangelisierung zu ermutigen, die mehr Eifer, Freude, Großzügigkeit, Kühnheit aufweist, die ganz von Liebe erfüllt ist und von einem Leben, das ansteckend wirkt! Aber ich weiß, dass keine Motivation ausreichen wird, wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt. Eine Evangelisierung mit Geist ist letztlich eine Evan­gelisierung mit dem Heiligen Geist, denn er ist die Seele der missionarischen Kirche. Bevor ich einige Motivationen und spirituelle Anregungen gebe, rufe ich einmal mehr den Heiligen Geist an; ich bitte ihn, zu kommen und die Kirche zu er­neuern, aufzurütteln, anzutreiben, dass sie kühn aus sich herausgeht, um allen Völkern das Evan­gelium zu verkünden.

I.
Motivationen für einen neuen missionari­schen Schwung

262.
Evangelisierende mit Geist sind Verkün­der des Evangeliums, die beten und arbeiten. Vom Gesichtspunkt der Evangelisierung aus nützen weder mystische Angebote ohne ein star­kes soziales und missionarisches Engagement noch soziales oder pastorales Reden und Han­deln ohne eine Spiritualität, die das Herz verwan­delt. Diese aufspaltenden Teilangebote erreichen nur kleine Gruppen und haben keine weitrei­chende Durchschlagskraft, da sie das Evangeli­um verstümmeln. Immer ist es notwendig, einen inneren Raum zu pflegen, der dem Engagement und der Tätigkeit einen christlichen Sinn ver­leiht.205 Ohne längere Zeiten der Anbetung, der betenden Begegnung mit dem Wort Gottes, des aufrichtigen Gesprächs mit dem Herrn verlieren die Aufgaben leicht ihren Sinn, werden wir vor Müdigkeit und Schwierigkeiten schwächer und erlischt der Eifer. Die Kirche braucht dringend die Lunge des Gebets, und ich freue mich sehr, dass in allen kirchlichen Einrichtungen die Ge­betsgruppen, die Gruppen des Fürbittgebets und der betenden Schriftlesung sowie die ewige eucharistische Anbetung mehr werden. Zugleich »gilt [es], die Versuchung einer intimistischen und individualistischen Spiritualität zurückzuweisen, die sich nicht nur mit den Forderungen der Lie­be, sondern auch mit der Logik der Inkarnation […] schwer in Einklang bringe ließe.«206 Es be­steht die Gefahr, dass einige Zeiten des Gebets zur Ausrede werden, sein Leben nicht der Mis­

205 Vgl. Propositio, 36.
206 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte (6. Januar 2011), 52: AAS 93 (2001), 304.
sion zu widmen, denn die Privatisierung des Le­bensstils kann die Christen dazu führen, zu einer falschen Spiritualität Zuflucht zu nehmen.
263.
Es ist förderlich, sich an die ersten Chris-ten und die vielen Brüder und Schwestern im Laufe der Geschichte zu erinnern, die von Freu­de erfüllt und voller Mut waren, unermüdlich in der Verkündigung und fähig zu großer tätiger Ausdauer. Es gibt welche, die sich damit trösten zu sagen, dass es heute schwieriger ist; allerdings müssen wir zugeben, dass im Römischen Reich die Lage weder für die Verkündigung des Evan­geliums noch für den Kampf für die Gerechtig­keit oder die Verteidigung der Menschenwürde günstig war. Zu allen Zeiten der Geschichte gibt es die menschliche Schwachheit, die krankhafte Suche nach sich selbst, den bequemen Egois­mus und schließlich die Begierde, die uns allen auflauert. Diese gibt es immer, in der einen oder anderen Form; sie rührt mehr von den mensch­lichen Grenzen als von den Umständen her. Sagen wir also nicht, dass es heute schwieriger ist; es ist anders. Lernen wir indessen von den Heiligen, die uns vorangegangen sind und die die jeweiligen Schwierigkeiten ihrer Zeit angepackt haben. Deswegen schlage ich euch vor, dass wir einen Moment innehalten, um einige Motivatio­nen wiederzugewinnen, die uns helfen, sie heute nachzuahmen.207

207 Vgl. V. M. Fernández, Espiritualidad para la esperanza activa. Acto de apertura del I Congreso Nacional de Doctrina
Die persönliche Begegnung mit der rettenden Liebe Jesu
264.
Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verkünden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben. Aber was für eine Liebe ist das, die nicht die Notwendigkeit verspürt, darüber zu sprechen, geliebt zu sein, und dies zu zeigen und bekannt zu machen? Wenn wir nicht den innigen Wunsch verspüren, diese Liebe mitzuteilen, müssen wir im Gebet verweilen und ihn bitten, dass er uns wieder eine innere Ergriffenheit empfinden lässt. Wir müssen ihn jeden Tag anflehen, seine Gnade erbitten, dass er unser kaltes Herz aufbreche und unser laues und oberflächliches Leben aufrüttle. Wenn wir mit offenem Herzen vor ihm stehen und zulassen, dass er uns anschaut, erkennen wir diesen Blick der Liebe, den Natanael an dem Tag entdeckte, als Jesus ihm begegnete und sagte: »Ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen« (Joh 1,48). Wie schön ist es, vor einem Kreuz zu stehen oder vor dem Allerheiligsten zu knien und einfach vor seinen Augen da zu sein! Wie gut tut es uns, zuzulassen, dass er unser Leben wieder anrührt und uns antreibt, sein neues Leben mit­zuteilen! Was also geschieht, ist letztlich, dass wir das, »was wir gesehen und gehört haben, […] verkünden« (1 Joh 1,3). Die beste Motivation, sich zu entschließen, das Evangelium mitzuteilen, be­

social de la Iglésia, Rosario (Argentinien) 2011, in: UCActualidad 142, (2011), 16.
steht darin, es voll Liebe zu betrachten, auf seinen Seiten zu verweilen und es mit dem Herzen zu lesen. Wenn wir es auf diese Weise angehen, wird uns seine Schönheit in Staunen versetzen, uns wieder und wieder faszinieren. Dazu ist es notwendig, einen kontemplativen Geist wiederzu­erlangen, der uns jeden Tag neu entdecken lässt, dass wir Träger eines Gutes sind, das menschli­cher macht und hilft, ein neues Leben zu führen. Es gibt nichts Besseres, das man an die anderen weitergeben kann. ­
265.
Das ganze Leben Jesu, seine Art, mit den Armen umzugehen, seine Gesten, seine Kohä­renz, seine tägliche und schlichte Großherzig­keit und schließlich seine Ganzhingabe – alles ist wertvoll und spricht zum eigenen Leben. Sooft einer dies wieder entdeckt, ist er davon über­zeugt, dass es genau das ist, was die anderen brauchen, auch wenn sie es nicht erkennen: »Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, verkünde ich euch« (Apg 17,23). Mitunter verlieren wir die Be­geisterung für die Mission, wenn wir vergessen, dass das Evangelium auf die tiefsten Bedürfnisse der Menschen antwortet. Denn wir alle wurden für das erschaffen, was das Evangelium uns anbietet: die Freundschaft mit Jesus und die brüderliche Lie­be. Wenn es gelingt, den wesentlichen Inhalt des Evangeliums angemessen und schön zum Aus­druck zu bringen, wird diese Botschaft sicher zu den tiefsten Sehnsüchten der Herzen sprechen: »Der Missionar geht […] von der Überzeugung aus, dass sowohl bei den Einzelnen als auch bei den Völkern durch das Wirken des Geistes schon eine – wenn auch unbewusste – Erwartung da ist, die Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Weg zur Befreiung von Sünde und Tod zu erfahren. Die Begeisterung bei der Verkündi­gung Christi kommt von der Überzeugung, auf diese Erwartung antworten zu können.«208

Die Begeisterung für die Evangelisierung gründet in dieser Überzeugung. Wir haben ei­nen Schatz an Leben und Liebe, der nicht trü­gen kann, eine Botschaft, die nicht manipulieren noch enttäuschen kann. Es ist eine Antwort, die tief ins Innerste des Menschen hinab fällt und ihn stützen und erheben kann. Es ist die Wahr­heit, die nicht aus der Mode kommt, denn sie ist in der Lage, dort einzudringen, wohin nichts an­deres gelangen kann. Unsere unendliche Traurig­keit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.
266.
Diese Überzeugung aber wird von der eigenen, stets neuen Erfahrung getragen, seine Freundschaft und seine Botschaft zu genießen. Man kann eine hingebungsvolle Evangelisierung nicht mit Ausdauer betreiben, wenn man nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugt ist, dass es nicht das Gleiche ist, Jesus kennen gelernt zu haben oder ihn nicht zu kennen, dass es nicht das Gleiche ist, mit ihm zu gehen oder im Dunkeln zu tappen, dass es nicht das Gleiche ist, auf ihn

208 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 45: AAS 83 (1991), 292.
hören zu können oder sein Wort nicht zu ken­nen, dass es nicht das Gleiche ist, ihn betrachten, anbeten und in ihm ruhen zu können oder es nicht tun zu können. Es ist nicht das Gleiche, zu versuchen, die Welt mit seinem Evangelium auf­zubauen oder es nur mit dem eigenen Verstand zu tun. Wir wissen sehr wohl, dass das Leben mit ihm viel erfüllter wird und dass es mit ihm leich­ter ist, in allem einen Sinn zu finden. Deswegen verkünden wir das Evangelium. Der wahre Mis­sionar, der niemals aufhört, Jünger zu sein, weiß, dass Jesus mit ihm geht, mit ihm spricht, mit ihm atmet, mit ihm arbeitet. Er spürt, dass der leben­dige Jesus inmitten der missionarischen Arbeit bei ihm ist. Wenn einer Jesu Gegenwart nicht im Herzen des missionarischen Einsatzes selbst entdeckt, verliert er schnell die Begeisterung und hört auf, dessen sicher zu sein, was er weitergibt; es fehlt ihm an Kraft und Leidenschaft. Und ein Mensch, der nicht überzeugt, begeistert, sicher, verliebt ist, überzeugt niemanden.
267.
Mit Jesus vereint, suchen wir, was er sucht, lieben wir, was er liebt. Letztlich suchen wir die Ehre des Vaters und leben und handeln „zum Lob seiner herrlichen Gnade (Eph 1,6). Wenn wir uns rückhaltlos und beständig hingeben wol­len, müssen wir über jede andere Motivation hin­ausgehen. Dies ist das endgültige, tiefste, größte Motiv, der letzte Grund und Sinn von allem an­deren: Es geht um die Herrlichkeit des Vaters, die Jesus während seines ganzen Lebens suchte. Er ist der Sohn, der ewig glücklich mit seinem ganzen Sein »am Herzen des Vaters ruht« (Joh 1,18). Wenn wir Missionare sind, dann vor allem deswegen, weil Jesus uns gesagt hat: »Mein Vater wird dadurch verherrlich, dass ihr reiche Frucht bringt« (Joh 15,8). Über all das hinaus, was uns liegt oder nicht, was uns interessiert oder nicht, uns nützlich ist oder nicht, über die engen Gren­zen unserer Wünsche, unseres Verstehens und unserer Beweggründe hinaus verkünden wir das Evangelium zur größeren Ehre des Vaters, der uns liebt.

Das geistliche Wohlgefallen, Volk zu sein
268.
Das Wort Gottes lädt uns auch ein zu er­kennen, dass wir ein Volk sind: »Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk« (1 Petr 2,10). Um aus tiefster Seele Verkünder des Evangeliums zu sein, ist es auch nötig, ein geistliches Wohlgefallen daran zu finden, nahe am Leben der Menschen zu sein, bis zu dem Punkt, dass man entdeckt, dass dies eine Quelle höherer Freude ist. Die Mission ist eine Leiden­schaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk. Wenn wir vor dem gekreuzigten Jesus verweilen, erkennen wir all seine Liebe, die uns Würde verleiht und uns trägt; wenn wir aber nicht blind sind, beginnen wir zugleich wahrzu­nehmen, dass dieser Blick Jesu sich weitet und sich voller Liebe und innerer Glut auf sein gan­zes Volk richtet. So entdecken wir wieder neu, dass er uns als Werkzeug nehmen will, um sei­nem geliebten Volk immer näher zu kommen. Er nimmt uns aus der Mitte des Volkes und sendet uns zum Volk, sodass unsere Identität nicht ohne diese Zugehörigkeit verstanden werden kann.

269.
Jesus selbst ist das Vorbild dieser Ent­scheidung zur Verkündigung des Evangeliums, die uns in das Herz des Volkes hineinführt. Wie gut tut es uns, zu sehen, wie er allen so nahe ist! Wenn Jesus mit jemandem sprach, sah er ihn in tiefer liebevoller Zuneigung an: »Jesus sah ihn an und liebte ihn« (Mk 10,21). Wir sehen ihn zu­gänglich, als er sich dem Blinden auf dem Weg nähert (vgl. Mk 10.46-52) und als er mit den Sündern isst und trinkt (vgl. Mk 2,16), ohne sich darum zu kümmern, dass einige ihn als Fresser und Säufer betrachten (vgl. Mt 11,19). Wir sehen ihn verfügbar, als er zulässt, dass eine Dirne seine Füße salbt (vgl. Lk 7,36-50), oder als er Nikode­mus des Nachts empfängt (vgl. Joh 3,1-15). Die Hingabe Jesu am Kreuz ist nichts anderes als der Höhepunkt dieses Stils, der sein ganzes Leben prägte. Von seinem Vorbild fasziniert, möchten wir uns vollständig in die Gesellschaft einglie­dern, teilen wir das Leben mit allen, hören ihre Sorgen, arbeiten materiell und spirituell mit ih­nen in ihren Bedürfnissen, freuen uns mit denen, die fröhlich sind, weinen mit denen, die weinen, und setzen uns Seite an Seite mit den anderen für den Aufbau einer neuen Welt ein. Aber wir tun dies nicht aus Pflicht, nicht wie eine Last, die uns aufreibt, sondern in einer persönlichen Ent­scheidung, die uns mit Freude erfüllt und eine Identität gibt.

270.
Zuweilen verspüren wir die Versuchung, Christen zu sein, die einen sicheren Abstand zu den Wundmalen des Herrn halten. Jesus aber will, dass wir mit dem menschlichen Elend in Berührung kommen, dass wir mit dem leiden­den Leib der anderen in Berührung kommen. Er hofft, dass wir darauf verzichten, unsere per­sönlichen oder gemeinschaftlichen Zuflüchte zu suchen, die uns erlauben, gegenüber dem Kern des menschlichen Leids auf Distanz zu bleiben, damit wir dann akzeptieren, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen und die Kraft der Zartheit kennen ler­nen. Wenn wir das tun, wird das Leben für uns wunderbar komplex, und wir machen die tiefe Erfahrung, Volk zu sein, die Erfahrung, zu ei­nem Volk zu gehören.

271.
Es ist wahr, dass wir in unserer Bezie­hung mit der Welt aufgefordert sind, Rede und Antwort zu stehen für unsere Hoffnung, aber nicht als Feinde, die anzeigen und verurteilen. Sehr klar werden wir ermahnt: »Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig« (1 Petr 3,16), und: »Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Men­schen Frieden!« (Röm 12,18). Ebenso werden wir aufgefordert zu versuchen, »das Böse durch das Gute« zu besiegen (Röm 12,21), ohne müde zu werden, »das Gute zu tun« (Gal 6,9), und ohne höher erscheinen zu wollen, »sondern in Demut schätze der eine den andern höher ein als sich selbst« (Phil 2,3). Tatsächlich waren die Apostel des Herrn »beim ganzen Volk beliebt« (Apg 2,47; vgl. 4,21.33; 5,13). Es ist klar, dass Jesus Chris-tus uns nicht als Fürsten will, die abfällig her­abschauen, sondern als Männer und Frauen des Volkes. Das ist nicht die Meinung eines Papstes, noch eine pastorale Option unter möglichen an­deren. Es sind so klare, direkte und überzeugen­de Weisungen des Wortes Gottes, dass sie kei­ner Interpretation bedürfen, die ihnen nur ihre mahnende Kraft nehmen würden. Leben wir sie »sine glossa« – ohne Kommentare. Auf diese Wei­se erfahren wir die missionarische Freude, das Leben mit dem Volk zu teilen, das Gott treu ist, und versuchen zugleich, das Feuer im Herzen der Welt zu entzünden.

272.
Die Liebe zu den Menschen ist eine geist­liche Kraft, welche die volle Begegnung mit Gott erleichtert, denn wer den Bruder nicht liebt, »geht in der Finsternis« (1 Joh 2,11), »bleibt im Tod« (1 Joh 3,14) und »hat Gott nicht erkannt« (1 Joh 4,8). Benedikt XVI. sagte, »dass die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind macht«209 und dass die Liebe letztlich das einzige Licht ist, »das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt.«210 Wenn wir daher die „Mystik“ leben, auf die an­

209 Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), 16: AAS 98 (2006), 230.
210 Ibid., 39: AAS 98 (2006), 250.
deren zuzugehen und ihr Wohl zu suchen, weiten wir unser Inneres, um die schönsten Geschenke des Herrn zu empfangen. Jedes Mal wenn wir ei­nem Menschen in Liebe begegnen, werden wir fähig, etwas Neues von Gott zu entdecken. Je­des Mal wenn wir unsere Augen öffnen, um den anderen zu erkennen, wird unser Glaube weiter erleuchtet, um Gott zu erkennen. Infolgedes­sen können wir, wenn wir im geistlichen Leben wachsen wollen, nicht darauf verzichten, missio­narisch zu sein. Die Aufgabe der Evangelisierung bereichert Herz und Sinn, eröffnet uns geistliche Horizonte, macht uns empfänglicher, um das Wirken des Heiligen Geistes zu erkennen, und führt uns aus unseren engen geistlichen Schablo­nen heraus. Gleichzeitig erfährt ein engagierter Missionar die Freude, eine Quelle zu sein, die überfließt und die anderen erfrischt. Missionar kann nur sein, wer sich wohl fühlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, das Glück der anderen will. Diese Öffnung des Herzens ist ein Quell des Glücks, denn »geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35). Keiner hat ein besseres Leben, wenn er die anderen flieht, sich versteckt, sich weigert teilzunehmen, widersteht zu geben, sich in sei­ne Bequemlichkeit einschließt. Dies kommt viel­mehr einem langsamen Selbstmord gleich.
273.
Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein An­hang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausrei­ßen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber „gebrandmarkt” ist für diese Missi­on, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, auf­zurichten, zu heilen, zu befreien. Da zeigt sich, wer aus ganzer Seele Krankenschwester, aus gan­zer Seele Lehrer, aus ganzer Seele Politiker ist – diejenigen, die sich zutiefst dafür entschieden haben, bei den anderen und für die anderen da zu sein. Wenn hingegen einer die Pflicht auf der einen Seite und die Privatsphäre auf der anderen Seite voneinander trennt, dann wird alles grau, und er wird ständig Anerkennung suchen oder seine eigenen Bedürfnisse verteidigen. So wird er aufhören, „Volk“ zu sein.

274.
Um das Leben mit den Menschen zu teilen und uns ihnen großherzig zu widmen, müssen wir auch anerkennen, dass jeder Mensch unserer Hingabe würdig ist. Nicht wegen seiner körperli­chen Gestalt, seiner Fähigkeiten, seiner Sprache, seines Denkens oder der Befriedigung, die wir erhalten, sondern weil er Werk Gottes, sein Ge­schöpf ist. Dieser hat ihn als sein Abbild erschaf­fen, und er spiegelt etwas von Gottes Herrlichkeit wider. Jeder Mensch ist Objekt der unendlichen zarten Liebe des Herrn, und er selbst wohnt in seinem Leben. Jesus Christus hat sein kostbares Blut am Kreuz für diesen Menschen vergossen. Jenseits aller äußeren Erscheinung ist jeder unend­lich heilig und verdient unsere Liebe und unsere Hingabe. Deswegen, wenn ich es schaffe, nur einem Men­schen zu helfen, ein besseres Leben zu haben, rechtfertigt dies schon den Einsatz meines Le­bens. Es ist schön, gläubiges Volk Gottes zu sein. Und die Fülle erreichen wir, wenn wir die Wände einreißen und sich unser Herz mit Gesichtern und Namen füllt!

Das geheimnisvolle Wirken des Auferstandenen und sei­nes Geistes
275.
Im zweiten Kapitel haben wir über den Mangel an tiefer Spiritualität nachgedacht, der im Pessimismus, Fatalismus und Misstrauen seinen Niederschlag findet. Manche Menschen setzen sich nicht für die Mission ein, da sie meinen, dass nichts verändert werden kann, und es ihnen dann sinnlos erscheint, sich anzustrengen. Sie denken so: „Warum soll ich auf meine Annehmlichkei­ten und Vergnügen verzichten, wenn ich kein be­deutendes Ergebnis sehen werde?“ Mit solcher Haltung wird es unmöglich, Missionar zu sein. Diese Haltung ist gerade eine üble Ausrede, um in der Bequemlichkeit, in der Faulheit, in der un­befriedigten Traurigkeit und der selbstsüchtigen Leere eingeschlossen zu bleiben. Es handelt sich um eine selbstzerstörerische Haltung, denn »der Mensch kann nicht ohne Hoffnung leben; sein Leben wäre zur Bedeutungslosigkeit verurteilt und würde unerträglich.«211 Wenn wir denken, die Dinge werden sich nicht ändern, dann erin­nern wir uns daran, dass Jesus Christus die Sünde und den Tod besiegt hat und voller Macht ist. Jesus Christus lebt wirklich. Anders hieße das: »Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos« (1 Kor 15,14). Das Evangelium berichtet uns, was geschah, als die ersten Jünger auszogen und predigten: »Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung (Mk 16,20). Das geschieht auch heute. Wir sind eingeladen, es zu entdecken, es zu leben. Der auferstandene und verherrlichte Christus ist die tiefe Quelle unse­rer Hoffnung, und wir werden nicht ohne seine Hilfe sein, um die Mission zu erfüllen die er uns anvertraut.

276.
Seine Auferstehung gehört nicht der Ver­gangenheit an; sie beinhaltet eine Lebenskraft, die die Welt durchdrungen hat. Wo alles tot zu sein scheint, sprießen wieder überall Anzeichen der Auferstehung hervor. Es ist eine unvergleich­liche Kraft. Es ist wahr, dass es oft so scheint, als existiere Gott nicht: Wir sehen Ungerechtig­keit, Bosheit, Gleichgültigkeit und Grausamkeit, die nicht aufhören. Es ist aber auch gewiss, dass mitten in der Dunkelheit immer etwas Neues aufkeimt, das früher oder später Frucht bringt. Auf einem eingeebneten Feld erscheint wieder

211 II. Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlussbotschaft, 1: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 29, Nr. 46 (12. November 1999), S. 10.
das Leben, hartnäckig und unbesiegbar. Es mag viel Dunkles geben, doch das Gute neigt dazu, immer wiederzukommen, aufzukeimen und sich auszubreiten. Jeden Tag wird in der Welt die Schönheit neu geboren, die durch die Stürme der Geschichte verwandelt wieder aufersteht. Die Werte tendieren dazu, immer wieder auf neue Weise zu erscheinen, und tatsächlich ist der Mensch oft aus dem, was unumkehrbar schien, zu neuem Leben erstanden. Das ist die Kraft der Auferstehung, und jeder Verkünder des Evange­liums ist ein Werkzeug dieser Dynamik.
277.
Ebenso treten ständig neue Schwierig­keiten auf, die Erfahrung des Misserfolgs, die menschlichen Kleinlichkeiten, die sehr wehtun. Wir alle wissen aus Erfahrung, dass manchmal eine Aufgabe nicht die Befriedigung bietet, die wir wünschten, die Ergebnisse gering sind und die Veränderungen langsam; man ist versucht, überdrüssig zu werden. Jedoch ist es nicht das Gleiche, wenn einer aus Überdruss die Arme vorübergehend hängen lässt oder wenn er sie für immer hängen lässt, weil er von einer chro­nischen Unzufriedenheit beherrscht wird, von einer Trägheit, welche seine Seele austrocknet. Es kann vorkommen, dass das Herz des Ringens überdrüssig wird, weil es im Grunde sich selbst sucht in einem Karrierestreben, das nach An­erkennung, Beifall, Auszeichnungen und Rang dürstet. Dann lässt einer nicht die Arme hängen, sondern hat kein Charisma mehr, es fehlt ihm die Auferstehung. So bleibt das Evangelium, die schönste Botschaft, die diese Welt hat, unter vie­len Ausreden begraben.

278.
Glaube bedeutet auch, Gott zu glauben, zu glauben, dass es wahr ist, dass er uns liebt, dass er lebt, dass er fähig ist, auf geheimnisvol­le Weise einzugreifen, dass er uns nicht verlässt, dass er in seiner Macht und seiner unendlichen Kreativität Gutes aus dem Bösen hervorgehen lässt. Es bedeutet zu glauben, dass er siegreich in der Geschichte fortschreitet zusammen mit den »Berufenen, Auserwählten und Treuen« (Offb 17,14). Glauben wir dem Evangelium, das sagt, dass das Reich Gottes schon in der Welt da ist, hier und dort auf verschiedene Art und Weise wächst – wie das kleine Samenkorn, das zu einem großen Baum werden kann (vgl. Mt 13,31-32), wie die Hand voll Sauerteig, der eine große Mas­se durchsäuert (vgl. Mt 13,33), und wie der gute Samen, der mitten unter dem Unkraut wächst (vgl. Mt 13,24-30) – und uns immer angenehm überraschen kann. Es ist da, es kommt wieder, es kämpft, um von neuem zu blühen. Die Auferste­hung Christi bringt überall Keime dieser neuen Welt hervor; und selbst wenn sie abgeschnitten werden, treiben sie wieder aus, denn die Auf­erstehung des Herrn hat schon das verborgene Treiben dieser Geschichte durchdrungen, denn Jesus ist nicht umsonst auferstanden. Bleiben wir in diesem Lauf der lebendigen Hoffnung keine Randfiguren!

279.
Da wir nicht immer diese aufkeimenden Sprossen sehen, brauchen wir eine innere Gewiss-
heit und die Überzeugung, dass Gott in jeder Si­tuation handeln kann, auch inmitten scheinbarer Misserfolge, denn »diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen« (2 Kor 4,7). Diese Ge­wissheit ist das, was »Sinn für das Mysterium« genannt wird. Es bedeutet, mit Bestimmtheit zu wissen, dass sicher Frucht bringen wird (vgl. Joh 15,5), wer sich Gott aus Liebe darbringt und sich ihm hingibt. Diese Fruchtbarkeit ist oft nicht sichtbar, nicht greifbar und kann nicht gemessen werden. Man weiß wohl, dass das eigene Leben Frucht bringen wird, beansprucht aber nicht zu wissen wie, wo oder wann. Man hat die Sicher­heit, dass keine der Arbeiten, die man mit Liebe verrichtet hat, verloren geht, dass keine der ehrli­chen Sorgen um den Nächsten, keine Tat der Lie­be zu Gott, keine großherzige Mühe, keine leid­volle Geduld verloren ist. All das kreist um die Welt als eine lebendige Kraft. Manchmal kommt es uns vor, als habe unsere Arbeit kein Ergebnis gebracht, aber die Mission ist weder ein Geschäft noch ein unternehmerisches Projekt, sie ist keine humanitäre Organisation, keine Veranstaltung, um zu zählen, wie viele dank unserer Propaganda daran teilgenommen haben; es ist etwas viel Tie­feres, das sich jeder Messung entzieht. Vielleicht verwendet der Herr unsere Hingabe, um Segen zu spenden an einem anderen Ort der Welt, wo wir niemals hinkommen werden. Der Heilige Geist handelt wie er will, wann er will und wo er will; wir aber setzen uns ohne den Anspruch ein, auffällige Ergebnisse zu sehen. Wir wissen nur, dass unsere Hingabe notwendig ist. Lernen wir, in den zärtlichen Armen des Vaters zu ru­hen, inmitten unserer kreativen und großherzi­gen Hingabe. Machen wir weiter, geben wir ihm alles, aber lassen wir zu, dass er es ist, der unsere Mühen fruchtbar macht, wie es ihm gefällt.

280.
Um den missionarischen Eifer lebendig zu halten, ist ein entschiedenes Vertrauen auf den Heiligen Geist vonnöten, denn er »nimmt sich unserer Schwachheit an« (Röm 8,26). Aber dieses großherzige Vertrauen muss genährt wer­den, und dafür müssen wir den Heiligen Geist beständig anrufen. Er kann alles heilen, was uns im missionarischen Bemühen schwächt. Es ist wahr, dass dieses Vertrauen auf den Un­sichtbaren in uns ein gewisses Schwindelgefühl hervorrufen kann: Es ist wie ein Eintauchen in ein Meer, wo wir nicht wissen, was auf uns zu kommen wird. Ich selbst habe das viele Male er­lebt. Es gibt aber keine größere Freiheit, als sich vom Heiligen Geist tragen zu lassen, darauf zu verzichten, alles berechnen und kontrollieren zu wollen, und zu erlauben, dass er uns erleuchtet, uns führt, uns Orientierung gibt und uns treibt, wohin er will. Er weiß gut, was zu jeder Zeit und in jedem Moment notwendig ist. Das heißt, in geheimnisvoller Weise fruchtbar sein!

Die missionarische Kraft des Fürbittgebets
281.
Es gibt eine Gebetsform, die uns beson­ders anspornt, uns der Evangelisierung zu wid­men, und uns motiviert, das Wohl der anderen zu suchen: das Fürbittgebet. Schauen wir für einen Augenblick in das Innere eines großen Evangeli­sierers wie des heiligen Paulus, um zu verstehen, wie sein Gebet war. Dieses Gebet war angefüllt mit Menschen: »Immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude […] weil ich euch ins Herz geschlossen habe« (Phil 1,4.7). So entde-cken wir, dass uns das Fürbittgebet nicht von der echten Betrachtung abbringt, denn die Betrach­tung, welche die anderen draußen lässt, ist eine Täuschung.

282.
Diese Haltung wird auch zu einem Dank an Gott für die anderen: »Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle« (Röm 1,8). Es ist ein beständiges Danken: »Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gna­de Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde« (1 Kor 1,4). »Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke« (Phil 1,3). Es ist kein ungläubiger, negativer und hoffnungsloser Blick, sondern ein geistlicher Blick aus tiefem Glauben, der anerkennt, was Gott selbst in ihnen wirkt. Zugleich ist es die Dankbarkeit, die einem Herzen entspringt, das wirklich aufmerksam ist gegenüber den anderen. Auf diese Weise ist das Herz des Evangelisierenden, wenn er sich vom Gebet erhebt, großzügiger geworden, befreit von einer abgeschotteten Geisteshaltung und begie­rig, das Gute zu tun und das Leben mit den an­deren zu teilen.

283.
Die großen Männer und Frauen Gottes waren große Fürbitter. Das Fürbittgebet ist wie ein „Sauerteig“ im Schoß der Dreifaltigkeit. Es ist ein Eingehen in den Vater und ein Entde-cken neuer Dimensionen, welche die konkreten Situationen erhellen und verändern. Wir können sagen, dass das Herz Gottes durch unser Fürbitt­gebet gerührt wird, aber in Wirklichkeit kommt er uns immer zuvor, und was wir mit unserem Fürbittgebet ermöglichen, ist, dass seine Macht, seine Liebe und seine Treue sich mit größerer Klarheit unter dem Volk zeigen.

II.
Maria, die Mutter der Evangelisierung

284.
Zusammen mit dem Heiligen Geist ist mitten im Volk immer Maria. Sie versammelt die Jünger, um ihn anzurufen (Apg 1,14), und so hat sie die missionarische Explosion zu Pfingsten möglich gemacht. Maria ist die Mutter der mis­sionarischen Kirche, und ohne sie können wir den Geist der neuen Evangelisierung nie ganz verstehen.

Ein Geschenk Jesu an sein Volk
285.
Am Kreuz, als Jesus in seinem Fleisch die dramatische Begegnung zwischen der Sünde der Welt und dem Erbarmen Gottes erlitt, konnte er zu seinen Füßen die tröstliche Gegenwart seiner Mutter und seines Freundes sehen. In diesem entscheidenden Augenblick, ehe er das Werk vollbrachte, das der Vater ihm aufgetragen hatte, sagte Jesus zu Maria: »Frau, siehe, dein Sohn!« Dann sagte er zum geliebten Freund: »Siehe, dei­ne Mutter!« (Joh 19,26.27). Diese Worte Jesu an der Schwelle des Todes drücken in erster Linie nicht eine fromme Sorge um seine Mutter aus, sondern sind vielmehr eine Aussage der Offen­barung, die das Geheimnis einer besonderen Heilssendung zum Ausdruck bringt. Jesus hin­terließ uns seine Mutter als unsere Mutter. Erst nachdem er das getan hatte, konnte Jesus spüren, dass »alles vollbracht war« (Joh 19,28). Zu Füssen des Kreuzes, in der höchsten Stunde der neuen Schöpfung führt uns Christus zu Maria. Er führt uns zu ihr, da er nicht will, dass wir ohne eine Mutter gehen, und das Volk liest in diesem müt­terlichen Bild alle Geheimnisse des Evangeliums. Dem Herrn gefällt es nicht, dass seiner Kirche das weibliche Bild fehlt. Maria, die ihn in gro­ßem Glauben zur Welt brachte, begleitet auch »ihre übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten« (Offb 12,17). Die innere Verbindung zwischen Maria, der Kirche und jedem Gläubi­gen, insofern sie auf verschiedene Art und Weise Christus hervorbringen, wurde vom seligen Isaak von Stella sehr schön zum Ausdruck gebracht: »Was daher in den von Gott inspirierten Schrif­ten von der jungfräulichen Mutter Kirche in umfassendem Sinn gesagt wird, das gilt von der Jungfrau Maria im Einzelnen. […] Leicht erkennt der Verstand in beiden auch die glaubende Seele, die Braut des Wortes Gottes, die Mutter Christi, Tochter und Schwester, Jungfrau und fruchtba­re Mutter. […] Im Mutterschoß Marias als sei­nem Zelt weilte Christus neun Monate; im Zelt der glaubenden Kirche bis ans Ende der Welt; in der Erkenntnis und Liebe der glaubenden Seele bleibt er auf ewig.«212

286.
Maria versteht es, mit ein paar ärmlichen Windeln und einer Fülle zärtlicher Liebe einen Tierstall in das Haus Jesu zu verwandeln. Sie ist die Magd des Vaters, die in Lobpreis ausbricht. Sie ist die Freundin, die stets aufmerksam ist, dass der Wein in unserem Leben nicht fehlt. Sie, deren Herz von einem Schwert durchdrungen wurde, versteht alle Nöte. Als Mutter von allen ist sie Zeichen der Hoffnung für die Völker, die Geburtswehen leiden, bis die Gerechtigkeit her­vorbricht. Sie ist die Missionarin, die uns nahe kommt, um uns im Leben zu begleiten, und da­bei in mütterlicher Liebe die Herzen dem Glau­ben öffnet. Als wahre Mutter geht sie mit uns, streitet für uns und verbreitet unermüdlich die Nähe der Liebe Gottes. Durch die verschiede­nen marianischen Anrufungen, die gewöhnlich mit den Heiligtümern verbunden sind, teilt sie die Geschichte jedes Volkes, das das Evangelium angenommen hat, und wird zu einem Teil seiner

212 Isaak von Stella, Sermo 51: PL 194,1863.1856.
geschichtlichen Identität. Viele christliche Väter bitten darum, dass ihre Kinder in einem Marien­heiligtum getauft werden, und zeigen damit ihren Glauben an das mütterliche Wirken Marias, die für Gott neue Kinder hervorbringt. Dort in den Heiligtümern kann man beobachten, wie Maria ihre Kinder um sich versammelt, die unter großer Anstrengung als Pilger kommen, um sie zu se­hen und von ihr gesehen zu werden. Hier finden sie die Kraft Gottes, um die Leiden und Mühen des Lebens zu ertragen. Wie dem heiligen Juan
Diego gibt sie ihnen mit zärtlicher Liebe ihren mütterlichen Trost und flüstert ihnen zu: »Dein Herz beunruhige sich nicht [...] Bin denn ich, die ich doch deine Mutter bin, etwa nicht hier?«213
Der Stern der neuen Evangelisierung
287.
Die Mutter des lebendigen Evangeliums bitten wir um ihre Fürsprache, dass diese Einla­dung zu einer neuen Phase der Verkündigung des Evangeliums von der ganzen Gemeinschaft der Kirche angenommen werde. Sie ist die Frau des Glaubens, die im Glauben lebt und unterwegs ist,214 und »ihr außergewöhnlicher Pilgerweg des Glaubens stellt so einen bleibenden Bezugspunkt dar für die Kirche«.215 Sie ließ sich vom Heiligen

213 Nican Mopohua, 118-119.
214 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 52-69.
215 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater (25. März 1987), 6: AAS 79 (1987), 366.
Geist auf einem Weg des Glaubens zu einer Be­stimmung des Dienstes und der Fruchtbarkeit führen. Heute richten wir unseren Blick auf sie, dass sie uns helfe, allen die Botschaft des Heils zu verkünden, und dass alle neuen Jünger zu Ver­kündern des Evangeliums werden.216 Auf diesem Pilgerweg der Evangelisierung fehlen nicht die Phasen der Trockenheit, des Dunkels bis hin zu mancher Mühsal, wie sie Maria während der Jah­re in Nazaret erlebt hat, als Jesus heranwuchs: »Dieser ist der Anfang des Evangeliums, der gu­ten, frohen Botschaft. Es ist aber nicht schwer, in jenem Anfang auch eine besondere Mühe des Herzens zu erkennen, die mit einer gewissen „Nacht des Glaubens“ verbunden ist – um ein Wort des heiligen Johannes vom Kreuz zu ge­brauchen –, gleichsam ein „Schleier“, durch den hindurch man sich dem Unsichtbaren nahen und mit dem Geheimnis in Vertrautheit leben muss. Auf diese Weise lebte Maria viele Jahre in Ver­trautheit mit dem Geheimnis ihres Sohnes und schritt voran auf ihrem Glaubensweg.«217
288.
Es gibt einen marianischen Stil bei der missionarischen Tätigkeit der Kirche. Denn je­des Mal, wenn wir auf Maria schauen, glauben wir wieder an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe. An ihr sehen wir, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwa­

216 Vgl. Propositio 58.
217 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater (25. März 1987), 17: AAS 79 (1987), 381.
chen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen. Wenn wir auf Maria schauen, sehen wir, dass diejenige, die Gott lobte, weil er »die Mächtigen vom Thron stürzt« und »die Reichen leer ausgehen lässt« (vgl. Lk 1,52.53), in unsere Suche nach Gerechtigkeit Geborgenheit bringt. Auch bewahrt sie sorgfältig »alles in ihrem Her­zen und denkt darüber nach« (vgl. Lk 2,19). Ma­ria weiß, die Spuren des Geistes Gottes in den großen Geschehnissen zu erkennen und auch in denen, die nicht wahrnehmbar scheinen. Sie betrachtet das Geheimnis Gottes in der Welt, in der Geschichte und im täglichen Leben von jedem und allen Menschen. Sie ist die betende und arbeitende Frau in Nazaret, und sie ist auch unsere Frau von der unverzüglichen Bereitschaft, die aus ihrem Dorf aufbricht, um den anderen »eilends« (vgl. Lk 1,39) zu helfen. Diese Dyna­mik der Gerechtigkeit und der Zärtlichkeit, des Betrachtens und des Hingehens zu den anderen macht Maria zu einem kirchlichen Vorbild für die Evangelisierung. Wir bitten sie, dass sie uns mit ihrem mütterlichen Gebet helfe, damit die Kirche ein Haus für viele werde, eine Mutter für alle Völker, und dass die Entstehung einer neuen Welt möglich werde. Der Auferstandene sagt uns mit einer Macht, die uns mit großer Zuversicht und fester Hoffnung erfüllt: »Seht, ich mache al­les neu« (Offb 21,5). Mit Maria gehen wir vertrau­ensvoll diesem Versprechen entgegen und sagen zu ihr:
Jungfrau und Mutter Maria,
vom Heiligen Geist geführt
nahmst du das Wort des Lebens auf,
in der Tiefe deines demütigen Glaubens
ganz dem ewigen Gott hingegeben.
Hilf uns, unser »Ja« zu sagen
angesichts der Notwendigkeit, die dringlicher ist denn je,
die Frohe Botschaft Jesu erklingen zu lassen.
Du, von der Gegenwart Christi erfüllt,
brachtest die Freude zu Johannes dem Täufer
und ließest ihn im Schoß seiner Mutter frohlocken.
Du hast, bebend vor Freude,
den Lobpreis der Wundertaten Gottes gesungen.
Du verharrtest standhaft unter dem Kreuz
in unerschütterlichem Glauben
und empfingst den freudigen Trost der Auferstehung,
du versammeltest die Jünger
in der Erwartung des Heiligen Geistes,
damit die missionarische Kirche entstehen konnte.
Erwirke uns nun einen neuen Eifer als Auferstandene,
um allen das Evangelium des Lebens zu bringen,
das den Tod besiegt.
Gib uns den heiligen Wagemut, neue Wege zu suchen,
damit das Geschenk der Schönheit, die nie erlischt,
zu allen gelange.
Du, Jungfrau des hörenden Herzens und des Betrachtens,
Mutter der Liebe, Braut der ewigen Hochzeit,
tritt für die Kirche ein, deren reinstes Urbild du bist,
damit sie sich niemals verschließt oder still steht
in ihrer Leidenschaft, das Reich Gottes aufzubauen.
Stern der neuen Evangelisierung,
hilf uns, dass wir leuchten
im Zeugnis der Gemeinschaft,
des Dienstes, des brennenden und hochherzigen Glaubens,
der Gerechtigkeit und der Liebe zu den Armen,
damit die Freude aus dem Evangelium
bis an die Grenzen der Erde gelange
und keiner Peripherie sein Licht vorenthalten werde.
Mutter des lebendigen Evangeliums,
Quelle der Freude für die Kleinen,
bitte für uns.
Amen. Halleluja!


Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, zum Ab­schluss des Jahres des Glaubens, am 24. November – Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, König des Weltalls – im Jahr 2013, dem ersten meines Pontifikats.

 


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